FC Bayern München: Das zweite Jahr ohne Titel

Die Grausamkeit des Fußballs

Die Niederlage des FC Bayern München im Endspiel der UEFA Champions League 2012 war gerade einmal gut eine Stunde alt, da fanden sich bereits die ersten Kopf-hoch-Beiträge in den Online-Ausgaben diverser deutscher Medien. Schneller als die schnellsten Schnellschreiber bilanzierten, analysierten und kommentierten einige Journalisten den Ausgang des Finales und die nun zweite titellose Saison des deutschen Rekordmeisters in Folge – was unterm Strich bedeutet, sie hatten für den Fall einer Bayern-Niederlage vorsorglich schon mal einen Artikel auf Halde geschrieben. Man weiß ja schließlich nie.

So ist eben das Geschäft. Es zählt zu den Grausamkeiten des Fußballs, dass am Ende nur das Ergebnis wichtig ist. Eine weitere Grausamkeit ist, dass im Fußball nichts so alt ist wie der Erfolg von gestern. Und eine weitere, dass im Falle eines wie auch immer gearteten »Misserfolgs« grundsätzlich alles in Frage gestellt wird – ob dies gerechtfertigt ist oder nicht.

Fangen wir mit Blick auf das Champions-League-Finale also mit dem Spiel an, dessen Ergebnis bekanntlich für den FC Chelsea spricht. Da Fußballpartien in der Rückschau beurteilt werden, war es nun eine defensivtaktische Meisterleistung der Londoner, die mit riesiger Disziplin verteidigt und die Räume zugelaufen haben. Hätte hingegen der FC Bayern die Partie gewonnen, wäre heute die Rede vom gerechten Lohn für die offensivere und aktivere Spielweise. In München wäre man freudetrunken, in England würde an Köpfen und Stühlen gesägt.

Ich tue mich prinzipiell schwer damit, von unverdienten Siegen zu sprechen. Grundsätzlich kann ich mich an nur ganz wenige Spiele erinnern, deren Ausgang ich als wirklich ungerecht empfunden habe. Wenn, dann waren dies Begegnungen, in denen sich der Erfolg entweder irgendwie durch Schwalben ermogelt oder mit hinterhältigen Nickeligkeiten und brutalen Fouls erkämpft wurde. Aber selbst bei Diego Maradonas »Hand Gottes« in all ihrer unsäglichen Unsportlichkeit gibt es noch die Kehrseite dieses späteren unvergleichlichen Sololaufs, die es (mir) schwer macht, Spieler und Spiel in Bausch und Bogen zu verdammen.

Was nun Chelsea betrifft, bleibt festzuhalten: Die Blues haben nicht unfair gespielt, haben keine Zeit geschunden und nicht zu provozieren versucht. Sie haben einfach »nur« konsequent defensiv gespielt – riskant und verwunderlich angesichts der Tatsache, dass es für Didier Drogba, Frank Lampard und John Terry das vermutlich letzte große Hurra war, aber letztlich erfolgreich.

Festzuhalten bleibt auch, dass Bayern München alle Trümpfe in der Hand hatte und wieder hergegeben hat. Da war erst das später Tor des Willens von Thomas Müller, dieser nicht sauber getroffene und deshalb irgendwie »dreckige« Kopfball, der aber genau deswegen die ganze Entschlossenheit der Hausherren symbolisierte. Der Ausgleich von Chelsea war im Vergleich dazu das genaue Gegenteil: einstudiert und nüchtern, ein Sinnbild der Londoner Spielweise.

Es folgte der Strafstoß in der Verlängerung, von Drogba nachgerade dämlich verursacht und unstrittig, von Arjen Robben ebenso unstrittig schlecht geschossen und vergeben – mehr aber auch nicht. Es ist zu billig, jetzt zu sagen, der Niederländer hätte gegen seinen Ex-Verein nicht schießen sollen. Nicht, nachdem man ihn zuvor wegen seines Mutes und der übernommenen Verantwortung beim Elfmeter gegen seinen Ex-Verein Real Madrid gelobt hat. Eine Debatte um den angeblichen »Alleinikow« wäre verfehlt. Introvertiertheit ist nicht notwendigerweise gleich Egoismus.

Auch über Manuel Neuers Rolle beim 1:1 verbietet sich eigentlich jede Diskussion. Drogbas Kopfball war unhaltbar, fertig. Da war nichts zu machen. Manchmal ist es wirklich so einfach und so unbefriedigend zugleich.

Im Elfmeterschießen schließlich ging es wieder optimal los für den FC Bayern, aber Manuel Neuers Parade gleich des ersten Schusses führte trotzdem nicht zur erforderlichen Sicherheit. Chelsea bezog Mut und Selbstvertrauen aus dem Fakt, dass sich offenbar mehrere Münchener Spieler nicht recht anzutreten trauten. Anders Diedier Drogba, der seine wohl letzte Chance auf einen großen Titel eiskalt nutzte.

Ob das alles jetzt wirklich gleich ein »Trauma«, ein »Alptraum«, eine »Katastrophe« und ein »Fiasko« ist – ich weiß nicht. Wenn ein Verein binnen zwei Jahren zwei mal ins Endspiel der Champions League einzieht, ist das aus meiner Sicht zunächst mal eine von Konstanz auf höchstem Niveau zeugende Bilanz. Trainer Jupp Heynckes hat es zudem verstanden, die Mannschaft weiterzuentwickeln und Baustellen zu schließen, indem er Philipp Lahm auf die rechte Seite versetzte, David Alaba eine feste Position links in der Viererkette gab und Diego Contento seine Einsatzzeiten zubilligte. Die angeblich so anfällige Münchener Hintermannschaft jedenfalls stand im Champions-League-Finale trotz vermeintlicher Notbesetzung selbst über 120 Minuten sehr sicher.

In der nächsten Saison kommen nun mit Dante, Xherdan Shaquiri und Emre Can mindestens drei Spieler hinzu, die den Kader sehr punktgenau verstärken. Es fehlt allenfalls noch ein Angreifer, der für oder neben Mario Gomez spielen kann. Dann hat der FC Bayern einen Kader, in dem wirklich jede Position doppelt besetzt ist, der zugleich eingespielt ist und mit Bastian Schweinsteiger, Holger Badstuber, Alaba, Can und Lahm vergleichsweise viele Spieler aus der eigenen Jugend aufweist, deren Identifikation mit dem Verein entsprechend hoch ist.

Wenn der FC Bayern in den letzten Jahren überhaupt einen Fehler gemacht hat, dann war es das konstante Überbetonen seiner Mia-san-mia-Mentalität. Fürs Marketing ist so ein in güldenen Lettern aufs Trikot gestickter Corporate-Identity-Slogan sicher toll. Wenn drei kleine Wörter die vom Verein gelebte und gepflegte Polarisierung so ausdrücken, dann muss man sagen, die PR-Abteilung hat einen sauguten Job gemacht.

Leistungsfördernd war dieser Schachzug jedoch offensichtlich nicht unbedingt. Wer vor lauter Kraft(meierei) kaum laufen kann, dem geht zugleich auch buchstäblich die Leichtfüßigkeit ab. Und sich nach der insgesamt fünften Niederlage gegen Borussia Dortmund in Serie und einem 2:5 im Pokalfinale hinzustellen und sich sowohl trainer- als auch spielerseitig als angeblich bessere Mannschaft verkaufen zu wollen, erweckt bei aller angebrachten Würdigung positiver Aspekte dann doch allzu rasch den Eindruck, als litten sie in München nicht bloß unter Realitätsverlust sondern würden ihn sogar genießen.

Richtig nachdenklich stimmt mich aber vor allem, dass ein Spieler wie Philipp Lahm in seinen Statements teilweise wirklich schon den Eindruck erweckt, als sei er Teil einer Loser-Truppe, die noch nie etwas gewonnen und noch nichts erreicht hat. Das ist, weil falsch, des Guten einfach zu viel, des Anspruchs zu viel, des Drucks zu viel; das ist einfach übertrieben. Der FC Bayern wäre meiner Ansicht nach gut beraten, in dieser Hinsicht wieder Dampf aus dem Kessel zu nehmen.

Gut und schön, keine »goldene Generation« ohne Titel. Aber auch der frisch gebackene Champions-League-Sieger Didier Drogba ist Teil einer solchen »goldenen Generation«. Mit Abdul Kader Keita, Salomon Kalou, Yaya Touré, Didier Zokora, Kolo Touré und Emmanuel Eboué hat die Elfenbeinküste ihre vielleicht beste Nationalmannschaft aller Zeiten – und trotzdem laufen Drogba & Co. seit Ewigkeiten einem Titel hinterher. Zuletzt scheiterten sie im Endspiel um die Afrikameisterschaft an Außenseiter Sambia.

Das Gute für den FC Bayern hingegen ist: Sein Kader ist noch nicht am Limit, seine Führungsspieler noch lange nicht am Ende ihrer Karriere. Warten wir also getrost mal nächstes Jahr ab, dann heißt der Meister zum Bundesliga-Jubiläum vielleicht schon wieder FC Bayern – und in zwei Jahren heißt es womöglich in der Königsklasse: Drei mal ist Münchener Recht.

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