Acht japanische Bundesligaspieler beim FIFA Confederations Cup

Ist Japan das neue Brasilien?

Japans Fußballfrauen haben es vorgemacht: Sie sind schon Weltmeister. Die Männer der Zunft müss(t)en da erst noch nachziehen, sind für den Augenblick »nur« Asienmeister. Ob es je zum ganz großen Titel reicht, steht zwar in den Sternen, aber zumindest mit Blick auf die Bundesliga deutet sich eine Trendwende an: Die Zeiten Brasiliens als scheinbar unerschöpfliches Reservoir für gute Fußballer sind wohl vorerst vorbei. Kicker aus Fernost haben denen aus Südamerika den Rang abgelaufen. Das hat Gründe.

Der FC Bayern in Person von Uli Hoeneß ließ unlängst verlauten, keine Spieler aus Brasilien mehr verpflichten zu wollen, weil man zuletzt mit Breno schlechte Erfahrungen gemacht habe. Deshalb bekam Neutrainer Pep Guardiola (angeblich) auch nicht seinen (angeblichen) Wunschspieler Neymar. Gut, das kann für sich genommen auch nur Teil einer Inszenierung sein, deren Botschaft lautet: Der deutsche Rekordmeister hätte nicht nur den begehrtesten Trainer der Welt haben können, sondern den aktuell begehrtesten Spieler gleich mit – man wollte bloß nicht. Und natürlich ist die Erklärung für den Verzicht auf einen Transfer Neymars ungefähr so plausibel wie die Aussage, die Bundesliga müsse wieder ausgeglichener werden und eine anschließende Verpflichtung von Mario Götze (oder die, all seine Steuern zu bezahlen und ein Schwarzgeldkonto in der Schweiz zu unterhalten.)

Rund wird die Geschichte aber, weil auch der SV Werder Bremen ins gleiche Horn stößt und künftig keine Fußballer mehr aus Südamerika verpflichten will. Nach dem Abgang von Claudio Pizarro zum Triple-Gewinner nach München und dem Transfer von Naldo zum VfL Wolfsburg kommt der Kader der Norddeutschen nun ganz ohne Brasilianer, Peruaner, Argentinier oder Paraguayer daher. Zuletzt haben es die Hanseaten glücklich geschafft, ihren Spieler Wesley abzugeben. Nach längerer Hängepartie wechselt der Brasilianer im Frühjahr 2012 – gepriesen sei die dortige längere Wechselfrist! – zurück in seine Heimat zu Palmeiras Sao Paolo. Die Bremer beendeten damit ein Missverständnis. Freilich: Von einem generell schlechten Bremer Händchen bei der Verpflichtung von Südamerikanern sprechen, ist falsch, wie die Beispiele Naldo, Nelson Valdez, Pizarro, Diego und Ailton beweisen. Und Gustavo Nery, der gern als Beleg für die These von der Bremer Brasilianer-Misere herangezogen und in eine Reihe mit Carlos Alberto und eben Wesley gestellt wird, spielte vor acht (!) Jahren mal für die Hanseaten. Nach fußballerischen Maßstäben ist das verjährt.

Trotzdem fällt auf, dass auch ausgewiesene Südamerika-Experten wie die von Bayer Leverkusen mittlerweile wohl umgedacht haben. Die Werkself war jahrelang Sprungbrett für Fußballer aus Südamerika (Jorginho, Lucio, Juan, Placente). Nun hat Bayer mit Arturo Vidal und Renato Augusto binnen eines Jahres die letzten beiden in der Mannschaft verbliebenen namhaften Vertreter des Kontinents abgegeben. Abwehrspieler Carlinhos ist sozusagen der letzte Mohikaner und noch ohne Bundesliga-Einsatz für die Werkself.

Tatsache ist, dass nach wie vor an die 50 Prozent mehr Südamerikaner in der Bundesliga spielen als Japaner und Südkoreaner. Aber seit Dortmunds Glückstreffer mit Shinji Kagawa scheint das neue Eldorado des Fußballs im Fernen Osten zu liegen. Zwischenzeitlich schien es beinahe, als wolle sich jeder Bundesligist mit einem Talent aus Nippon schmücken. So holte Bayern München beispielsweise Takashi Usami und Borussia Mönchengladbach verpflichtete Yuki Otsu, ohne dass beiden sonderlich großer Erfolg beschieden gewesen wäre.

Dennoch wird über vermeintlich fehlgeschlagene Brasilien-Transfers wie den von Hannovers Franca stets wesentlich aufgeregter berichtet – gerade so, als sei es nach wie vor ein Kunststück, am Zuckerhut jemanden zu finden, der nicht Fußball spielen kann. Von Franca ist das im übrigen auch noch gar nicht gesagt. Der Knabe ist kürzer als behauptet, aber das bedeutet ja noch lange nicht, dass er nicht kicken kann.

Tatsache ist ferner: Schon früher gab es keine Garantie, dass ein Brasilianer auch automatisch ein guter Fußballer ist – oder, falls doch, er in Deutschland zurecht kommt. Lange vor Breno etwa leistete sich Bayern München mal einen Brasilianer namens Fernando da Silva Bernardo, der es auf ganze vier Bundesligaeinsätze brachte. Und schon damals lautete die Erkenntnis: Wenn schon Brasilianer, dann tunlichst solche, die sich bereits etabliert haben. Siehe Jorginho, Giovane Elber, Zé Roberto und Paulo Sergio früher oder eben Dante und Luiz Gustavo heute.

Ganze zwei Bundesligaspieler sind beim anstehenden FIFA Confederations Cup für Brasilien im Einsatz. Acht hingegen sind es bei Japan. Das hat mehrere Gründe. Die abgebenden Vereine im aufstrebenden Schwellenland Brasilien haben längst gemerkt, was die Stunde geschlagen hat. Sie sind inzwischen in der Lage, selbst hohe Gehälter und Ablösesummen zu zahlen. Manchen Legionär wie etwa den ehemaligen Wolfsburger Rever, Fred oder Jadson zog es deshalb schon zurück in die Heimat. Und der kürzlich zum FC Barcelona gewechselte Neymar machte zusammen mit seinen Beratern aus dem Transfer eine monatelange PR-Show. Wie ein Filmstar gab er Interviews für ausgewählte Medienvertreter verschiedener Länder, die ihm entsprechend aus der Hand fraßen. Mehr gesagt, als dass es überall gute Vereine gibt, zu denen zu wechseln er sich vorstellen könne, hat Neymar dabei indes nie.

Stürmer Fred ist zudem ein gutes Beispiel für die Irrungen und Wirrungen, die bisweilen rund um die Verträge brasilianischer Fußballer entstehen. Bevor der Angreifer zu Olympique Lyon wechseln konnte, musste der Internationale Sportgerichthof die Ablösemodalitäten klären. Auf ein solches Hickhack, oft auch noch mit mehreren Beratern, lassen sich viele Klubs nicht mehr ein, wenn es anderswo pflegeleichtere Spieler mit seriöserem Management gibt.

Und Freds Nationalmannschaftskollege Jadson schließlich verdeutlicht Grund Nummer drei: die neue Konkurrenzsituation. Vor seiner Rückkehr nach Brasilien zum FC Sao Paulo war Jadson nämlich bei Schachtar Donezk aktiv. Die gepfefferten Ablösesummen für die wirklich guten brasilianischen Fußballer zu zahlen, sind inzwischen nur noch ein paar spanische, englische und italienische Vereinen in der Lage (und gewillt), dazu diverse von Oligarchen und Investoren unterstützte Klubs aus der Ukraine, Russland oder Frankreich. Die Türkei lockt mit Einbürgerungen und folglich Nationalmannschaftskarrieren, für Portugal spricht die Sprache sowie die Tatsache, dass Brasilianer dort (wieso eigentlich noch?) unbeschränkt eingesetzt werden dürfen.

Viertens sind die Brasilianern gemeinhin nachgesagten Qualitäten inzwischen kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Oder, umgekehrt ausgedrückt: Spieler wie Marco Reus, Mario Götze und Co. beweisen, dass deutschen Fußballern nicht zwangsläufig von Mutter Natur Grenzen gesetzt sind, was gute Technik und Ballbehandlung angeht. Galten elegante Kicker wie Franz Beckenbauer oder Bernd Schuster früher als so etwas wie eine »Laune der Natur«, eine Anomalie unter den deutschen Fußballarbeiten, ist diese immer schon irgendwie rassistische Haltung inzwischen der Erkenntnis gewichen, dass sich Fußball auch in all seinen Feinheiten durchaus erlernen lässt.

Und weil das auch für andere Länder gilt, stehen Japaner momentan in der Bundesliga so hoch im Kurs. Denn wenn schon auf der Suche nach guten Fußballern in die Ferne schweifen, dann doch dorthin, wo neben der profunden fußballerischen Ausbildung auch die Mentalität große Vorteile hat. Japaner sind nämlich, wenn schon keine geborenen, so doch erzogene Mannschaftssportler, weil bei ihnen die Gemeinschaft vor allem anderen kommt. Für den in der Bundesliga momentan propagierten laufintensiven Kombinationsfußball ist das wie gemalt.

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