Ausraster im ZDF: Jürgen Klopp gegen Jochen Breyer und Oliver Kahn

Alles kann und wird gegen Sie verwendet werden!

»Sie haben gerade schon gesagt: Wir treten natürlich an – aber die Sache ist doch durch, oder?«

Als ich am Mittwochabend nach dem Champions-League-Spiel Real Madrid gegen Borussia Dortmund diese Frage hörte, ist mir in dem Maße die Kinnlade runtergeklappt, wie Trainer Jürgen Klopp das Gesicht eingeschlafen ist. »Au waia, Breyer!«, dachte ich. »Das hast du jetzt nicht wirklich gesagt, oder?«

Aber natürlich hatte Breyer das gesagt – und davon ausgehend, dass er seine fünf Sinne beisammen hatte, hat er es auch in dem Bewusstsein der ganzen Dämlichkeit seiner Frage gesagt. Breyer hat Leim ausgestrichen und Klopp hat ihm den Gefallen getan, auf selbigen zu gehen. Seitdem scheiden sich die Geister daran, wo die Dummheitsgrenze verläuft: bei Klopp, der das durchschaubare Manöver von Breyer mangels Beherrschung nicht durchkreuzt hat, oder bei Schwiegermutterliebling Breyer, dem einzig legitimen Nachfolger von ZDF-Chefclaqueur Michael Steinbrecher, der sich nicht zu schade war, sich blöd zu stellen, nur um an der Fortsetzung der »Klopp-Ausraster« mitschreiben zu können.

So viel glaube ich indes sagen zu können: Hätte ich etwas Ähnliches früher zu meinen Zeitungszeiten versucht, ich wäre von meinen Redakteuren mächtig abgewatscht worden. »So was kannst du bei der BILD-Zeitung machen, aber nicht hier!«, hätten sie mir mit einiger Wahrscheinlichkeit ins Stammbuch geschrieben. Das ZDF setzt sich nun dem Vorwurf aus, dass solche hohen Maßstäbe trotz offiziellem Bildungsauftrag auf dem Lerchenberg nicht gelten.

Es ist nicht bekannt, ob Morgenmagazin-Mann Breyer von seiner Redaktion den Auftrag zur Provokation hatte, ob es sich um einen spontanen Alleingang von ihm handelte oder inwieweit seine Frage(n) in der Nachbesprechung kritisch gesehen wurden. Spätestens bei der pseudo-objektiven Lästerattacke des Gespanns Breyer/Kahn unter dem Deckmäntelchen der »Rückkehr zur Sachlichkeit« hätte die Regie jedoch eingreifen und dem Moderator aufs Ohr geben sollen, dass es höchste Zeit ist, den Bremsschirm zu zünden. So nämlich bleibt der Eindruck, dass es sich um eine billige Retourkutsche für den Disput zwischen Kahn und Klopp vor laufender Kamera eine Woche zuvor handelte.

Heute ist es ja fast gar nicht mehr vorstellbar, dass Jürgen Klopp mal das war, was Oliver Kahn heute ist: Fußball-Experte des ZDF nämlich. Das war allerdings noch zu Zeiten, da Klopp Trainer des ZDF-Hätschelkinds Mainz 05 war. Der Unterschied von Klopp zu Kahn ist freilich, dass Klopp als Trainer tatsächlich Analysen anzubieten hat und hatte, während Kahn bis heute eigentlich nur einen auf Geisterheiler macht und sich dem Sport bevorzugt über die esoterische Schiene nähert. Für Kahn geht es beim Fußball in erster Linie um »Körpersprache«, »Zeichen« (gesetzte und von etwas ausgehende) und grundsätzlich alles, was sich im Prinzip unter »chakka-chakka!« subsummieren lässt. Ironischerweise macht Kahn dabei ziemlich häufig das, was er den Medien zu seiner aktiven Zeit vorgeworfen hat – er erklärt so ziemlich jeden Ball »an einem guten Tag« für haltbar.

Nach dem Spiel am Mittwoch brachte Jürgen Klopp das Spiel seiner Mannschaft zunächst auch mit Blick auf Fehler und Defizite sachlich und ehrlich auf den Punkt. Dabei war er für jeden ersichtlich noch gereizt und angefressen. Die Emotionen waren also da. Es bleibt Breyers Geheimnis, warum ihm das nicht reichte und er zu seinen Sticheleien ansetzen musste.

Klar, der Dortmunder Trainer ist selbst kein Kind von Traurigkeit. Er hätte nicht auf Breyers Provokation einsteigen müssen, er hätte sich auch keinen Disput mit Oliver Kahn liefern müssen, sein Spruch in Richtung ZDF-Reporterin Claudia Neumann war sogar grandios dumm und der von den »Cojones« natürlich dazu angetan, ihm gerade im Fall einer Niederlage um die Ohren gehauen zu werden, auch wenn der BVB in Madrid ja nun wahrhaftig nicht mutlos aufgetreten ist.

Aber damit hat es sich auch schon. Neumann hat auf Klopps machistischen Anwurf entschieden und souverän reagiert, Klopp hat sich entschuldigt, die Sache ist aus der Welt. Der angeblich so »skandalöse« Streit mit Olli Kahn war in Wahrheit nichts weiter als die Diskussion zweier Erwachsener mit unterschiedlichen Meinungen, Auge in Auge ausgetragen, so wie es sein soll – nicht über die Medien und nicht, während einer von beiden schon nicht mehr im Studio weilt.

Tja, und danach wird es nämlich schon schwer, weitere »Ausraster« von Klopp im Umgang mit Journalisten zu finden. Damit die Geschichte rund wird, muss schon ein (Nicht-)Interview mit SWR-Reporter Stephan Mai von Anfang 2011 (!) bemüht werden. Das ist in der Tat skurril, ändert aber nichts daran, dass es die Zahl solcher »Eklats« mal gerade auf vier schraubt – in 13 Jahren Trainertätigkeit.

Inzwischen scheint in der Bundesliga allgemein und in Bezug auf Jürgen Klopp insbesondere das Motto zu gelten: »Alles, was Sie sagen, kann und wird gegen Sie verwendet werden!« Klopp ist reizbar, also reizt man ihn – nicht um des Fußballs willen, sondern um der Skandalisierung willen. Bis er und andere Trainer und sonstige potenzielle Interviewpartner irgendwann vielleicht nichts mehr sagen ohne ihren Anwalt.

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