Aussprache von Spielernamen

Für’n Allerwertesten

Es ist immer das gleiche: Mit jedem Länderspiel wiederholt sich das Phänomen, dass deutsche Reporter mit der Aussprache von Namen Schiffbruch erleiden. Jüngstes Beispiel sind die beiden Tschechen Václav Pilař und Daniel Kolář. Bei den Reportern von ARD und ZDF werden sie jetzt mit unschöner Regelmäßigkeit zu »Pilarsch« und »Kolarsch«.

Ex-ARD-Sportchef Heribert Faßbender war früher noch völlig schmerzfrei, was die Aussprache von Namen anging. Besonders russische, ukrainische oder südosteuropäische Namen legte er ohne Unterschied auf die brachialteutonische Vokalstreckbank. Aus dem armen Juri Nikiforow machte er auf diese Weise zum Beispiel stets einen Nie-kieh-foh-roff. Und sein damaliger Kollege Fritz von Thurn und Taxis brachte es sogar fertig, aus Paul Gascoigne einen Paul Gascogne zu machen. Das eine ist ein ehemaliger englischer Fußballspieler, das andere eine französische Provinz …

Auch Miran Pavlin (früher Dynamo Dresden, SC Freiburg, Karlsruher SC) wurde bei deutschen Reportern meist zum Paff-lin. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Überhaupt schwanken gerade die öffentlich-rechtlichen Kommentatoren hierzulande schon immer irgendwie zwischen Ignoranz und aufklärerischem Eifer, was bisweilen durchaus merkwürdige Blüten treibt. Béla Réthy etwa scheint, weil ungarischstämmig, beim ZDF-Sport zumindest eine Weile lang mal so etwas wie der Paulschalexperte für südosteuropäische Sprachen gewesen zu sein. So konnte er unters Volk bringen, dass das i im Auslaut des Familiennamens des rumänischen Fußballstars Gheorghe Hagi nicht gesprochen werde. Fortan sagten alle Sportreporter beim ZDF »Haadsch«, was jedoch bei einigen mir bekannten rumänischen Muttersprachlern große Erheiterung hervorrief.

Insofern empfinde ich es durchaus als Fortschritt, dass sich Steffen Simon, Oliver Schmidt und Co. heute bemühen (müssen), Namen von Fußballspielern anderer Nationen korrekt auszusprechen. Dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass in den Redaktionen von ARD und ZDF hektische Betriebsamkeit ausgebrochen ist, als die UEFA anlässlich der diesjährigen Europameisterschaft die offiziellen Spielerlisten herausgegeben hat. Es wirkt auf mich, als habe irgendwer in Mainz bzw. Köln festgestellt, dass da ja bei manchen Tschechen so ein komischer Keil auf dem r ist und sicherheitshalber mal einen Praktikant oder eine Praktikantin damit beauftragt herauszufinden, was das denn nun für die Aussprache bedeutet.

Und dieser Praktikant oder diese Praktikantin hat dann vielleicht allerlei gefunden über den Hatschek, Palatalisierung und dergleichen mehr, wovon das für deutsche Zungen und Ohren Greifbarste hinsichtlich des ř möglicherweise folgender Satz aus Wikipedia war: »Gleichzeitige (!) Artikulation von „Zungen-r“ und franz.: j [ʒ] (entfernt ähnlich dt.: rsch in: „Barsch, aber nicht sequenziell, nur ein Phonem).«

Das jedenfalls würde erklären, warum etwa der Name Pilař bei ARD und ZDF jetzt klingt wie eine Schälkur für den Allerwertesten. Mancher Kommentator verschluckt auch verschämt das r, damit’s sich nicht ganz so »arschig« anhört. Mir ist indes nicht klar, warum man sich bei den Öffentlich-Rechtlichen so konsequent inkonsequent einzig um die korrekte Aussprache tschechischer Namen und dann auch noch nur des ř bemüht. Niemand versucht sich hingegen beispielsweise an der korrekten Aussprache des Namens Jakub Błaszczykowski.

Auffällig ist auch, dass deutsche Medien seit geraumer Zeit die englischen Transliterationen von Namen übernehmen. So wird Andrij Woronin inzwischen mehrheitlich Andriy Voronin geschrieben, Andrij Schewtschenko wird zu Andriy Shevchenko und Oleg Blochin zu Oleg Blokhin.

Das ist alles gut und schön und sicherlich keine große Sache, wenn man sich denn bewusst macht, dass beide Formen der Transliteration letztlich nur Krücken sind. Mal kommt die englische Transliteration der tatsächlichen Aussprache näher, mal die deutsche. Im Falle von Blochin/Blokhin ist es – in Ermangelung eines ch-Rachenlauts im Englischen – die deutsche, und de facto sagen ja auch alle Kommentatoren nach wie vor »Blochin«. Das Problem ist nur: Sie vollbringen nicht die Transferaufgabe, analog dazu dann beispielsweise auch den Namen Taras Mikhalik mit dem entsprechenden Rachenlaut auszusprechen.

Wenn es ans Englische geht, befassen sich deutsche Reporter – immer getreu dem Motto »Englisch kann ja jeder!« – übrigens irgendwie gar nicht mit der Aussprache. Sie glauben wohl, sie haben es nicht nötig. Dumm nur, dass viele dann den Namen von Wembley-Torschütze Geoff Hurst auch 46 Jahre danach noch mit o aussprechen. Dabei ist Geoffrey nur eine andere Schreibweise des Namens Jeffrey. Die Aussprache hingegen ist in beiden Fällen die selbe.

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3 Antworten auf Aussprache von Spielernamen

  1. Igor sagt:

    Hallo Mario,

    ich kann deine Aufregung ganz schön nachvollziehen. Die phonetischen Fragen stellen sich sehr oft und insbesondere bei der Wiedergabe der Spielernamen mit Hilfe kyrillischer Schriftzeichen, also auf Russisch.

    Pilař und Kolář werden indes mit einer Mischung aus “r” und dem “g” aus der Courage ausgesprochen, und die beste Methode, diesen Laut wiederzugeben, wäre gerade das Aneinanderreihen der beiden fürs deutsche Ohr gewöhnlichen Laute. Und da die tschechischen Namen auf der ersten Silbe betont werden, hören sich die Namen etwas gewöhnungs- und mitleidbedürftig an, also sehr wohl »Pilarsch« und »Kolarsch«…

    Und beim Błaszczykowski wagt es bedauerlicherweise sehr selten einer, das “L” anders als ein “L” auszusprechen , sei’s nun durchgestrichen oder nicht. Genauso wie in dem Namen der Stadt “Łódź” klingt der erste Buchstabe im Kubas Namen wie ein englisches “W” in “Wood”… Da das deutsche Alphabet indes keine durchgestrichenen Buchstaben kennt, hat Kuba zum Blaschtschikowski mutiert, was schwer, aber nach einiger Übung wohl aussprechbar ist :-)

    Was mich seit geraumer Zeit etwas irritiert, ist die Tatsache, dass selbst die seit Jahren in der Bundesliga spielenden Fußballer, vor allem Stammspieler führender Clubs, von ethlichen Kommentatoren falsch ausgesrochen werden. Als Beispiele derart umgetaufter Spieler fallen mir ad hoc solche Stars auf wie Huntelaar (alias Hüntelar), Pizarro (alias Pissarro), Pinto (alias Pintu), MandžukiÄ (alias Mandschukitsch), PerišiÄ (alias Perischitsch) usw., usf…

  2. Igor sagt:

    Béla Réthy etwa scheint, weil in Ungarn geboren…

    Wikipedia sagt, er wurde in Wien geboren…

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