Beckenbauer, die Sklaven in Katar, Uli Hoeneß und Olympia

Beckenbauer sieht alt aus

Eigentlich hatte ich die Zeiten überwunden geglaubt, da sich Franz Anton Beckenbauer in einem Atemzug selbst widersprochen und es noch nicht mal gemerkt hat. Doch dann hat er sich zur Situation der Arbeiter auf den WM-Baustellen in Katar geäußert. Und zu Uli Hoeneß. Und zur Münchener Olympia-Bewerbung auch noch. Und war wieder ganz der Alte.

Also sprach der Beckenbauer-Franz, und ich zitiere ihn hier sicherheitshalber mal wörtlich: »Ich hab’ noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Also, die laufen alle frei rum, weder in Ketten, gefesselt und auch mit irgendwelcher Büßerkappe am Kopf, also, das hab’ ich noch nicht gesehen. Also, wo diese Meldungen herkommen, ich weiß es nicht. Also, ich hab’ mir vom arabischen Raum, hab’ ich mir ein anderes Bild gemacht und ich glaube, mein Bild ist realistischer.«

Ich weiß gar nicht, unter welchem Oberbegriff ich das zusammenfassen soll. Naivität? Zynismus? Borniertheit? Umnachtung? Schließlich könnte sich Beckenbauer mit Leichtigkeit in Wort und Bild über das informieren, was seit spätestens September 2013 ruchbar ist und worüber Medien querfeldein berichtet haben – von der konservativen Welt und dem Focus bis hin zur Zeit, der Süddeutschen und der taz. Es gibt Aussagen etwa von Sharan Burrow, Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes. Es gibt Zeugen und Filmdokumente. Ende Oktober äußerten sich zudem auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Ligapräsident Reinhard Rauball, Letzterer sogar ungewöhnlich deutlich mit den Worten: »Es ist klar, eine WM darf nicht auf einem System aufbauen, das sklavenähnlich ist.«

All das ist dokumentiert. Beckenbauer aber hat sich entschlossen, es zu ignorieren, selbst wenn es von konservativer Seite und von Fußballfunktionärskollegen kommt. Er äußert sich auch nicht in der sonst für ihn typischen wachsweichen Allen-wohl-und-niemand-weh-Manier. Er umschifft das Thema nicht diplomatisch. Nein, er legt sich fest, tut alle Vorwürfe als Unsinn ab, zieht sie ins Lächerliche und schwingt sich als Krönung des Ganzen schließlich nebenbei auch noch mal eben zum Peter Scholl-Latour des Fußballs auf. Kein Gedanke daran, dass man ihm möglicherweise nur das gezeigt hat, was er sehen sollte.

Einmal in Fahrt, macht Franz Anton B. dann gleich weiter und haut in Bezug auf den bevorstehenden Prozess gegen Uli Hoeneß noch einen raus: »Das is’ ja vielleicht auch eine gute Chance für ihn, alles offen zu legen und den Leuten zu beweisen, es war wirklich ein Fehler. Es ist ein Fehler und ich denke, man sollte nicht einen verurteilen, der mal einen Fehler gemacht hat. Selbst die katholische Kirche gewährt dir eine zweite Chance. Also bitte, warum sollte das nicht auch die Öffentlichkeit und das Gericht tun?«

Das ist gleich aus mehreren Gründen saukomisch. Zum einen – das werden die meisten Leute schon nicht mehr wissen – redet da ein Steuersünder über einen anderen Steuersünder. Zum zweiten macht Karl-Heinz Rummenigge seit Neustem ja die Münchener Dreifaltigkeit der etwas anderen Fiskal- und Zollunion perfekt. Zum dritten sagt Beckenbauer »selbst die katholische Kirche« und nicht etwa »auch die katholische Kirche«, was eine amüsante Freudsche Fehlleistung ist. Und viertens ist seine Äußerung ja grundsätzlich ein überaus interessanter Ansatz: Statt Straftäter zu verurteilen, einzusperren und Fehlverhalten geballt in Gefängnissen zu konzentrieren, verurteilt man sie nicht, sondern belässt sie in der Gesellschaft, wo sie richtiges Verhalten lernen können. Ich fürchte nur, so hat das Beckenbauer nicht gemeint.

Davon abgesehen freilich ist die Sache bei Hoeneß ganz so einfach nicht, zumindest nicht für das Gericht (das zum Glück weltlicher Natur ist und nicht kirchlicher). Denn die Schuldfrage ist durch die Selbstanzeige des Bayern-Präsidenten schon geklärt. Hoeneß hat sich – was allerdings nicht hätte bekannt werden dürfen – der Steuerhinterziehung schuldig gemacht. Die Frage ist lediglich, ob er straffrei ausgeht oder nicht. Darüber hinaus würde mich allerdings durchaus noch interessieren, ob es in der aktuellen Situation mit Aktienrecht und Governance-Regeln vereinbar ist, dass Hoeneß seine Posten beim FC Bayern München behält.

Endgültig eine schlechte Woche dürfte es für Beckenbauer geworden sein, als Münchens Olympiabewerbung abgelehnt wurde. Zuvor hatte er wie üblich noch versucht, das komplexe Thema Olympische Spiele auf simple Formen herunterzubrechen und Bedenken gewissermaßen per kaiserlichem Dekret wegzuwischen. »Alles kost’ Geld«, ließ sich Beckenbauer vernehmen, und: »G’schenkt kriegst nix!« Als würde das irgendwas aussagen.

Nun ist es natürlich wohlfeil, einen notorischen Dampfplauderer wie den »Fab F.A.B.« aus Giesing dazu zu bringen, sich um Kopf und Kragen zu reden. Obendrein ist es feige, ihn in sich hinein kichernd zu umstehen und dabei zuzuhören, anstatt ihm sofort kritische Gegenfragen zu stellen. Aber irgendwie war es trotzdem eine Woche, in der Beckenbauer alt ausgesehen hat – um nicht zu sagen: wie ein Fossil.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Medien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Beckenbauer, die Sklaven in Katar, Uli Hoeneß und Olympia

  1. Ohne Worte sagt:

    Sehr geehrter Herr Beckenbauer,
    wenn sie diesen Kommentar jemals lesen sollten, denke ich gewiß nicht das sie
    ihn verstehen werden, da sie nichts auf dieser Welt geleistet haben, ausser vor einen Ball zu treten, der vielleicht sogar in Kinderarbeit hergestellt wurde.
    Herr Hoeness und Herr Rummenigge laufen schließlich auch nicht in Gefängniskleidung durch Deutschland…oder habe ich etwas verpaßt?
    Herr Rummenigge ist vorbestraft und Herr Hoeneß wird sehr wahrscheinlich, demnächst vorbestraft sein. Lieber Herr Beckenbauer, schonen sie mich mit Ihrem “Moralaposteltum”, nehmen sie Ihre “ARROGANTE” und “HOCHNÄSIGE” wie
    “MENSCHENVERACHTENDE” Brille mal ab, vielleicht werden Sie mir dann irgendwann einmal sympathischer. Ihre Brille scheint Kursichtigkeit zu verursachen!

  2. Pingback: Dieter Hildebrandts Tod macht… « Kulturprodakschn Blog

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>