Berlin ist keine Fußballstadt

Berlin: Der Scheinriese

Die Zweitligasaison ist eröffnet. Zum Glück rollt wieder der Ball. Denn damit bestimmt jetzt wieder das Tagesgeschehen die Schlagzeilen und das Gesülze jener Kommentatoren, die darüber greinen, dass Deutschland ja nun mindestens eine Saison keinen »Hauptstadtfußball« haben wird, hat ein Ende.

Mal ehrlich: Die Ansicht, dass Berlin, das wundervolle, ach so tolle, weltstädtische Berlin als Hauptstadt nun unbedingt einen Erstligisten haben muss, diese Ansicht hat uns 1965/1966 mit Tasmania 1900 den erfolglosesten Verein in fünfzig Jahren Bundesliga eingebracht. Das sollte uns ja eigentlich eine Lehre gewesen sein. Doch weit gefehlt. Als 1985/86 Blau-Weiß 90 Berlin in die Bundesliga aufstieg, setzte sofort wieder das Gerede vom »schlafenden Riesen« ein, der nun erwacht sei. Ein Jahr später schnarchte der Riese wieder in der 2. Bundesliga, 1992 wurde der Verein aufgelöst. Selbiges gilt für Hertha BSC: Geschmäht und verspottet, als ganz Berlin »heiß auf Blau-Weiß« war, sollte die alte Dame 1990 pünktlich zur Wende der neue vormals schlafende Riese sein. In der Spielzeit darauf schlief jedoch auch der wieder unterklassig; zwischenzeitlich fiel er sogar mal ins Koma der Amateur-Oberliga.

Natürlich, schaut man sich die Geschichte der Bundesliga in den vergangenen zwanzig Jahren an, dann findet man zig Klubs, die eine Achterbahnfahrt hingelegt haben. Der 1. FC Kaiserslautern zum Beispiel: Meister, Pokalsieger, grandiose Spiele im Europapokal und im Pokal der Landesmeister bzw. später in der Champions League, heute Zweitligist. Der Unterschied: Lautern hat den Habitus einer Traditionsmannschaft und aus viel bescheideneren Mitteln und mit viel schwierigeren Rahmenbedingungen viel mehr gemacht. Berlin hingegen hat Dünkel. Von was auch immer und weswegen auch immer.

In Berlin pflegen sie ihr Arm-aber-sexy-Image; das Image der ewig Werdenden und nie Vollendeten. Der Hauptbahnhof bekam ein verkürztes Dach, der neue Flughafen dafür eine mehrfach verlängerte Bauzeit. In Berlin verkaufen sie das trotzdem irgendwie immer als allet janz dufte, als zum ständigen Wandel einer Metropole gehörend und verweisen darauf, dass es solche Probleme anderswo auch gibt.

Ja, gibt es. Fragen Sie mal nach in der Eifel am Nürburgring. Aber was den Fußball angeht, muss man schlicht konstatieren: In Freiburg, Bremen, Mainz oder Nürnberg machen sie offenbar irgendwas besser – und sind dabei still. In Berlin hingegen machen sie, was Fußball angeht, so manches falsch und reißen aber die Klappe auf. Motto (siehe oben): Wir sind Hauptstadt und in die Hauptstadt gehört ein Erstligist. Als sei das ein Naturgesetz.

Dabei hat Berlin doch Erstligisten, reichlich sogar, nur eben nicht im Fußball: Die Füchse Berlin, Alba Berlin, die Eisbären Berlin und die Berlin Recycling Volleys etwa. Wo andere Fußball-Bundesligisten mit der Konkurrenz benachbarter Vereine zu kämpfen haben, kämpft Berlin stadtintern mit anderen Sportarten um die Gunst eines durchaus erfolgsverwöhnten Publikums. Im Gegensatz zu dem, was manche Kommentatoren gern behaupten, ist Berlin nämlich just keine Fußballstadt.

Dennoch bleibt die Frage, warum es Berlin mit all seinen Schulen, Kiezen, Höfen und Bolzplätzen, mit seinen Millionen von Einwohnern und seinem riesigen Einzugsbereich nicht schafft, seinen eigenen Ansprüchen gemäß einen Fußball-Bundesligisten im oberen Drittel der 1. Bundesliga zu etablieren. Zuletzt versuchte Hertha BSC ausgerechnet mit vier Bazis, eine Ära des Erfolgs einzuleiten. Von denen sind inzwischen drei schon wieder weg. Mit Patrick Ebert ist zudem der letzte noch verbliebene Mohikaner aus der zwischenzeitlich mal mit vielen Berliner Talenten gespickten Erfolgsmannschaft gegangen. Andere, wie Shervin Radjabali-Fardi, Änis Ben-Hatira oder Fanol Perdedaj, sind noch oder wieder da. Ob es für den Aufstieg und anschließend für einen dauerhaften Verbleib in der 1. Bundesliga reicht, wird wohl auch davon abhängen, ob Hertha den Haupstadt-Dünkel ablegen kann.

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