Brasilien 2014: Schiedsrichterkritik Tom Bartels

Der Reinsteigerer

Gerade einmal drei Tage sind gespielt bei der Weltmeisterschaft, da bin ich schon genervt. Grund: Die in Kompaniestärke nach Brasilien ausgerückten Kommentatoren von ARD und ZDF können anscheinend über kaum etwas anderes reden als über Schiedsrichterentscheidungen. Besonders unfair (und eifrig) tut sich dabei ARD-Mann Tom Bartels hervor.

Gut, eigentlich könnte ich mich ja geschmeichelt fühlen, so oft, wie meine Übersetzungen von den Kommentatoren der Öffentlich-Rechtlichen (wieder mal) herangezogen und zitiert werden. Denn jedes mal, wenn Wark, Poschmann, Schmidt, Réthy und Co. mal gerade keine Zeitlupe oder keine Abseitslinie haben, die sie kontrollieren müssen, dann bemühen sie irgendwelche Interviewaussagen, Profildaten oder Anekdoten, von denen ich jeweils ganz genau sagen kann, aus welchem Artikel auf welcher Website sie sie haben, weil die entsprechenden Texte irgendwann mal zur Übersetzung über meinen Schreibtisch gegangen sind.

Steht beides für Rückgriffe nicht zur Verfügung, wird es freilich noch schlimmer. Die Spielkommentierung ist inzwischen derart technokratisch, dass die Herren an den Mikrofonen sofort ins Rudern geraten wie auf dem Rücken liegende Maikäfer, wenn ihnen mal keine Computeranimation und keine Trivia zur Verfügung steht. Dann kann es passieren, dass uns Thomas Wark erzählt, Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque heiße auf Deutsch »Vinzenz vom Wald«. Ja, klar – und Didier Deschamps heißt Dieter vom Felde und Niko Kovac Nikolaus Schmied. Und was weiter?

Mir fehlt schlicht, dass mal das aktuelle Geschehen auf dem Platz kommentiert wird. Einzig Steffen Simon hat bislang den Fußball in den Vordergrund gestellt und mal so simple Sachen gesagt wie: »Der erste Ball geht immer über Pirlo.« Das genügt ja schon. Ansonsten aber wird die Analyse inzwischen mehr und mehr in die Halbzeit bzw. auf die Zeit nach den Partien zum jeweiligen Moderator/Experten-Duo verschoben. Und wenn wir Pech haben, sagt Matthias Opdenhövel dann: »Ist zäh, Mehmet?« und Mehmet Scholl bestätigt: »Ist zäh!«

Ich gebe zu, es gab bei dieser WM schon einige mehr als fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen. Und natürlich sind auch Schiedsrichter Teil des Fußballs. Aber warum deren Fehlentscheidungen nun in jedem Spiel aufs Neue aufs Tapet kommen müssen und warum nun jeder Kommentator »sein« jeweiliges Schiedsrichtergespann von der ersten Sekunde an misstrauischst unter die Lupe nimmt und nur so auf Fehler zu lauern scheint, erschließt sich mir nicht bzw. lässt für mich nur den einen Schluss zu: Wer keine Ahnung von Fußball hat, der ereifert sich eben um so mehr über Regeln, deren fehlerhafte Auslegung er pedantisch mit 538 verschiedenen Zeitlupen nachweisen kann.

Dabei tut sich (nicht erst seit dieser WM) ARD-Reporter Tom Bartels für mich besonders hervor. Bartels ist so ein richtiger Reinsteigerer. Ständig ruft er: »Das muss doch jetzt Gelb geben, das muss einfach!« Oder: »Da hätte man auch eine andere Farbe geben können als Gelb!«

Wenn deutsche Mannschaften involviert sind, ist Bartels oft gar nicht mehr zu halten; dann ist er nicht nur emotional, sondern schon hysterisch. Als die deutschen Fußballfrauen 2011 bei der WM im eigenen Land gegen Nigeria antreten mussten, hätte Bartels die Spielleitung wohl am liebsten selbst übernommen, so sehr fürchtete er um die Gesundheit der Deutschen. Und als die deutschen Fußballherren unlängst ebenfalls gegen Nigeria testeten, verfiel Bartels wieder in den selben Beschützerreflex. Statt Kritik daran, dass »unseren Jungs« offensichtlich schon mit ein bisschen Härte und einfachsten taktischen Mitteln beizukommen war, erboste sich Bartels unentwegt darüber, wie die bösen Schwatten Afrikaner zur Sache gingen.

Nun würde ich Bartels ja nichts unterstellen wollen – aber so, wie er gestern dann das gesamte Spiel Uruguay gegen Costa Rica über kaum etwas anderes redete als den deutschen Schiedsrichter, das war schon sehr befremdlich. Da wurden wir Zeuge eines waschechten Favoritensturzes und Bartels hatte nichts anderes zu tun, als Felix Brych zu loben, den er dezidiert und konsequent bei seinem Titel »Doktor« Felix Brych nannte. Bartels schwelgte regelrecht. »Nicht mit einem Doktor Felix Brych!«, frohlockte er beispielsweise, als der Deutsche einmal nicht auf eine vermeintliche oder tatsächliche Schwalbe hereinfiel.

Dumm nur, dass dann – wie um Bartels Lügen zu strafen – das zweite Tor für Costa Rica prompt möglicherweise aus einer Abseitsstellung heraus fiel. Eine aufklärende Zeitlupe gab es, Wunder über Wunder, davon jedoch nicht. Und was machte Bartels? Der Mann, der ansonsten so gern den unerbittlichen Schiri-Inquisitor gibt, überschlug sich fast, Brych in vorauseilendem Gehorsam zu entschuldigen. Das sei ja »so unglaublich schwer« zu erkennen, erklärte Bartels hastig. Überhaupt: Ob nun ein paar Zentimeter weiter vorn oder hinten, das ändere ja nichts. Und das von einem Mann, für den ansonsten jede noch so knifflige 50:50-Entscheidung sonnenklar ist und der bei einem japanischen Schiedsrichter wahrscheinlich laut gerufen hätte: »Dass muss er doch einfach sehen! Er muss einfach!«

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