Bundesliga Abschlusstabelle Spielzeit 2010/2011

Steht die Tabelle wirklich Kopf?

Die Tabelle steht Kopf. Schreiben und sagen jedenfalls alle. Einrahmen müssten wir uns die Abschlussplatzierungen der Spielzeit 2010/2011, weil es so etwas so schnell nicht wieder geben werde. Aber stimmt das wirklich?

Immerhin müsste sich der Theorie von der »kopfstehenden Tabelle« zufolge die eigentliche, vor der Saison so erwartete und »überraschungenbereinigte« Tabelle ja ergeben, wenn man die Tabelle ihrerseits noch einmal auf den Kopf stellt. Also tun wir das doch mal. Nehmen wir die Experten beim Wort und drehen wir die Abschlusstabelle 2011 einfach mal um.

In der auf den Kopf gestellten kopfstehenden Tabelle stünde der FC St. Pauli auf Platz 1. Aber natürlich hat niemand vor der Saison mit den Hamburgern als Meister gerechnet. Sie galten im Gegenteil als erster Abstiegskandidat und abgestiegen sind sie dann ja auch. Von Überraschung also keine Spur. Vorzuwerfen hat sich St. Pauli dabei wenig. Fußballerisch hätte die Mannschaft das Zeug gehabt, die Klasse relativ souverän zu halten. Aber wenn im entscheidenden letzten Saisondrittel die komplette etatmäßige Viererkette und obendrein auch noch einige Ersatzspieler im Abwehrbereich ausfallen, ist das nicht zu kompensieren.

Tabellenzweiter der auf den Kopf gestellten kopfstehenden Tabelle wäre Eintracht Frankfurt. Auch das hat wohl vor der Saison so niemand prognostiziert. Den Frankfurter Abstieg indes wohl auch nicht. Nach der Hinrunde sah es ja auch überhaupt nicht danach aus. Aber hätte man vor der Saison wirklich nicht damit rechnen können, dass es für die Eintracht eng werden könnte? Immerhin hätte ein »normaler« Saisonverlauf ja bedeutet, dass Bayern München Meister wird und sich dahinter Bremen, Schalke, Leverkusen, Dortmund, Wolfsburg, Stuttgart, Hamburg und Hoffenheim um die internationalen Plätze balgen. Die obere Tabellenhälfte wäre demnach vergeben gewesen.

Bedeutet im Umkehrschluss für Frankfurt einen Platz ab Rang 10 und das impliziert immer auch Abstiegskampf. Und: Im Vorjahr war es der VfL Bochum, der lange Zeit nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben schien und dann an den letzten Spieltagen noch brutal abgestürzt ist. Auch die Bochumer versuchten es seinerzeit vergeblich mit einem neuen Trainer. Auch der Frankfurter Absturz ist also nicht ohne Beispiel.

Tabellendritter der auf den Kopf gestellten kopfstehenden Tabelle wäre Borussia Mönchengladbach. Für mich als Borussen-Fan natürlich ein Traum, aber ich als Borussen-Fan hatte mich vor der Saison durchaus auf Abstiegskampf eingerichtet. Auch hier also: keine Überraschung. Auf den letzten drei Plätzen der angeblich so ungewöhnlichen Abschlusstabelle 2011 stehen drei Vereine, die man dort durchaus so erwarten konnte.

Der VfL Wolfsburg als Tabellen-15. ist die erste Mannschaft, die in der auf den Kopf gestellten kopfstehenden Tabelle da landen würde, wo sie wohl viele vor der Saison erwartet hätten. Andererseits hat es vor einem Jahr mit Hertha BSC einen Europapokalstarter letztlich noch schlimmer erwischt. Ein Novum sieht anders aus.

Auch Schalke 04 würde in der umgedrehten Tabelle ungefähr da landen, wo man die Elf »unter normalen Umständen« erwartet hätte. Andererseits galt das Erreichen des zweiten Platzes in der Vorsaison als deutliches Übertreffen der Prognosen. Insofern kann man das Einlaufen auf Platz 14 in dieser Spielzeit also getrost als überfällige Relativierung betrachten.

Werder Bremen (13.) war einfach fällig. Schon in der Vorsaison sind die Hanseaten nur dank eines fulminanten Schlussspurts noch in die Champions League gekommen. Nach sieben fetten Jahren langte es nun erstmals nicht mehr fürs internationale Geschäft. Wie bei St. Pauli, Frankfurt und Gladbach hatte das viel mit Verletzungspech in der Abwehr zu tun: Naldo konnte nicht ein einziges Saisonspiel bestreiten, Mertesacker war oft nicht fit, Boenisch fiel die gesamte Spielzeit über aus, Silvestre kam spät und hatte Eingewöhnungsprobleme. Dazu die Systemumstellung weg von der gewohnten Mittelfeldraute und die Fehleinschätzung, die Position des Spielmachers intern neu besetzen zu können – Bremens Rechnungen sind 2010/2011 schlicht nicht aufgegangen.

Der VfB Stuttgart (12.) versaut seit einigen Jahren regelmäßig die Hinrunde. So auch in dieser Spielzeit. Und dieses mal hat die Rückrunde eben nicht gereicht, um am Ende doch noch von einer gelungenen Saison zu sprechen.

Die TSG 1899 Hoffenheim ist in der vergangenen Saison auf Platz 11 gelandet und in dieser Saison wieder. Auch das ist also keine Überraschung. Eher schon verwundert es, dass die Kraichgauer trotz bislang nur einer überragenden Halbserie seit ihrem Bundesligaaufstieg Jahr für Jahr zu den Europapokalaspiranten gezählt werden.

Der 1. FC Köln war in der vorigen Saison 13. und ist jetzt 10. Wieder nichts, was das Einrahmen der Tabelle lohnen würde.

Der SC Freiburg ist dank einer sehr guten Vorrunde am Ende noch auf Platz 9 gelandet, belegt aber in der Rückrundentabelle klar einen Abstiegsplatz. In der Summe ist also auch die Verbesserung (Platz 14 im Vorjahr) durchaus relativ und nicht sensationell.

Der Hamburger SV war letztes Jahr 7. und ist jetzt 8. Auch nichts Ungewöhnliches.

Wer wie ich mal zehn Jahre in der Pfalz gelebt hat, weiß, wie sehr die Menschen dort den 1. FC Kaiserslautern leben. Insofern habe ich vor der Saison schon damit gerechnet, dass die Roten Teufel von einer Euphoriewelle einigermaßen ungefährdet zum Klassenerhalt getragen werden würden. Dass sie am Ende jedoch auf Rang 7 stehen würden, hätte ich nicht erwartet. Wenn es in dieser Saison also eine Überraschung gegeben hat, dann war es Lautern (und nicht Hannover, doch dazu später).

Von 16 auf 6 ging es für den 1. FC Nürnberg. Hier könnte man tatsächlich sagen, in der auf den Kopf gestellten Tabelle stünden die Franken ungefähr da, wo man sie vor der Saison erwartet hätte.

Mainz 05 hatten die Wettanbieter vor der Saison auf Platz 15 getippt. Der FSV ist in der Vorsaison jenseits von Gut und Böse gelandet, genau auf Platz 10. Nun ging es also in der diesjährigen Endabrechnung fünf Plätze rauf und nicht fünf Plätze runter. Unerwartet, aber nicht sensationell.

Hannover 96 hätten wohl viele dort erwartet, wo die Niedersachsen in der umgedrehten Tabelle stehen würden. Aber für 96 gilt mit umgekehrten Vorzeichen, was auch für Schalke gilt. Die Mannschaft war schon im Vorjahr gut und mit Augenmaß zusammengestellt. Die Tragödie um Robert Enke riss sie jedoch in den Abstiegsstrudel. In diesem Jahr nun hat sie meiner Meinung nach »nur« ihr Potenzial ausgeschöpft – das allerdings nahezu optimal.

Der FC Bayern München wiederum hätte, wenn die Tabelle 2010/2011 wirklich Kopf stünde, zu den Abstiegskandidaten gezählt. Das ist natürlich Quatsch. Fakt ist: Der Titelverteidiger hat gerade mal zwei Plätze schlechter abgeschnitten als im Vorjahr und die Qualifikation zur Champions League unterm Strich souverän erreicht.

Bayer Leverkusen ist Tabellenzweiter geworden. Auch das hat es in der Vergangenheit durchaus schon gegeben. Irgendwoher muss der Begriff »Vizekusen« ja schließlich kommen. Der Vorjahresvierte hat sich stabilisiert und um zwei Plätze verbessert, mehr nicht.

Borussia Dortmund schließlich mag niemand als Meister auf der Rechnung gehabt haben. Kunststück, schließlich tippt vor der Saison fast jeder auf Bayern als Titelträger. Aber der BVB war vor zwei Jahren 6., im vergangenen Jahr dann 5. und hat nun eben den Sprung nach ganz oben geschafft. Das ist toll, das ist verdient. Aber es ist nichts, was die Tabelle auf den Kopf gestellt hätte.

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