Bundesliga-Aufstieg SV Darmstadt 98

Wie ein Zeichen vom Fußballgott

Okay, auf Platz 1 der zweiten Liga ist mit dem FC Ingolstadt 04 einer dieser Vereine gelandet, an die wir uns in Zukunft wohl gewöhnen müssen – ein Werbevehikel für den ortsansässigen Automobilkonzern und andere Unternehmen in einer Stadt, von der Engländer sagen würden, dass sie ansonsten ein »great place to get away from« ist. Aber auf dem zweiten direkten Aufstiegsplatz, da landete eben nicht »RasenBallsport« Leipzig, dieser Nicht-Verein mit seiner schnieken WM-Arena und dem vielen Geld, sondern der SV Darmstadt 98. In dessen Stadion steht vielleicht an manchen Ecken noch das Unkraut auf der Tribüne, dafür wachsen dort aber auch noch Träume. Der Aufstieg der Lilien aus Hessen, er ist wie ein Zeichen vom Fußballgott.

Die Geschichte ist so denkbar unwahrscheinlich, dass sie zum Heldenepos taugt. Sportlich war der SV Darmstadt 98 nach der Saison 2012/2013 aus der dritten Liga abgestiegen. Nur weil Kickers Offenbach die Lizenz nicht erhielt, blieben die Lilien in der Klasse. Pikanterie am Rande: Zu diesem Zeitpunkt hatten sie nicht nur reichlich Spiele verloren sondern auch ihren hoch gehandelten Trainer Kosta Runjaic, der heute den 1. FC Kaiserslautern trainiert – und mit diesem hinter seinem Ex-Verein gelandet ist.

Runjaics Nach-Nachfolger in Darmstadt wurde mit Dirk Schuster eine Art »Ost-Klopp«. Wie der scheidende Dortmunder Meistertrainer war nämlich auch Schuster als Aktiver einer der Marke »Eisenfuß«, technisch eher limitiert und rustikal in seiner Spielweise. Allerdings machte Schuster im Unterschied zu Klopp mehr aus seinen Möglichkeiten. Er brachte es zum Nationalspieler und prägte die goldenen Europapokalabende namentlich des Karlsruher SC mit.

Und wie Klopp bringt auch Schuster seinen Spielern mehr bei, als er selbst je konnte. Wie Klopp kam auch Schuster nicht mit dem Vorschusslorbeer, ein Edeltechniker oder Ballkünstler gewesen zu sein. Der Trainer Schuster ist keiner, von dem die Botschaft ausgeht: »So gut wie ich müsst ihr erst mal werden!« sondern einer, der vermittelt: »So gut wie ich könnt auch ihr werden – und wenn ihr euch nicht ganz blöd anstellt, sogar noch besser!«

Entscheidend indes war, dass Schuster in Darmstadt in Ruhe arbeiten konnte. Denn erfolgreich war er zunächst nicht. Auch mit ihm als Trainer spielte 98 in der dritten Liga eine Rückrunde, die auf einem Abstiegsplatz geendet wäre. Dennoch durfte er nach dem unverhofften Klassenerhalt bleiben. Dabei wurde es zunächst nicht besser. Zum Auftakt der Drittligasaison 2013/2014 gab es erst einmal nur zwei Punkte aus drei Spielen. Die Partien 15, 16 und 17 gingen gar allesamt komplett verloren. Erst ab dem 18. Spieltag setzten die Lilien zu ihrem Höhenflug an, der sie letztlich bis auf den Relegationsplatz zur zweiten Liga führen sollte.

In den Relegationsspielen gegen Arminia Bielefeld schien das Darmstädter Glück dann aber endgültig aufgebraucht. Das Heimspiel ging mit 1:3 verloren, eine Vorentscheidung schien gefallen. Doch dann kam das Rückspiel mit dem frühen 1:0 für Darmstadt und dem 2:0 nach der Pause. Die Sensation schien genau eine Minute lang möglich – dann fiel der Anschlusstreffer für Bielefeld. Zu diesem Zeitpunkt war Darmstadt raus. Selbst das 3:1 in der 78. Minute schien nicht mehr zu sein als die vielbesungene »Rettung in die Verlängerung«. In dieser machte Arminia prompt das 2:3. Weder sprach alles für den Favoriten. Bis zur Nachspielzeit und dem 4:2 durch Elton da Costa.

Darmstadt 98, der Eigentlich-Viertligist, stand in der zweiten Liga. Mehr Krimi geht nicht. Mehr Fußball geht nicht.

Jetzt, spätestens jetzt, sagte jeder, konnte es für die Lilien nicht mehr weiter bergauf gehen. Das Saisonziel konnte (bestenfalls) »Klassenerhalt« lauten. Es kamen Spieler vom Zweitliga-Absteiger Dynamo Dresden (Romain Brégerie, Tobias Kempe), vom potenziellen Klassenerhalts-Mitkonkurrenten Erzgebirge Aue (Ronny König), aus den zweiten Mannschaften von Bundes- oder Zweitligisten (Florian Jungwirth, Patrick Plantins, Christian Mathenia) oder anderswo Perspektivlose (Leon Balogun, Maurice Exlager, Fabian Holland, Jan Rosenthal, Yannick Stark).

Während Ligakonkurrent RB Leipzig das Unternehmen »Durchmarsch aus der dritten Liga« generalstabsmäßig planen wollte und dazu im Sommer und im Winter mächtig Geld und Personal bewegte, stellte Darmstadt 98 ganz ohne Sportdirektor, dafür aber mit Augenmaß, eine Mannschaft zusammen. Vereinspräsident Klaus Rüdiger Fritsch erklärte schlicht, keinen Manager zu brauchen, »der auf der Aschenbahn rumtobt oder mit auf der Trainerbank sitzt und auch den Kopf schüttelt«. Nach Leipzig kamen Spieler aus Salzburg, Florenz, Malmö und Wien. Darmstadt holte sie aus dem nahen Wiesbaden, aus Frankfurt oder Mainz.

In Leipzig wurden sie irgendwann ungeduldig, als sich abzeichnete, dass die generalstabsmäßige Planung nicht aufgehen würde. Gehen musste aber nicht der Planer, gehen musste der mit der Ausführung Betraute. Trainer Alexander Zorniger, der zu mehr Geduld gemahnt hatte, wurde entlassen. Kommende Saison trainiert er den VfB Stuttgart in der ersten Bundesliga, während sein Ex-Verein (mindestens) eine Ehrenrunde in der zweiten Liga drehen muss. Auch das scheint irgendwie gerecht und vom Fußballgott so gewollt.

In Darmstadt hingegen behielten sie nämlich die Ruhe und ihre kurzen Wege, änderten nichts am Bewährten. Ein kleines Team verrichtete konzentriert seine Arbeit. Und wo sich der vermeintliche Aufstiegs-Mitfavorit RasenBallsport aalglatt unpolitisch halten wollte und das Anbringen von Spruchbändern verbat, die sich gegen die »Legida«-Demonstrationen richteten (was gerade in einer Stadt mit der »Fankultur« von Leipzig enorm wichtig gewesen wäre), zeigten die Lilien trotz der ganzen Härte des Profigeschäfts Herz. Ihren gesamten Höhenflug von den Abstiegsrängen der dritten Liga bis zum Aufstieg aus der zweiten Bundesliga teilten sie mit einem Fan besonders: dem gegen eine Krebserkrankung kämpfenden Johannes »Johnny« Heimes.

Wenn es Geschichten gibt, die nur der Fußball schreibt, dann hat der SV Darmstadt 98 in den vergangenen beiden Jahren eine besonders tolle geschrieben – in Zeiten noch dazu, da sie vielleicht nötiger sind denn je. Denn egal, wie die Bundesligasaison für die Lilien auch ausgeht: Gänsehautmomente, wie sie die Elf vom Böllenfalltor allen Fußballfans beschert hat, kann Geld nicht bezahlen.

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