Bundesliga Trainerwechsel Statistik Wahrscheinlichkeit

Trainerwechsel bringen nichts

Der Hamburger Sportverein hat gleich das erste Spiel unter seinem neuen Trainer Mirko Slomka gewonnen. War der zweite Trainerwechsel in dieser Spielzeit damit also automatisch richtig? – Nein. Denn gerade Hamburg ist der beste Beleg dafür, dass Trainerwechsel nichts bringen. Hätte nämlich jeder neue Besen so gut gekehrt, wie es der Volksmund behauptet, müssten die Hanseaten schließlich viel besser dastehen. Stattdessen aber haben sie in den vergangenen Jahren einen deutschen Meister (Armin Veh), einen Schweizer Meister und Pokalsieger (Thorsten Fink), einen UEFA-Pokal-Sieger (Huub Stevens), einen Vizeweltmeister (Bert van Marwijk) und einen niederländischen Pokalsieger (Martin Jol) auf die eine oder andere Art verschlissen und sind doch in der Tabelle immer weiter abgerutscht.

Dabei ist die Bundesliga ja eigentlich ein regelrechtes Trainerparadies. In Dortmund, in Bremen, in Mainz, in Freiburg, in Braunschweig, in Leverkusen, in Augsburg (und in München sowieso) sind Trainerwechsel undenkbar. Die ehemalige »Skandalnudel« Eintracht Frankfurt musste ihren letzten Rückfall in alte Zeiten, als Michael Skibbe durch Christoph Daum ersetzt wurde, mit einem Abstieg bezahlen. Jetzt befindet sie sich im dritten Jahr mit Trainer Armin Veh und spielt – bei allen Sorgen in der Bundesliga – in der Europa League.

Neue Trainer sollen neue Impulse bringen. De facto aber bringen Trainerwechsel oft nur Kammerflimmern. Als Bayer Leverkusen nach dem Erreichen des Champions-League-Finales in der Saison 2002/2003 zwei Trainer schasste, endete das Ganze mit Trainer Nummer drei so eben noch auf Platz 15 der Tabelle. Als Hertha BSC Berlin zuließ, dass Gerüchte über das Privatleben von Trainer Markus Babbel das sportliche Geschehen überlagerten und schließlich offen darüber gestritten wurde, wer wann wen (nicht) über Babbels Ausstieg zum Saisonende unterrichtet hatte, stürzte die alte Dame trotz vier (!) Trainern binnen einer Saison in die Zweitklassigkeit. Bei der TSG 1899 Hoffenheim hat das Trainerkarussell von Ralf Rangnick zu Marco Pezzaiuoli zu Holger Stanislawski zu Markus Babbel zu Frank Kramer zu Marco Kurz zu Markus Gisdol geradewegs in die Relegation geführt. Der 1. FC Köln hatte sich in der Bundesliga soeben wieder einigermaßen etabliert, als mit den Trainerwechsel von Zvonimir Soldo zu Frank Schaefer zu Volker Finke zu Stale Solbakken zu Frank Schaefer der Abwärtstrend eingeleitet wurde, dessentwegen die Domstädter immer noch in Liga 2 feststecken. Die Trainerchronologie ehemaliger Bundesligisten wie 1860 München, Energie Cottbus, Kaiserslautern oder Bochum spricht auch nicht für Trainerwechsel als Allheilmittel; die eines ambitionierten Werksvereins wie dem FC Ingolstadt ebenfalls nicht.

In dieser Saison haben bislang vier Bundesligisten den Trainer gewechselt. Neben Hamburg waren dies Hannover 96, der 1. FC Nürnberg und der VfB Stuttgart. Eine Trendwende ist bislang indes allenfalls an der Noris zu beobachten, an Leine und Neckar hingegen treten die Mannschaften auf der Stelle. Stuttgart trennt gerade einmal ein Tor vom Relegationsplatz.

Die aktuell vermeintlich durchstartenden Nürnberger profitieren davon, dass sie in der Vorrunde zwar kein einziges Spiel gewonnen, aber eben auch nur sechs verloren hatten – weniger als etwa Augsburg und Mainz. Die angeblich so wertlosen elf Unentschieden erweisen sich nun als Glücksfall: Drei Siege noch, dann ist die Bilanz der Clubberer ausgeglichen.

Viel vom aktuellen Nürnberger Aufstieg hat allerdings schlicht mit Wahrscheinlichkeit zu tun – oder vielmehr damit, dass die Hinrunde der Bundesliga-Saison 2013/2014 von viel denkbar Unwahrscheinlichem geprägt war: dass eine Mannschaft komplett ohne Sieg bleibt zum Beispiel. Oder dass sie in praktisch jeder Vorrundenbegegnung einmal nur Latte oder Pfosten trifft. So dumm das vielleicht klingen mag: Das Beispiel Nürnberg zeigt schlicht, dass das Ende einer jeden Serie um so wahrscheinlicher ist, je länger die Serie andauert.

Der Hamburger SV wiederum hatte seit dem 13. Spieltag nicht mehr gewonnen. So unwahrscheinlich der Erfolg ausgerechnet gegen Borussia Dortmund also auch gewesen sein mag – Hamburg war einfach mal wieder reif für einen Sieg. Und weil zeitgleich in Nürnberg etwas denkbar Unwahrscheinliches geschah – nämlich, dass Eintracht Braunschweig nach früher Führung, Platzverweis für den FCN und gleich zwei Elfmetern das Spiel dennoch verlor – fühlt sich die Welt in der Hansestadt nun schlagartig wieder rosiger an, obwohl der Bundesliga-Dino immer noch nur auf Platz 16 steht.

Dabei ist der Hamburger Sieg alles andere als unerklärlich. Mirko Slomka hat die beiden noch nicht in der Mannschaft angekommenen Ola John und Ouasim Bouy draußen gelassen. Er hat Petr Jiracek gebracht, der etwas zu beweisen hatte. Er hat die Innenverteidigung mit Johan Djourou besetzt, den er aus Hannover kannte, und ihm mit Slobodan Rajkovic den besten Zweikämpfer im Kader an die Seite gestellt. Vorne brannte und rannte mit Pierre-Michel Lasogga derweil einer, der noch in der Woche zuvor jubelnd zu Ex-Trainer Bert van Marwijk gerannt war und mithin klarzustellen hatte, dass er auch einer für den neuen Mann an der Seitenlinie ist.

Wenn der Hamburger SV auch in dieser Saison wieder den Klassenerhalt schaffen sollte, dann hat die Mannschaft letztlich nicht mehr getan, als wenigstens im Saisonendspurt ihr Potenzial halbwegs abzurufen. Wenn es allerdings irgendwann mal wieder mehr sein soll als ein Platz zwischen 13 und 15, dann müssen vor allen Dingen die ständigen Trainerwechsel mal ein Ende haben.

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