Carlos Tévez Trash Your Tevez Shirt

Man kann’s auch übertreiben

Jetzt tun sich Anhänger von Manchester City und Manchester United also in einer Aktion gegen Stürmer Carlos Tevez zusammen – oder sollen es zumindest tun, denn gewachsen ist die Idee Trash your Tevez Shirt! eben nicht auf dem Mist der Anhänger beider Vereine sondern auf dem eines englischen Wettanbieters. Das wiederum macht für mich den Unterschied aus zwischen viralem Marketing und echtem Fanprotest. Deshalb, und weil hinter der ganzen Sache immer noch ein Mensch steht, hoffe ich, dass der Müllcontainer für die Tevez-Trikots hübsch leer bleiben wird.

Am »Erfolg« der Aktion ändern wird das freilich nichts. Selbst wenn sich nur zehn Leutchen einfinden, von denen fünf Praktikanten des Wettanbieters sind und drei mit einer kleinen 50-Pfund-Zuwendung dazu gebracht werden müssen, sich von ihrem Trikot zu trennen, wird die richtige Kameraeinstellung schon dafür sorgen, dass es nach mehr aussieht.

Nun muss man Tevez’ Verweigerungshaltung im Champions-League-Spiel gegen Bayern München natürlich nicht gutheißen. Überhaupt muss man ihn und sein divenhaftes Verhalten nicht mögen. Aber man kann’s eben auch übertreiben. Der Mann hat schließlich keine kleinen Kinder gefressen, er hat nur die Arbeit verweigert. Außerdem ist die Frage immer, ob schlechtes Benehmen ein Abstrafen mit Aktionen rechtfertigt, die für sich genommen auch nicht zum Paradebeispiel für guten Geschmack taugen. Das Verhalten von Carlos Tevez jedenfalls lässt sich mit seiner Vita durchaus erklären. Aber welche Erklärung hat der englische Wettanbieter für seine tumbe Aktion?

Carlos Tevez ist nun mal Fußballer und kein Schöngeist. Wer wie er im gewalttätigen Milieu der Slums von Buenos Aires aufwächst und als kleines Kind schon die Narben einer Verbrühung davonträgt, muss danach sicher viel Spott ertragen. Natürlich kann auch so jemand Pianist oder Maler werden und die bildende Kunst zu seiner Ausdrucksform machen. Größer jedoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er mit den Wölfen heult. Und so gern wir den Fußball als Teil der Unterhaltungsindustrie auch glatt, sauber, trivial und harmlos hätten – wenn Fußball ein Spiegel des Lebens und der Gesellschaft ist, dann müssen wir auch anerkennen, dass er Leben und Gesellschaft abbildet. Beides wiederum besteht nicht nur aus Professoren- oder Ingenieurssöhnen wie Mario Götze oder Kaká oder aus Playstation daddelnden netten Jungs wie Kevin Großkreutz, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil eben auch aus Typen, die man klischeehaft und euphemistisch als »stolz«, »feurig« und »heißblütig« bezeichnen könnte, von denen man weniger wohlwollend aber auch sagen könnte, sie sind schlicht cholerisch, launisch und ungebildet.

Der Witz ist, dass es unter Umständen genau diese Impulsivität und mangelnde Frustrationstoleranz ist, die diese Typen zu außergewöhnlichen Fußballern macht. Beides ist, wie die oben genannten Gegenbeispiele zeigen, natürlich nicht Voraussetzung für eine große Karriere als Profisportler. Im Gegenteil: Die Fußballhistorie ist voll von Spielern, die fehlendes Talent durch professionelles Verhalten ausgeglichen haben. Umgekehrt gibt es auch mannigfaltige Beispiele für durch mangelnde Einstellung vergeudetes Talent.

Kunst im weitesten Sinne hat immer auch mit Glauben zu tun. Das gilt auch für die von Sportlern praktizierte Unterhaltungskunst. Verehrung funktioniert da wie dort nur unter Ignorieren oder gar Leugnen menschlicher Schwächen. Die Alben von Édith Piaf etwa (und ich wähle hier bewusst eine Frau als Beispiel) stehen heute in den Regalen vieler braver Bürger und Bürgerinnen. Sie selbst jedoch war alles andere als das. Die Piaf war keine brave, keine sonderlich gebildete oder kultivierte Frau. Sie war bei aller Sensibilität auch eine Kodderschnauze, derb, sprunghaft, launisch, (selbst)zerstörerisch, ihre Gefühle immer in extremis auslebend. Sie hat inbrünstig gesungen und sie hat inbrünstig gelebt.

Das ist allgemein bekannt, wird aber nicht (mehr) thematisiert. Der allgemeine und stillschweigende Konsens lautet, sie nur als Künstlerin zu sehen und die sogenannten »menschlichen Abgründe« tunlichst nicht zu beachten – warum auch?

Édith Piaf ist dabei nur ein Beispiel von vielen. Niemand will heute mehr wahr haben, dass der große Friedensaktivist und Menschenfreund John Lennon laut Paul McCartney Abscheu vor behinderten Menschen empfand. Niemand hört Mozart mit dem Gedanken an dessen infantil-unreife Seite. Niemand liest Hemingway als depressiven Alkoholiker. Niemand will heute mehr so genau wissen, was Michael Jackson nun wirklich getrieben hat. Niemand möchte sich über Castingshows im Fernsehen hinaus mit den Opfern befassen, die nicht nur Vollblut- sondern auch Unterhaltungskünstler für den Erfolg bringen müssen. Britney Spears möge bitte hübsch aussehen und trällern, uns aber ansonsten bitte tunlichst nicht mit den Kehrseiten des Ruhms behelligen; auch Amy Winehouse sollte bis zuletzt funktionieren, uns unterhalten und erfreuen, nicht jedoch mit ihren Schwächen konfrontieren.

Das ist schizophren, weil es die Kunst vom Künstler, die Performance vom Performer trennt. Kunst kommt nun mal oft aus dem Konflikt, aus dem Zwiespalt, der Krise. Die meisten aber wollen uns nur am Ergebnis erfreuen und flüchtig von ihm berühren lassen, nicht aber Mühsal oder Preis des Entstehens sehen.

Ähnlich schizophren ist auch der Umgang mit Fußballern. Wir wollen Instinktfußballer, legen ihnen aber Fesseln an. Wir wollen schillernde Figuren auf dem Platz, aber graue Mäuse außerhalb. War früher noch klar, dass ein George Best, der sein Geld nach eigenen Angaben für Alkohol und Frauen ausgegeben »und den Rest einfach nur verprasst« hat, so lebte wie er spielte, verlangen wir heute von unseren Fußballern die Quadratur des Kreises. Sie sollen Leistungsnachweise in Form von Außergewöhnlichem erbringen, und das am besten wöchentlich. Nur ist natürlich nicht mehr außergewöhnlich, was mit Regelmäßigkeit geschieht.

Es gibt in unserer Gesellschaft eine Diskrepanz zwischen Kultiviertheit und Kultur. Was wir (noch zumindest) als Kultiviertheit ansehen, ist bei Licht besehen nichts weiter als die Fähigkeit, sich im Zaum zu halten, auch wenn uns die bildungsvernichtende Krake des privaten Lügenfernsehens inzwischen bevorzugt Menschen zeigt, die diese Form der Selbstbeherrschung angeblich nicht haben.

Was wir hingegen als Kultur und vor allem als Kulturschaffen ansehen, geht indes immer auch einher mit Öffnung. Picasso beispielsweise hätte Guernica nicht gemalt, wenn er sich nicht geöffnet, nicht sein Innerstes nach außen gestülpt hätte, wenn er nicht Einblick gewährt hätte in seine Seele und seine Gefühle.

Nun will ich Tevez gewiss nicht auf eine Stufe stellen mit Picasso und aus ihm einen Kulturschaffenden machen. Im bunten Kaleidoskop der Kunst sind Fußballer schließlich allenfalls Zirkuspferdchen. Nichtsdestoweniger kann Tevez das, was er tut, möglicherweise aber wie ein Künstler auch nur dann besonders gut, wenn er sich dabei nicht im Zaum hält, sich öffnet, aus sich heraus geht. Da er mit seiner Art obendrein bislang Erfolg hatte – man betrachte nur die Liste seiner Titel und seine Torquote, von seinem Gehalt und der Verehrung, die er in Argentinien genießt, ganz zu schweigen -, sieht er sicherlich keinen Anlass, sich zu ändern. Warum auch?

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