Das Idol Franz Beckenbauer

Über Idole

Ich kenne Menschen, die verehren Ernest Hemingway oder Frank Sinatra oder Elvis Presley oder Michael Jackson oder Xavier Naidoo. Es gibt sicher gute Gründe dafür: Ihre Werke, ihre Tragik, ihr Engagement, ihre Produktivität, ihre Professionalität. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Große Persönlichkeiten sind oft auch groß in ihren Brüchen, Defiziten und vielleicht sogar Verfehlungen. Das macht sie unter Umständen sogar erst aus. Große Persönlichkeiten sind fast immer auch gespaltene Persönlichkeiten. Es sind Menschen, die anecken, Regeln brechen, Grenzen ausloten und Grenzen überschreiten. Wie aber passt Franz Beckenbauer da hinein?

Ich hatte nie Idole. Vorbehaltlose Verehrung ist einfach nicht meins; ich fühle mich unwohl damit. Egal, zu wem ich in meinem Leben auch aufgeschaut habe, irgendwann sagte oder machte er oder sie irgendwas Dummes, dem ich nicht zustimmen und das ich nicht zwecks Erhalt der gewünschten Makellosigkeit des oder der Verehrten ausblenden konnte. Inspirieren lassen habe ich mich immer wieder von Menschen; ihnen nachgeeifert jedoch so gut wie nie. Vielleicht hatte ich nie die nötige Sehnsucht nach Unfehlbarkeit, vielleicht war ich in meiner Persönlichkeit schon früh sehr gefestigt, vielleicht bin ich aber auch zutiefst unnormal. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist mein Lösung gegen den Kater, den das Entthronen von »Lichtgestalten« mit sich bringt: einfach keine Lichtgestalten haben.

Dabei ist mir klar, dass solche Menschen wichtig sind. Wir brauchen sie. Wir brauchen die Außergewöhnlichen, die Besessenen, die offen und öffentlich mit ihren Dämonen kämpfenden. Wir brauchen die, die das Schwierige einfach wirken lassen, den Schmerz süß und harte Arbeit spielerisch.

Wir brauchen Menschen, die aus der Reihe tanzen. Menschen, für die nicht das gilt, was für andere gilt. Wir brauchen Menschen, die nicht so sind wie wir. Menschen, von denen wir uns sagen, ihre Leistungen überstrahlen ihre Fehler. Das ist mir sonnenklar und allein deshalb verfalle ich nicht in das (andere) Extrem, glühende Verehrer mit Macht ernüchtern zu wollen.

Dennoch wird mir unbehaglich, wenn aus Verehrung Idealisierung wird, wenn aus nachsichtigem Übersehen von Fehlern das Leugnen von Fehlern wird, wenn aus Bewunderung Personenkult wird, wenn nicht mehr wahr ist, was nicht wahr sein darf.

Mir wird unbehaglich, wenn aus Fans Jünger werden, die sich auf einer Mission wähnen, welche in der bedingungslosen Verteidigung ihres Idols besteht. Wenn keine Trennung mehr besteht zwischen Idol und Idolisierern, wenn Menschen sich zu kleinen Dienern machen, deren ganzes Glück der Einsatz für die Unbeflecktheit ihrer Idole ist, obwohl dem Idol selbst etwaige Kritik herzlich egal sein kann, weil es in der Welt der Reichen und Schönen lebt oder eben gar nicht mehr – dann geht für mich davon die traurige und bedenkliche Botschaft aus: »Ich, der Fan, bin mit meinem Leben unzufrieden. Ich wäre viel lieber jemand anderes.«

Bei aller Verehrung für einen Menschen muss für mich immer noch genügend Ratio in der Beurteilung vorhanden sein zu sagen: »Ich weiß, dass meine Verehrung und Bewunderung irrational ist.«

Womit wir bei Franz Beckenbauer und der Frage wären, was ihn eigentlich (heute noch) zum Idol macht.

Ich bin Jahrgang 1971 und für mich ist Franz Beckenbauer jemand, der offensichtlich früher mal gut Fußball gespielt haben muss. Rein theoretisch müsste ich mich noch an ihn als Spieler beim Hamburger SV erinnern können, aber ich gestehe, dem ist nicht so.

Beckenbauer war mir bis 1984 de facto nur aus gelegentlichen, durchaus schwärmerischen, Erzählungen der Generation meiner Eltern ein Begriff als Meister des eleganten Außenristpasses, mit dem Beinamen »Kaiser« versehen, weil die Niederländer ihren »König Johan« Cruyff hatten und die Deutschen natürlich unbedingt einen drauf setzen mussten. Inzwischen weiß ich, dass es noch andere Varianten zum Ursprung des kaiserlichen Spitznamens gibt. Aber das ist die, mit der ich aufgewachsen bin.

Ansonsten kannte ich Franz Beckenbauer nur als Werbefigur. Uwe Seeler machte pfeifend Werbung für Opas Aftershave, Beckenbauer für japanische Autos. Ich hatte weder Bartwuchs noch Führerschein, ergo zählte ich nicht zur Zielgruppe.

Dann sollte Beckenbauer 1984 die Nationalmannschaft übernehmen und Fußballdeutschland diskutierte erst einmal in schildbürgerlicher Gründlichkeit über seinen Titel, denn einen Trainerausbildung hatte der »Kaiser« ja nun einmal nicht, weswegen er folglich auch nicht »Nationaltrainer« werden konnte oder durfte sondern nur »Teamchef«.

Rückblickend erscheint das doppelt witzig, denn Beckenbauer war ja tatsächlich nur Aushängeschild und Lorbeeren-Ernter. Die eigentliche Trainingsarbeit machten seine Assistenten Holger Osieck und Berti Vogts. Beckenbauer thronte derweil breitbeinig im Anzug über den Spielern, die auf dem nach Tschernobyl 1986 radioaktiv belasteten Rasen schwitzten.

Es kam die WM 1986, die EM 1988, der Titelgewinn bei der WM 1990 und Beckenbauer wie der Storch im Salat auf dem Rasen von Rom. Er wurde mehr gefeiert als Helmut Schön, der Trainer, unter dem er selbst als Spieler Weltmeister geworden war.

Bis dahin hatte auch ich den Begriff »Lichtgestalt« schon bis zum Abwinken gehört und zur Kenntnis genommen, dass man Beckenbauer in Deutschland uneingeschränkt gut zu finden hat. Beckenbauer war nun auch für mich präsent: Als Gelegenheitstrainer, Gelegenheitskommentator, Gelegenheitsfunktionär, Gelegenheitssexausübender und Dauerwerbegesicht.

Zwei mal sprang Beckenbauer als Interimstrainer bei seinem FC Bayern ein. Er wurde deutscher Meister und 1996 UEFA-Pokal-Sieger, nachdem ihm Otto Rehhagel zuvor mit einer taktischen Meisterleistung den FC Barcelona aus dem Weg geräumt hatte. Beckenbauer staubte den Titel ab und es hieß: »Was der Franz anpackt, das wird zu Gold.«

Beckenbauer hat nie gegen Diskriminierung gekämpft, den Wehrdienst verweigert oder sich gegen den Vietnamkrieg gestellt wie der nur drei Jahre ältere Mohammed Ali. Er war nie Sonderbotschafter der UNESCO wie sein Freund Pelé. Er lehnte sich nie gegen die Mächtigen auf wie sein Rivale Johan Cruyff.

Nicht einmal den Fußball hat Beckenbauer voran gebracht. Er war noch Verfechter der aussterbenden Position Libero, »weil man dann in der Mitte einen Mann mehr hat und in der Mitte seht nun mal das Tor«, da schuf Cruyff beim FC Barcelona schon die Strukturen für die Zukunft und formte sein Dream Team.

So ziemlich als letztes, quasi »idoldefinierendes« Merkmal bleiben also die inneren Dämonen, die Streitbarkeit, die Kontroversen. Aber auch die liefert Beckenbauer ja nicht. Seine Legende sieht keine Aufstiegsgeschichte über harte Arbeit vor, sein lange Zeit unsteter Lebenswandel – für so ziemlich jeden anderen der Genickbruch – wurde ihm stets nachgesehen, seine kindlich-kindische Art als spezieller Charme gedeutet.

Kontroversen freilich hätte der »Kaiser« reichlich bieten können, schließlich füllen seine Aphorismen der Naivität und seine rhetorischen Perlen ganze Bände. Aber die einen lachten stets nachsichtig und sagten: »Ja, der Franz, so isser halt!« und Beckenbauers eigene Definition von »Auseinandersetzung« war andererseits immer, Kritik mit einem verächtlichen Abwinken zu quittieren. Er hatte zu vielen Dingen eine Meinung, aber er kam nie in die Verlegenheit, sie auch mal wirklich vertreten zu müssen. Dazu hat man ihn irgendwie nie ernst genug genommen.

Selbst jetzt, in der Affäre um mutmaßliche schwarze Kassen beim DFB, ist das augenscheinlich Beckenbauers Strategie. Er gibt den Unbedarften, den Wohlmeinenden, der im Glauben an die gute Sache einfach nur schafisch alles unterzeichnet hat, was ihm vorgelegt wurde. Das mag sogar so sein. Nur: Was sagt das über Beckenbauers sonstiges soziales Engagement aus – seine Stiftung, seine Schirmherrschaften? Hat er sich dafür auch nur vor den Karren spannen lassen und unterschreibt gelegentlich mal was?

Nein, ich will Franz Beckenbauer nichts Böses. Nur weiß ich nicht, warum er für mich ein Idol sein sollte. Ich sehe ihn vielmehr als einen Glückspilz, auf den sich die Deutschen aus einer Art tiefer Sehnsucht heraus geeinigt haben als einen, den sie mögen und positiv sehen wollen.

Obwohl, möglicherweise ist die Bezeichnung »Idol« ja doch ganz zutreffend. »Idol« bedeutet nämlich bezeichnenderweise »Trugbild«. Was hingegen der Begriff »Lichtgestalt« eigentlich genau bedeutet und woher er stammt, weiß ich nicht.

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3 Antworten auf Das Idol Franz Beckenbauer

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  2. werner sagt:

    Egal ob Franz Beckenbauer oder »König Johan« Cruyff oder Pele oder wie sie noch alle hießen. Sie alle sind Legenden. Ich bin ebenso ein Jahrgang 1971 und grad deshalb sind mir diese Menschen wohl auch eher von Erzählungen ein Begriff. Man übergibt den Legendenbegriff wohl eher von einer Generation zur näcchsten Generation. Aber bedenke btte eines …. wir alle sind ne youtube Generation und kennen wohl das eine ode andere Video dieser Jungs. Aus dieser Sicht rückt der legendenbegriff wieder näher und wird mehr verständlci als vorher. Meinst du nicht? Was man denen nicht vorwerfen kann ist, dasss sie schlechter spielen konnten als Messi und Co….. :-) LG Werner

    • Mario Nowak sagt:

      Hallo Werner – klar, du hast recht: In der Bundesliga, im Fußball oder im Sport allgemein ist noch niemand zum Star geworden, der in seiner Sportart nicht auch gehörig was drauf hatte. Und, klar, Legenden entstehen mit der Zeit und durch die Weitergabe (verklärter) Geschichte(n) von Generation zu Generation.

      Ich kann mir auch denken, warum ausgerechnet Beckenbauer seinerzeit auf den Schild gehoben wurde. Er war ja schon als Spieler eine elegante Erscheinung. Dagegen konnten die meisten anderen Sportler in Deutschland nicht anstinken. Und ich verstehe durchaus auch, warum ihn so viele Leute sympathisch finden. Wenn Beckenbauer einem kleinen Kind mit baierischem Zungenschlag “viel Spaß im schönteeen Stadion der Weeelt” wünscht, als sei er selbst noch ein kleiner Junge, dann hat das was ungemein Charmantes.

      Dennoch kann zumindest ich nicht ausblenden, dass das in gewisser Weise nur die Fassade eines sehr vermögenden Geschäftsmannes ist. Und ich weiß eben nicht, ob man wirklich so vermögend werden kann, indem man einfach nur nett, naiv und unbedarft ist. Das wäre ein ziemlich riskantes Geschäftsmodell. Die Erfahrung zeigt eher, dass Leute, die so sind und sich von anderen vermarkten lassen, früher oder später feststellen, dass sie abgezockt wurden und pleite sind.

      Wenn es bei Beckenbauer also nur darum ginge, dass ihm die Generation um 1960 herum geborener Jungs sportlich nacheifern wollte, könnte ich das nachvollziehen. Aber bei Beckenbauer geht es ja um mehr als nur darum, dass er in seiner Spielweise ein Vorbild war. Unter einem Idol stelle jedenfalls ich mir aber etwas anderes vor.

      Vor allen Dingen darf Verehrung für mich nicht so weit gehen, dass man jemandem alles durchgehen lässt. Für mich ist es schlicht geheuchelt, sich über eine WM-Vergabe nach Russland und Katar zu empören oder an einem Joseph S. Blatter abzuarbeiten, dann aber an Deutschland und Franz Beckenbauer nicht das selbe Maß anzulegen.

      Auch wäre es mir persönlich schlicht peinlich, mich selbst als eine Art vertrauenseligen nützlichen Idioten darzustellen, der alles macht, was andere von ihm verlangen. Idole sind für mich eigenständige Menschen, die selbst denken.

      Deshalb noch mal: Dass Beckenbauer als Fußballer eine Legende ist, weil mal ganze Generationen so spielen wollten wie er, verstehe ich. Dass er seinen Ruhm erfolgreich vermarktet hat, sei ihm gegönnt. Aber was ihn darüber hinaus zu einem Idol macht, erschließt sich mir nicht.

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