Das Karten-forder-Bullshit-Bingo

Klare Linie

Am Sonntag ist etwas Unerhörtes passiert: Im Spitzenspiel der englischen Premier League zwischen Manchester City und Manchester United wurde Abwehrspieler Chris Smalling vom Platz gestellt! Smalling hatte sich binnen kurzer Zeit zwei Verwarnungen von Schiedsrichter Michael Oliver eingehandelt. Eine davon wegen eines Foulspiels, die andere jedoch, weil er City-Torwart Joe Hart behindert hatte. Das beweist: Auch auf der Insel sind Schiedsrichter nicht bloß Staffage. Sie pfeifen – und das mitunter sogar kleinlich.

Gut, nimmt man den kürzlich zurückgetretenen Howard Webb – der ja obendrein sogar Profischiedsrichter war – und seine katastrophal »großzügige« Leitung des WM-Endspiels von 2010 zum Maßstab, dann könnte man tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass englische Unparteiische erst abzupfeifen belieben, wenn nachweislich wenigstens ein offener Unterschenkelbruch vorliegt.

Aber das Finale 2010 war die Ausnahme, die das Klischee bestätigt, mehr nicht. Deshalb möchte ich hiermit den offiziellen Antrag stellen, den Satz: »In England wäre das nicht gepfiffen worden!« in den Katalog der amtlichen Fußball-Stehsätze aufzunehmen. Denn, mal ehrlich: »In England wäre das nicht gepfiffen worden!« ist doch nicht nur in neunzig Prozent aller Fälle kompletter Unsinn sondern noch dazu nun wirklich der Bacon am Phrasenschwein.

Ich würde mich ja überhaupt nicht weiter daran stören, wenn denn dieser ominöse Satz als konsequentes Plädoyer für eine großzügigere Regelauslegung zu verstehen wäre. Aber es vergeht ja kein Spieltag in der Bundesliga, ohne dass nicht irgendein Cletus Spuckler von Reporter kommentiert: »Da kann er aber von Glück sagen, dass er dafür keine Karte gesehen hat!« Weitere Elemente aus dem Karten-forder-Bullshit-Bingo: »Wie man da keine Karte geben kann, ist mir völlig unverständlich!«, »Da nimmt er die Verletzung seines Gegenspielers billigend in Kauf!«, »Das war Dunkelgelb!«, »Da muss es eine Karte geben, es muss einfach!«, »Dafür hat es auch schon Rot gegeben!«, »Das war rotwürdig!« und »Da könnte man auch über eine andere Kartenfarbe diskutieren!«

Kurz und gut: Ginge es nach den deutschen Fußballkommentatoren, würde sich die Personalnot der Bundesligisten Wochenende für Wochenende weiter verschärfen, weil immer mindestens drei Spieler zusätzlich gesperrt würden – zur Not auch nachträglich, denn das Aufdecken eventueller Missetaten, die der Schiedsrichter möglicherweise übersehen hat, ist offenbar jedes Reporters Wonne und Bürgerpflicht.

Sicher, auch ich wüsste gern, wie Florian Meyer seine Leitung des Spiels Hamburger SV gegen Bayer Leverkusen vor den Schiedsrichterbeobachtern erklärt. Aber war das nicht eine Partie, wie sie laut all der Experten in England an der Tagesordnung sein müsste?

In der Diskussion um Schiedsrichterleistungen höre ich immer wieder den Begriff der »klaren Linie«. Vielleicht sollte man ihn jedoch besser durch »starre Linie« ersetzen, denn offenbar ist damit gemeint, dass sich ein Schiedsrichter vorab festlegen soll, ob er nun eher kleinlich oder eher großzügig pfeifen will – um dann auf Gedeih und Verderb dabei zu bleiben, ganz gleich, wie sich das Spiel tatsächlich entwickelt.

Aber Fußballspiele durchlaufen Phasen. Sie haben eine Dynamik. Diesen Phasen und dieser Dynamik entsprechend kann und muss ein Unparteiischer seine Spielleitung anpassen. Es kann also sein, dass er, wie es im Reporterdeutsch dann immer so schön heißt, wenigstens temporär »seine Linie verlässt« – und das ist auch gut so. Nur eines darf ein Schiedsrichter dabei nicht: Für eine Mannschaft andere Maßstäbe anlegen als für die andere.

Entsprechend finde ich, man kann Florian Meyer nicht den Vorwurf machen, dass er am Samstag keine klare Linie hatte. Sie war im Gegenteil eigentlich sehr klar darauf ausgerichtet, durch Kommunikation zu deeskalieren. Man kann gewiss argumentieren, dass ihm das nicht gelungen ist. Aber zu behaupten, dass Platzverweise in Hamburg automatisch für Ruhe und ein besseres Spiel gesorgt hätten, halte ich für eine steile These – schon allein deshalb, weil im Augenblick bezweifelt werden darf, dass der HSV überhaupt zu besserem Fußball fähig ist.

Ich habe bereits an anderer Stelle geschrieben, dass Schiedsrichter schlicht vom Wohlwollen der beiden Mannschaften abhängig sind. Pfeifen sie streng, kann es sein, dass die Spieler bei jeder sich bietenden Gelegenheit den sterbenden Schwan mimen. Pfeifen sie großzügig, kann es sein, dass sich sich gegenseitig ungehemmt in die Knochen hauen. Die Behauptung jedenfalls, dass Handlungsweise A auf das Spiel zwingend Auswirkung B hat, ist von einer Linearität, die es im Leben allgemein und damit auch im Fußball nicht gibt. Will sagen: Es ist durch nichts bewiesen, dass Rote Karten das Spiel in Hamburg beruhigt hätten. Es kann ebenso gut sein, dass es dann erst richtig hässlich geworden wäre.

So oder so möchte ich allen Karten-forder-Bullshit-Bingo spielenden Fußballreportern gern eine Begebenheit ins Gedächtnis rufen. Als Paolo Guerrero noch ein blutjunger Nachwuchsspieler beim FC Bayern München war, hat er einst einen Elfmeter gegen Leverkusens Jens Nowotny geschunden. Es war eine klare Angelegenheit, die Unsportlichkeit war unstrittig. Doch der damalige Kommentator der Spielzusammenfassung im Fernsehen – ich glaube, es war Jörg Dahlmann bei Sat1 – geißelte das Verhalten des Peruaners nicht etwa, er jubelte, wie »abgewichst« Guererro doch in seinen jungen Jahren schon sei.

Später, beim Hamburger SV, wurden Guererros diverse Platzverweise dann aber nicht mehr so nachsichtig behandelt. Und so schließt sich dann irgendwie der Kreis. Was beim FC Bayern München als Cleverness durchgeht, wird anderswo als »unverbesserlich« und »disziplinlos« gebrandmarkt, ein Spieler rasch mal zum »Problem-Profi« gestempelt.

Merke: Wenn Fußballreporter Schiedsrichter spielen, ist von »klarer Linie« meist auch keine Spur.

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