Der Flankengötter-Fußballblog-Jahresrückblick 2014, Teil 2

Jahresrückblick 2014, Teil 2: Ein Schwuler mit Selbstbeherrschung

Erstes, wenn schon nicht großes, so doch zumindest größeres Thema des Fußballjahres 2014 war dann das Coming-out von Thomas Hitzlsperger. Es hat mich überrascht, für wie viel Aufsehen es immer noch sorgt, wenn sich ein Sportler in Deutschland dazu bekennt, homosexuell zu sein. Rückblickend sage ich mir: Statt dreier hätte es auch nur ein Artikel dazu auf flankengoetter.com getan. Schließlich sollte Homosexualität heutzutage einfach kein Aufreger mehr sein.

Aber die einen haben eben darüber geschrieben und die anderen im Zweifelsfall darüber, warum sie nicht darüber schreiben. Der kicker zum Beispiel erklärte, er berichte nicht darüber, weil das Thema nichts mit Sport zu tun hat. Richtig so! Nur: Auch der kicker wäre geschätzt um ein Drittel dünner, wenn er wirklich immer nur über rein sportliche Belange schriebe. Und: Die Begründung von kicker-Chefredakteur Jean-Julien Beer für den Themenverzicht war mehr als ungeschickt.

Aber schlimmer geht ja bekanntlich immer. Erst einige Zeit später habe ich die kruden Aussagen von Jens Lehmann zu diesem Thema gesehen. Das war so einer der Momente im Fußballjahr 2014, an denen mir der Mund offen stehen geblieben ist und ich dachte: »Das hat der jetzt nicht wirklich gesagt, oder?«

Und, auch wenn ich es nicht glauben mochte: Doch, er hatte! Geschadet hat es Lehmann offenbar auch nicht, denn er wurde trotzdem beim VfB Stuttgart als Funktionär gehandelt und ist trotzdem heute Experte bei von RTL übertragenen Länderspielen.

Das beweist mal wieder, der Teufel scheißt auf den größten Haufen – und bei Jens Lehmann bekommt der Fürst der Finsternis anscheinend sogar heftigen Durchfall.

Doch damit noch nicht genug. Auch unsere geschätzte Frau Bundeskanzlerin hat sich zum Coming-out von Hitzlsperger geäußert. Das war ja immerhin mal ein Thema, bei dem sie nicht erst monatelang wägen und taktieren musste. Da es also mit keinerlei Risiko behaftet war, sich dazu zu äußern, sagte Angela Merkel völlig überraschend, sie finde Hitzlspergers Schritt gut.

Lustiger und vielleicht auch ehrlicher wäre sicher gewesen, sie hätte gesagt, ihrer wäre es lieber gewesen, Hitzlsperger hätte seine sexuelle Orientierung für sich behalten. Dann wäre wenigstens mal Leben in die Bude gekommen. Aber auch so wird die Geschichte ja erst rund, wenn man sich vor Augen hält, dass die selbe Bundeskanzlerin nur wenige Monate zuvor im Bundestagswahlkampf der steuerlichen und familienpolitischen Gleichstellung homosexueller Paare eine klare Absage erteilt hat.

Sie hat gedruckst und sich gewunden, aber unterm Strich war das – neben der Maut, die es mit ihr nicht geben sollte – notgedrungen Angela Merkels einzige klare Aussage im Fernsehduell. Und genau diese Bundeskanzlerin stellt sich nur wenige Monate später hin und sagt, sie findet es gut, wenn sich jemand öffentlich dazu bekennt, zu einer auch in Deutschland noch immer benachteiligten und diskriminierten Personengruppe zu zählen.

Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen.

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2 Antworten auf Der Flankengötter-Fußballblog-Jahresrückblick 2014, Teil 2

  1. Fußballtor sagt:

    Hey Mario,

    ich fands auch total krass, als ich von dem Coming-Out von Hitzlsperger erfahren habe. Hätte das von dem Kerl niemals erwartet. Aufjedenfall Respekt für den Mut.

    VG
    Andre

    • Mario Nowak sagt:

      Hallo Andre! Ja, Respekt hat er sich dafür allemal verdient. Aber ich frage mich zunehmend: Wieso eigentlich “krass”? Wir machen uns doch eigentlich alle keine Gedanken darüber, ob ein Fußballer nun homosexuell ist oder heterosexuell, wenn wir die Spiele sehen – und das ist gut so. Oder schaut sich irgendwer die Spieler an, wenn sie Aufstellung nehmen, und überlegt sich, wer welche sexuelle Orientierung haben könnte? Nein, es interessiert keinen, weil es um Fußball geht. Ich stelle mir ja, wenn ich ein Spiel sehe, auch nicht vor, was im Schlafzimmer von Sami Khedira, Cristiano Ronaldo oder Mario Götze (oder wahlweise eines anderen heterosexuellen, mit einem Model liierten Fußballers) abgeht. Warum also sollte mich bei Hitzlsperger interessieren, was mich bei sonst keinem interessiert?

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