Der Flankengötter-Fußballblog-Jahresrückblick 2014, Teil 3

Jahresrückblick 2014, Teil 3: Der Hass des Ulrich H.

Das dritte große Thema des Fußballjahres 2014 war der Prozess gegen Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung. Er endete mit der Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren – und anhaltenden Episoden von Massenhysterie in und um die bayerische Landeshauptstadt.

Die eigentliche Geschichte ist dabei schnell erzählt: Uli Hoeneß, Präsident und Aushängeschild des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München, hat Steuern hinterzogen, und zwar jede Menge. Bei knapp 30 Millionen haben die zuständigen Stellen lediglich quasi aufgehört zu zählen.

Zuvor war eine auf den letzten Drücker versuchte Selbstanzeige von Hoeneß gescheitert – auch, weil Journalisten offenbar belastende steuerbehördliche Informationen hatten. Darüber ist Uli Hoeneß bis heute empört. Sogar Hass will er empfunden haben. Er sieht sich als einziger prominenter Steuersünder Deutschlands, dessen Selbstanzeige (und damit Straffreiheit) mutwillig sabotiert wurde.

Nun mag man es tatsächlich bedenklich finden, wenn Mitarbeiter von Finanzbehörden Interna an Journalisten weitergeben. Der Verdacht, dass dabei Neid, Rachegelüste oder Machtphantasien eine Rolle spielen, wird nie ganz auszuräumen sein. Andererseits aber unterscheidet sich der Fall Uli Hoeneß eben nicht von dem einer angekauften CD mit Daten von Steuersündern. Journalisten bzw. Behörden bekommen sie zugespielt – und nutzen sie. Rechtlich ist das extrem bedenklich, findet aber in der Regel bei der Bevölkerung große Zustimmung … auch und sogar gerade dann, wenn die Beschuldigten sich nicht mehr mit einer Selbstanzeige vor Strafe retten können.

Nichts anderes ist so gesehen Uli Hoeneß widerfahren – einem Mann, der es darüber hinaus stets verstanden hat, Journalisten für sich einzuspannen und ihnen Informationen zu stecken.

Die Berichterstattung über den eigentlichen Prozess war dabei reichlich bizarr. Zum ersten mal hatte ich das Gefühl, dass ein Live-Ticker tatsächlich sinnvoll war, denn alle paar Minuten stieg der Hinterziehungsbetrag um eine Million. Nach dem Ticker gab es dann diverse Countdowns: Countdown bis Hoeneß-Rücktritt, Countdown bis Haftantritt, Countdown bis zum ersten Freigang und so weiter.

Die Blüten, die der Hoeneß-Prozess trieb, reichten letztlich vom Anhimmeln der Gerichtspressesprecherin Andrea Titz (im Brotberuf passenderweise Oberstaatsanwältin mit Spezialgebiet Stalking) über Spekulationen, dass Hoeneß der neue große Babo im Knast sein könnte bis hin zu Zweizeilern von Ex-Knackis, die für 15 Minuten Ruhm vom Gefängnisalltag zu berichten wussten.

Anders ausgedrückt: Selten sind in China so viele Säcke Reis umgefallen und in Holland so viele Fahrräder geklaut worden.

Es gab eine Jahreshauptversammlung des FC Bayern München, auf der der sich verabschiedende Uli Hoeneß frenetisch gefeiert wurde. Danach gab es eine Jahreshauptversammlung des FC Bayern München, auf der der abwesende Uli Hoeneß frenetisch gefeiert wurde. Und ich nehme an, der wiederkehrende Uli Hoeneß wird sogar noch mehr gefeiert werden.

Ich kann das inzwischen überhaupt nicht mehr ernst nehmen. Ganz abgesehen davon, dass ich davon ausgehe, dass die ausgesprochen professionelle Medienabteilung des FC Bayern München das schon zu beeinflussen weiß und sehr genau darauf achtet, welches Bild der Verein nach außen abgibt, verbuche ich diesen Schmonzenz mittlerweile küchenpsychologisch als Massenhysterie. Die Äußerungen von Sportvorstand Matthias Sammer jedenfalls, sofern sie nicht die perfekte ironische Verarschung des Reporters waren, lassen für mich nur noch den Schluss geistiger Umnachtung zu.

Sei’s drum. Pünktlich zur nachrichtenarmen Winterpause und kurz bevor er Freigänger wurde, hat sich Uli Hoeneß dann insofern zurückgemeldet, als er seinen Bayerischen Verdienstorden zurückgegeben hat. Die Gründe hierfür sind unklar, aber klar ist, er hat es so machen lassen, dass es öffentlich wurde.

Vielleicht ist Uli Hoeneß zu der Einsicht gelangt, dass er den Orden ob seiner Verfehlungen nicht verdient hat, kann ja sein. Sollte der Grund allerdings tatsächlich sein, dass er sich vom Freistaat Bayern ungerecht behandelt fühlt, wäre das ein, gelinde gesagt, sehr selbstbewusstes und eigenwilliges Zeichen – und eines, das nicht notwendigerweise darauf schließen lässt, dass die Haft bei Hoeneß die gewünschte Einsicht gefördert hat.

Andererseits würde es wiederum ins Schema passen, denn niemand stellt sich so konsequent als Opfer dar (und hat solchen Erfolg damit) wie Steuerhinterzieher. Fast allen ist gemein, dass sie so tun, als seien sie vom bösen, bösen Staat genötigt worden, ihr Geld »in Sicherheit zu bringen«. Darüber halten Steuerhinterzieher dann auch gern mal Vorträge vor ähnlich solventer Klientel, die solche Nöte nachvollziehen kann und die entsprechenden Andeutungen mit verstehend-diskretem Lachen goutiert.

Ich rechne fest damit, dass es in den kommenden Monaten zu ersten Andeutungen kommen wird, wonach Hoeneß nach endgültiger Verbüßung seiner Strafe die Gründe für seine Ordensrückgabe öffentlich machen wird. Dann, wenn er frei ist, wird er ein Buch ankündigen, vielleicht seine Biografie. Die von Louis van Gaal hat zwei Bände, ein Wappen und einen Schuber. Ich bin aber sicher, bei Hoeneß geht noch was.

Die BLÖD wird vorab Auszüge aus dem Buch drucken und die Leute werden es wie wild kaufen – womit wir dann wieder beim Teufel und dem größten Haufen wären.

Ich habe nicht jeden Kommentar zum Hoeneß-Urteil gelesen. Aber ich bin mir sicher, eine wirkliche (unfaire) Abrechnung mit ihm wäre von anderen Medien gespiegelt worden und hätte es so über meine Aufmerksamkeitsschwelle geschafft.

Nach meinem Dafürhalten ist Uli Hoeneß sogar sehr zurückhaltend behandelt worden. Außer Lars Wallrodt (ausgerechnet von der WELT) fällt mir niemand ein, der mit Hoeneß härter ins Gericht gegangen wäre. Ihm gegenüber standen neben dem bereits erwähnten »beseelten« Matthias Sammer beispielsweise Dieter Hoeneß, Kai Traemann (BILD), Günter Netzer und Jörg Althoff (ebenfalls BILD), der ohnehin so etwas ist wie eine schreibende Hipster-Darmzote des FC Bayern München.

Hoeneß hatte also Fürsprecher noch und noch. Aber wenn man ansonsten sein Leben lang überhaupt keinen Widerspruch erfährt oder duldet, kommt man vermutlich auch nicht mit noch so dezenter Kritik von Menschen klar, die vielleicht einfach nur persönlich enttäuscht sind.

Rund wird die Geschichte um die Rückgabe des Verdienstordens wie üblich wieder mal, wenn man sich den Spaß macht, den Spieß umzudrehen. Wenn man sich vorstellt, ein Mensch mit dem Etikett »links« und/oder ein Mensch mit »Migrationshintergrund« hätte den Orden zurückgegeben. Er würde vermutlich ohne Prüfung der Gründe sofort wegen Undankbarkeit, mangelnder Demut und vermeintlichem Hass auf Bayern bzw. Deutschland geteert und gefedert.

Ach ja: Auch in Sachen Uli Hoeneß war es wieder die Bundeskanzlerin, die den Vogel abschoss. Angela Merkel zollte ihm nämlich »Respekt« dafür, dass er das Urteil akzeptierte.

Als ich das gehört habe, ist mir wieder das Gesicht eingeschlafen. Ich meine, man hört doch allenthalben was von »Politikberatern«. Kann man da nicht erwarten, dass einer oder eine von denen die deutsche Regierungschefin mal ein wenig in Rhetorik schult – so ein ganz klein wenig nur?

Angela Merkel hätte sagen können, sie findet es »richtig«, dass Hoeneß das Urteil annimmt. Sie hätte sagen können, sie findet es »angemessen«. Das hätte zwar immer noch nicht widergespiegelt, dass Uli Hoeneß mit einem Verzicht auf Revision zugleich weiteren Ermittlungen entgangen ist, aber es wäre immerhin mal ein Statement gewesen – eines, das Hoeneß’ eigener Inszenierung als Opfer kraftvoll entgegen gestanden hätte.

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