Der Flankengötter-Fußballblog-Jahresrückblick 2014, Teil 4

Jahresrückblick 2014, Teil 4: Titel, Tore, Temperamente

Ja, und dann war Sommer und auf einmal war alles nur noch WM. Schlagartig gab es keine Kriege und Krisen mehr auf der Welt, nur noch Fußball. Rückblickend fallen mir dabei vor allem zwei Dinge auf: Über eine Weltmeisterschaft – zumal über eine gewonnene – ist im Nachhinein noch schwieriger zu schreiben als währenddessen. Und: Es ist erstaunlich und irgendwie auch erschreckend, wie wenig vom Titel in Brasilien 2014 geblieben ist.

Klar, nimmt man die Jahresrückblicke zum Maßstab, kann man durchaus den Eindruck gewinnen, 2014 bestand einzig und allein nur aus der WM in Brasilien. Dabei gilt die Formel: Je Privatsender, desto Weltmeister. RTL beispielsweise – seit dieser Saison Überträger der deutschen EM-Qualifikationsspiele – tauchte quasi seine ganze Jauch-Jahresrückschau noch einmal penetrant in sportliches Schwarz-Rot-Gold.

Klar ist auch, wenn der Titel gewonnen wurde, jener ominöse »vierte Stern«, der offensichtlich unser aller Streben und Sehnen war, dann war sowieso alles richtig. Benedikt Höwedes als Linksverteidiger, Miroslav Klose als einziger gelernter Stürmer – Plan aufgegangen, herzlichen Glückwunsch.

Trotzdem frage ich mich (nicht erst jetzt), ob es sportlich eine gute WM war. Nicht, dass ich den deutschen Titelgewinn für einfach hielte oder gar für unverdient. Ich frage mich lediglich, kann es so etwas wie eine gute Weltmeisterschaft noch geben, am Ende einer Saison, in der beispielsweise die Spitzenspieler aus den Ligen Spaniens und Englands locker 50, 60 oder noch mehr Partien in den Beinen haben – und das ja nicht nur einmalig, sondern Jahr für Jahr für Jahr?

War es eine gute WM, wenn Mannschaften wie Spanien und Italien bereits in der Vorrunde ausgeschieden sind? War es eine gute WM, wenn selbst in der Vorschlussrunde des Königsturniers eine Mannschaft die andere mit 7:1 deklassiert? Welche Spiele bleiben eigentlich als fußballerisch gut in Erinnerung? – Ich weiß es nicht.

Ich hatte vor dem Turnier darauf getippt, dass Japan und Südkorea eine gute Rolle spielen würden. Ich dachte, beide Mannschaften würden mit den klimatischen Bedingungen in Brasilien gut zurecht kommen und mit ihrem laufintensiven Kollektiv- und Kombinationsfußball das Viertelfinale erreichen. Ich habe mich bekanntlich geirrt.

So kann ich letztlich nur eine Erkenntnis festhalten, und die geht an die Adresse der Kritiker einer Kommerzialisierung des Fußballs. Sie lautet: Wem Titel das Wichtigste sind und wer auch nach einer anstrengenden, langen Saison und dem siebten Spiel innerhalb von vier Wochen noch sehen will, wie Spieler selbst in der Verlängerung des Finales noch im Vollsprint Richtung Strafraum ziehen, der muss in Kauf nehmen, dass es dafür Kohle braucht. Ohne Kohle für Analysen, Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung und medizinische Betreuung lassen sich Spieler nicht auf dieses körperliche Niveau trimmen.

Ansonsten war mir diese WM schlicht too much. Fußball ist die schönste Nebensache der Welt, ja. Aber er taugt eben nicht zur Hauptsache und zur Rundum-Berichterstattung an sieben Tagen die Woche. Wenn schon Beiträge über das Freistoßspray gebastelt werden müssen, ist eigentlich der Beweis hinlänglich erbracht, dass weniger mehr gewesen wäre.

Was sich während der WM in den sozialen Netzwerken abgespielt hat, war für mich zudem oft sehr deutlich jenseits der Grenzen des guten Geschmacks. Ein stilles Genießen war überhaupt nicht möglich. Propagiert wurde zwar, dass alles ganz cool und locker und entspannt ist, tatsächlich aber war das Aggressionspotenzial riesig und auch ziemlich unverhohlen. Wer nicht feiern wollte wie die ewig hüpfenden, gröhlenden und fahneschwenkenden Public Viewer (zu denen jeder Sender seine Reporter zum Mithüpfen und Mitgröhlen schickte), wurde ans Kreuz genagelt. Ich frage mich indes bis heute, welcher auch nur leidlich gefestigte Charakter sich angegriffen oder in seiner Freude getrübt fühlt, nur weil jemand anderes vielleicht nicht die selbe (oder meinetwegen auch gar keine) Freude empfindet.

Inzwischen ist von der WM gefühlt ohnehin nicht mehr viel übrig. Nichts ist eben so alt wie der Erfolg von gestern. Deutschland spielt bislang eine nur mittelprächtige Europameisterschaftsqualifikation. Es kommt mir so vor, als sei die Euphorie des Titelgewinns so schnell verflogen wie nie.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 war allenfalls dann ein Beleg für deutsche Weltoffenheit und Lockerheit, wenn man sie isoliert betrachtet. So lange hübsch gewonnen wurde, war die Stimmung gut. Kaum ist Manuel Neuer aber beispielsweise nicht Weltfußballer geworden, schalten Michel und Micheline wieder in ihren gewohnten Miesepeter-Modus und jammern über die Ungerechtigkeit der Welt.

Betrachtet man die WM zudem nicht isoliert sondern eingebettet in einen ganzjährigen Gesamtkontext mit PEGIDA-Demonstrationen und anderen Phänomenen und Debatten deutscher Weltenangst, kann obendrein recht leicht der Eindruck entstehen, dass das mit der Offenheit und der freundlichen Feierstimmung nur tüchtig Sand in die Augen gestreut war.

Schade.

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