DFB-Affäre: Die Fans sind (mal wieder) weiter als die Funktionäre

Wenn ihr geschwiegen hättet

Im Fußball ist oft und gern von Beratern die Rede, die über jedes Wort ihrer diversen Schützlinge wachen. Ich frage mich, wo diese hoch bezahlten Öffentlichkeitsarbeiter in den vergangenen Wochen gewesen sind. Denn just in der »DFB-Affäre« um das mutmaßlich gekaufte »Sommermärchen« 2006, der möglicherweise schwersten Krise des deutschen Fußballs seit dem Bundesligaskandal in den 70ern, grassierte unter reihenweise sich dafür berufen Haltenden reflexartige Verbaldiarrhöe der übelsten Sorte.

»Unser Sommermärchen« sollte »nicht kaputt gemacht werden«, erklärte etwa Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, nach dem Samstagabendspiel gegen Eintracht Frankfurt, während dem sich einige Fans erbost Richtung DFB geäußert hatten. So verständlich und löblich es ist, dass sich Eberl als Vereinsfunktionär nicht den deftigen Worten der Anhängerschaft anschließt und darauf verweist, dass der Deutsche Fußball-Bund Woche für Woche wichtige organisatorische Arbeit leistet, so dumm war es gleichzeitig von ihm, in Schwarzweißmalerei zu verfallen und die Meinung der Fans als gänzlich unreflektiert abzutun.

Denn der DFB geriert sich gerade gegenüber Fangruppen immer wieder als Hüter von Tugend und Moral. Er macht Vorschriften und verhängt Strafen, wenn Regeln nicht eingehalten werden. Und just dieser DFB hat sich nun möglicherweise unmoralisch verhalten, hat gelogen und sich nicht an Regeln gehalten. Fast ein Jahrzehnt lang wurde so getan, als sei jede WM-Vergabe verschoben worden, nur nicht die nach Deutschland. Fast ein Jahrzehnt lang wurde so getan, als müsse die Fußballwelt an Deutschland genesen. Zwanziger, Niersbach, Beckenbauer, zuletzt Rauball: Immer war es ein lauterer Deutscher ohne Furcht und Tadel, der die Korruption im Fußball beseitigen sollte.

Jetzt zeigt sich: Es waren lauter unlautere Deutsche, die munter mitgemauschelt haben. Standhaft waren sie nur in der Legendenbildung, bei der sie und Teile der sie stützenden Medien bis heute stur bleiben. Wirklich überraschen kann das eigentlich niemanden. Und die Fans, denen man so gern »ein feines Gespür« für die Vorgänge rund um den Fußball attestiert, botschaften angesichts dessen einfach klar und deutlich, dass sie nicht länger in ihrer Intelligenz beleidigt werden wollen.

Niemand, der auch nur einen Funken Verstand hat, hat je den nachgerade esoterisch verbrämten Müll geglaubt, dass sich kraft Nationalität etwas am Filz im Fußball ändern ließe. Der Personenkult namentlich um den Heiligen Franz von Kitzbühel geht den meisten Fans wahlweise am Arsch vorbei oder auf den Zeiger und sie durchschauen die Niegelungentreue seiner schreibenden Kumpanen längst als genau das, was sie ist: Söldnerarbeit für den reichen Mann.

Jetzt wäre ein bisschen gute alte Ganovenehre angebracht. Ein zerknirschtes: »Okay, ihr habt uns erwischt, wir geben’s ja zu!« Oder zumindest demütiges Abwarten, was bei der ganzen Sache heraus kommt. Oder, wenn schon all das nicht, dann doch wenigstens eine Verarsche, die man nicht schon zehn Meter gegen den Wind bei Dunkelheit als solche durchschaut.

Aber nein, stattdessen gibt es Sprüche wie die von Eberl. Dabei kann man das Sommermärchen, das eigentliche Sommermärchen, das nicht geplante, nicht kommerzielle, nicht auf teils ungeklärtem Wege finanzierte Sommermärchen, gar nicht mehr kaputt machen.

Das Sommermärchen, das etwas mit Fußball zu tun hatte, ist unkaputtbar. Kaputt gemacht wurde, wenn, dann nur das sportpolitische Schattensommermärchen – und das dann auch nicht von jenen, die nun Ungereimtheiten und Verstrickungen aufzeigen sondern von Funktionären und Lichtgestalten.

Aber natürlich gab es auch noch andere, die allzu schnell Festlegungen trafen. Rudi Völler etwa, zum Zeitpunkt der WM-Vergabe nach Deutschland noch Teamchef der Nationalmannschaft. »Ich bin sicher, da ist nichts dran!«, erklärte er und setzte vorsichtshalber sein Schiedsrichter-Fehlentscheidungen-Gesicht auf, das sagte, dass Nachfragen von ihm nicht erwünscht sind, ein Pressefreiheitsverständnis wie in der Türkei, Ungarn oder China aber schon.

Oder Voldemort Hartmann, der anscheinend unter akutem Gefragtseinsentzug leidet und deshalb gleich mal verlauten ließ, Deutschland habe die Weltmeisterschaft 2006 selbstredend auf dem selben (mutmaßlich also unlauteren) Weg bekommen »wie alle anderen auch« und als naiv abkanzelte, je etwas anderes geglaubt zu haben. Zwar nahm »Waldi« diese juristisch heikle Aussage später zurück, aber dennoch hat sie aus dem Munde eines seinerzeit direkt an der medialen Schönfärbe-Maschinerie Beteiligten etwas besonders Herablassendes.
Doch Hartmann wäre wohl nicht Hartmann, wenn er wenigstens danach schlau geworden wäre und geschwiegen hätte. Er legte nach: »Von der ersten Sekunde an eingeweiht« will er gewesen sein. Auch so kann man sich natürlich überhöhen und wichtig machen. Die Schlüsselfiguren in der »DFB-Affäre« um mögliche Korruption bei der Vergabe der WM 2006: Franz Beckenbauer und Waldemar Hartmann, seines Zeichens Zeuge, Mitwisser, Mittäter.

Ebenfalls sehr weit aus dem Fenster gelehnt hat sich erwartungsgemäß Sport-Bild-Chefredakteur, Beckenbauer-Biograf und Lichtgestalten-Spezi Alfred Draxler. Seine Argumentation: Er sei zu Beckenbauer gefahren und habe mit ihm geredet; Beckenbauer habe die Existenz etwaiger schwarzer Kassen beim DFB verneint.

Man stelle sich mal vor, wie stark sich auf diese Weise in Zukunft Verfahren aller Art abkürzen ließen! »Werden Sie politisch verfolgt?« – »Ja.« – »Okay, Ihr Asylgesuch ist angenommen.« Oder: »Haben Sie diese Bank überfallen?« – »Nein.« – »Gut, Freispruch.«

Die Krönung des ungeschickten Krisenmanagements freilich war die Pressekonferenz von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Der gelernte Sportjournalist, langjährige Mediendirektor und OK-Pressechef konnte im Anschluss nicht einmal die einfachsten, die naheliegendsten und erwartbarsten Fragen beantworten. Der Deutsche Fußball-Bund – immerhin einer der größten und reichsten Sportverbände der Welt – mit all seinen Fachleuten für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit hatte die Szenarien offensichtlich nicht durchgespielt. Anscheinend hatte niemand Niersbach mal dezent darauf hingewiesen: »Duhu, Wolfi, es ist aber ein Widerspruch, wenn du einerseits sagst, der Vorgang wird noch geprüft und andererseits, dass du dir sicher bist, es hat keine schwarzen Kassen gegeben.«

Anscheinend hat niemand Niersbach gesagt: »Duhu, Wolfi, wenn du das und das behauptest, kommt garantiert die und die Nachfrage. Und die. Und die.«

Und am allerwenigsten hat wohl mal jemand gesagt: »Hör mal, Wolfgang, wenn das deine Erklärung sein soll, dann sag lieber gar nichts!«

Denn das wäre das Gebot der Stunde – die Füße still halten und demütig abwarten, was etwaige Ermittlungen ergeben. Peinliche Pressekonferenzen mit Gestotter und Gestammel, albernes Beschützen befreundeter Idole (und Geschäftspartner), egomanisch-geltungsgeile Wortmeldungen und Diskreditierung von Kritikern sind in der jetzigen Situation ausgesprochen unklug. All das könnte einem schließlich schon bald um die Ohren fliegen.

Aber vor allem aber spricht es Bände, wenn sich der DFB und seine medialen Verteidiger so wenig Mühe machen, sich gut zu verkaufen. Weil es zeigt, wie wenig sie von uns dummen Fußballfans tatsächlich halten.

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