Die Fußball-WM in Brasilien in den deutschen Medien

Ein Versuch der Zwangskollektivierung

Ich glaube, ich habe am Sonntag so manchen Kollegen mindestens überrascht, wenn nicht gar leicht vor den Kopf gestoßen. Das Finale der WM in Brasilien war nämlich gerade abgepfiffen, da trudelten über Messenger die ersten Glückwünsche aus dem Ausland bei mir ein. Ich habe mich – artig, wie ich finde – bedankt, konnte es mir dann aber doch nicht verkneifen hinzuzufügen, dass mein Beitrag zum deutschen Titelgewinn bei Licht besehen ja dann doch eher gegen null tendiert.

Dazu muss man vielleicht wissen, dass die Glückwünsche der Kollegen schon allein deshalb nicht einer gewissen Ironie entbehrten, weil sie mir zuvor während des Endspiels gleich drei Texte zum sofortigen Übersetzen aufs Auge gedrückt hatten. Dadurch habe ich vom Endspiel per se schon mal nicht sonderlich viel mehr mitbekommen außer Tom Bartels Stimmbruch-Kommentar (»Klo-seeeeh!«, »Oh neiiiin!«). Und weil der Stream der ARD so herrlich reibungslos funktionierte, habe ich den Jubel über Mario Götzes Siegtor in der Nachbarschaft schon drei Minuten vor den dazu passenden Bildern vernommen.

Nach dem Spiel war ich sehr angenehm überrascht von der Reaktion der deutschen Spieler. Es gab Trost und Respekt für den Gegner. Manuel Neuer dachte im ersten Interview mit Gerhard Delling mit zuvorderst an die verletzt Daheimgebliebenen, Mario Götze ließ sich mit einem Trikot von Marco Reus sehen, der grandiose Mats Hummels analysierte selbst im Augenblick des Triumphs noch eigene Fehler. Matthias Opdenhövel konstatierte daraufhin: »Der ist ja noch total in der Wolke!« und Mehmet Scholl erwiderte in schlichter Ergriffenheit: »Wir doch auch.«

Miroslav Klose verewigte sich mit Frau und Kindern, Philipp Lahm scherzte locker, Bastian Schweinsteiger (der mich im Finale immer wieder an den Terminator erinnerte, weil ich ständig dachte: »Ist der immer noch nicht kaputt?«) schickte Grüße an Uli Hoeneß. Spätestens da wurde klar: Selbst Hoeneß hatte diese WM, diese medial fast alles erstickende Krake, verdrängt und verschluckt. Dabei hätte man doch eigentlich erwartet, dass wenigstens irgendein Boulevardblatt und/oder Online-Portal mal titelt: »So guckt Uli Hoeneß die WM!«

Aber nein. Nicht nur Fracking, TTIP, Spionageaffären und Gaza-Konflikt wurden von der WM beiseite geschoben, nicht nur unter eingestürzten Brücken zerquetschte Busfahrerinnen von der Verletzung Neymars zur Randspaltenmeldung degradiert. Auch einer wie Hoeneß, der doch eigentlich zur »Fußball-Familie« gehört, wurde überrollt. Die Karawane zog einfach weiter.

Medial habe ich die Weltmeisterschaft in Brasilien als hysterisch, als virtuell schnappatmig, als überreglementiert und vor allem als unglaublich, unglaublich aufdringlich empfunden. Das fing schon im Trainingslager vor dem Turnier an, als sich Manuel Neuer an der Schulter verletzt hatte. Dabei war die Aussage der Ärzte eigentlich sonnenklar: Die Blessur war nicht weiter schlimm, Neuers Einsatz bei der Endrunde nicht gefährdet. Nie. Zu keinem Zeitpunkt.

Trotzdem fanden sich mehr oder minder qualifizierte Mediziner, die (vermeintlich) das genaue Gegenteil aussagten. Der ganze Unsinn der anschließenden Debatte wird offenbar, wenn man den Faden einfach mal konsequent weiterspinnt und sich ausmalt, der DFB hätte seine WM-Teilnahme im Falle eines Ausfalls von Neuer mangels Erfolgsaussichten abgesagt. Richtig, das ist absurd. So absurd wie einen Ausfall Neuers herbeizufabulieren eben.

Und so ging es munter weiter.

Brasilien 2014 war medial eine gouvernantenhafte Weltmeisterschaft. Als Per Mertesacker sein patziges »Interview« mit Boris Büchler geführt hatte, stellte Bild sogleich die moralinsaure Frage: »Darf der das?«

Ansonsten wurden in Brasilien Banner deutscher Fans vom Zaun genommen und Trainer höchst offiziell aufgefordert, ihr Jackett wieder anzuziehen. Bilder von Flitzern auf dem Rasen waren tabu und durften nicht gezeigt werden, Bilder von weinenden Kindern hingegen schon. Zuschauer, die traurig waren, lachten, hüpften und winkten aufgedreht, sobald sie die Stadionkamera einfing. Fahrradtaxis wurden verboten, alkoholhaltiges Bier erlaubt. Anschließend wunderte man sich über angetrunkene Fans.

Brasilien 2014 war die WM der Distanzlosigkeit und des Ranschmeißjournalismus. Klein-Katrin Müller-Hohenstein verschenkte Badelatschen an Mario Götze (dessen pikiertes Gesicht war allerdings ein Bild für die Götter!), planschte am Pool mit Lukas Podolski und himmelte Assistenztrainer Hans-Dieter Flick ob seiner Sonnenbräune an. Und natürlich mussten immer wieder Reporterinnen und Reporter »die Stimmung einfangen« und übersteuerte und unartikulierte O-Töne vom Public Viewing oder sonstigen Fan-Ansammlungen senden, damit auch der/die/das Letzte begriff, dass »Schlaaand« die Allerbesten sind und die Atmosphäre »so, so geil«. Wackelkamera und Mikrofonknuffer waren für das authentische Mittendrin-Gefühl unerlässlich und meist dauerte es nur Minuten, bis auch der letzte Rest halbherziger Distanz aufgegeben und einfach mitgejohlt und mitgehüpft wurde.

Brasilien 2014 war die Amerikanisierung des Fußballs. Das Spiel wurde zum main event mit stundenlangem Unterhaltungsprogramm davor und danach. Die WM wurde wie eine Zitrone ausgequetscht bis auf den letzten Tropfen. Im Zweifelsfall war sogar das Freistoßspray für einen eigenen Beitrag gut, die Stimmen aus dem Paralleluniversum der sozialen Netzwerke sowieso. Zeitlupen wurden zu Musikvideos, Spielanalysen zur technischen Männerspielerei, alles in kleine und kleinste Portiönchen verhackstückt bis zur Unkenntlichkeit.

Brasilien 2014 war die Weltmeisterschaft mit der nervigsten Dauerberieselung durch »WM-Songs« aller Zeiten. Jeden zweiten Tag Andreas Bourani mit seinem Stück Marke Coldplay für Arme vor dem Spiel, nach dem Pausenpfiff, vor Wiederbeginn und nach dem Spiel. Jeden zweiten Tag das selbe in Grün mit One Republic.

Brasilien 2014 war die WM der Spielerfrauen. Noch bevor es los ging, schmolllippte mich Ann-Kathrin Brömmel (einordnungsfreundliche Unterzeile: »Freundin von Mario Götze«) von der Titelseite meiner Programmzeitschrift an, während der WM dürfte es dann erhöhte Klickzahlen für Irina Shayk, Lena Gercke und Mandy Capristo gegeben haben.

Mats Hummels’ Freundin Cathy Fischer indes wollte mehr – nämlich beweisen, dass sie kein Dummchen ist. Weil sie sich dazu jedoch ausgerechnet einen erwartungsgemäß extrem seichten Blog bei der Bild aussuchte, geriet das Vorhaben zum klassischen Eigentor. Oder auch nicht. Denn Fischer bekam ihre 15 Minuten Ruhm und künftig ihre eigene Show beim Bezahlsender Sky. Ist an den Klischees über BWL-Absolventen was dran, dann wird sie sich vielleicht sagen, die Kohle stimmt und sie hat mithin alles richtig gemacht. Dumm ist das nicht. Aber zwischen kühler Intelligenz und echter Klugheit mag dennoch ein Unterschied bestehen.

Brasilien 2014 war außerdem eine ausgesprochen deutsch-zentrische WM. Spielte die Schweiz, erzählten uns die Reporter vornehmlich etwas über Ottmar Hitzfeld, den deutschen Trainer der Eidgenossen – wenn auch nicht notwendigerweise Neues. Als hätten wir schon vergessen, dass Hitzfeld mal Trainer von Borussia Dortmund und Bayern München war und mit beiden die Champions League gewonnen hat. Als gäbe es noch jemanden, der nicht wusste, dass Hitzfeld nach dem Turnier nicht mehr als Trainer arbeiten würde.

Und wenn sie nicht von Hitzfeld erzählten, dann erzählten sie von den in Deutschland aktiven Granit Xhaka (BREAKING NEWS: Spielt bei Borussia Mönchengladbach!), Johan Djourou (BREAKING NEWS: Hat mit dem HSV eine schreckliche Saison hinter sich!) oder Josip Drmic (BREAKING NEWS: Wechselt nach Leverkusen!). Es war irgendwie fast durchweg Berichterstattung für unwissende Schönwetterfans.

Wenn Italien spielte, erzählten sie von Ciro Immobile, weil der künftig in Dortmund spielt. Sie erzählten sogar von Riccardo Montolivo. Der war zwar wegen eines Beinbruchs gar nicht dabei, hat aber eine deutsche Mutter, einen deutschen Pass und spricht Deutsch.

Brasilien 2014 war die WM der Stereotype. Japaner, ließ uns beispielsweise Wolf-Dieter Poschmann wissen, sind »körperlich unterlegen«. Dabei hatte mit Shinji Okazaki gerade erst einer dieser Japaner 16 Saisontore in der Bundesliga erzielt – für den FSV Mainz 05, sozusagen bei Poschmann vor der Haustür.

Steffen Simon erklärte uns, dass es Iraner, weil »Südländer«, nicht so mit der taktischen Disziplin hätten. Und die Amis waren natürlich alle – was? Richtig: Sunnyboys. Was auch sonst.

Brasilien 2014 war die WM der zweierlei Maße. Wir erfuhren, dass Jürgen Klinsmann einen Betreuerstab um sich geschart hat, der fast so groß war wie der Spielerkader. Das deutsche Funktionsteam war (einschließlich eines nicht benötigten und zum Zeugwart umdeklarierten Busfahrers) allenfalls unwesentlich kleiner.

Tom Bartels wusste vom bedauernswerten Volker Finke zu berichten, dass er in Kamerun mit Roger Milla einen erbitterten Kritiker habe. Ehemalige Fußballstars, die als Experten für Zeitungen, Fernsehsender oder Online-Portale arbeiten? Das gibt es doch wirklich nur bei ARD, ZDF, Sport1, Bild, GMX im rückständigen Afrika!

Brasilien 2014 war die WM, die mich mehr denn je an Zirkusspiele erinnerte. Wo die Brasilianer ihre Präsidentin Dilma Rousseff ausbuhten, sobald sie nur ins Bild kam, stellten sich deutsche Fans mit Mutti-Merkel-Maske in die Kurve. Fans verbreiteten Bilder der deutschen Bundeskanzlerin mit Deutschland-Handtäschchen, Spieler machten Selfies mit ihr. Die Gladiatoren suchten die Nähe der Caesarin, während sich das Volk Flüssigbrot und Spielen hingab.

Brasilien 2014 war die WM des verschleuderten journalistischen Talents. Alexander Bommes, der es im Sportschau-Club ansonsten trefflich verstanden hat, selbst mit Lothar Matthäus gescheite Interviews zu führen, tanzte während der WM munteres Niveau-Limbo. Bommes’ unlustige Zoten und Kalauer waren dabei vor allem deshalb so schmerzlich, weil er es besser kann. In der Untertagebar schafft er es normalerweise hervorragend, zusammen mit Julia Scharf und Arnd Zeigler eine Sendung über Fußball zu machen, die sowohl unterhaltsam als auch informativ ist.

Ob Bommes die Kurve noch mal kriegt, wenn er statt auf dem Wasser in Berlin wieder unter der Erde in Herten auf Sendung geht? – Ich hoffe es, aber irgendwie bezweifle ich es. Überhaupt glaube ich nicht, dass sich das Rad noch mal anhalten oder gar zurückdrehen lässt. Immerhin ist Deutschland 2014 Weltmeister geworden und hat damit sportlich alles richtig gemacht. Und ich befürchte, unsere lieben Medien werden daraus den unzulässigen Schluss ziehen, dass auch sie alles richtig gemacht haben. Deshalb rechne ich schon zur nächsten Europameisterschaft mindestens mit Live-Bildern aus dem DFB-Flieger und einem Blog, Ticker und Stream zu jeder Busfahrt vom Mannschaftshotel ins Stadion und wieder zurück. Ich rechne damit, dass das Übersteigerte noch mal übersteigert wird und das Aufdringliche noch aufdringlicher.

So oder so, mir persönlich hat Brasilien 2014 eine Erkenntnis ganz klar gebracht – und zwar die, dass ich in diesem Leben kein Fähnchen-ans-Auto-Stecker mehr werde. Aus mir wird keiner mehr, der die Wirtschaft durch den Kauf von Billigkonsumartikeln in Schwarz, Rot und Gold ankurbelt. Keiner, der Politikerinnen oder Politikern zu einem besseren Image und zur gewünschten Ablenkung verhilft, indem er ihre Fotos teilt, die sie mit Spielern oder mit Fanschal zeigen. Keiner, der Bilder vom WM-Pokal zu seinem Profilbild auf Facebook macht. Keiner, der in Kameras grölt und auch keiner, der als 10.945. postet: »JAAA !!!! DANKE JUNGS !!!« – immer jeweils mit drei Ausrufezeichen und diese Ausrufezeichen bloß nie, aber auch wirklich nie, direkt dran am Wort.

Abschließend noch kurz ein Wort zum »Gaucho-Tanz«, weil es sich ja doch nicht vermeiden lässt: Ich finde, das war eine pubertäre Peinlichkeit zum Fremdschämen. Und weil ich genau damit gerechnet habe, habe ich mir den zu erwartenden Popanz auch gar nicht erst angesehen. Natürlich braucht man aus der Mücke »Gaucho-Tanz« nicht den Nazi-Elefanten zu machen. Das ist genau so lächerlich und befremdlich. Aber das Ganze nun zum spontanen Ausdruck des Überschwangs erklären zu wollen, finde ich irgendwie noch peinlicher. Eine Bühne, zig Kameras, Tausende Menschen, ein Auftritt von Helene Fischer: Eine solche Veranstaltung ist von vorn bis hinten geprobt und durchgetaktet. Da braucht mir keiner mit Spontaneität zu kommen. Auch das Argument, dass andere ja noch ganz anderes und viel Schlimmeres singen, zieht nicht, denn erstens ist es ein Unterschied, ob Fans im Stadion etwas machen oder Spieler bei einem offiziellen Empfang auf einer Bühne, und zweitens hat mir noch nie eingeleuchtet, warum ich Mist machen muss, bloß weil andere auch Mist oder vielleicht sogar noch viel mehr und viel stinkenderen Mist machen.

Vor allem aber, liebe deutsche Medien: Regt euch nicht so künstlich darüber auf, dass sich andere über den »Gaucho-Tanz« aufregen. Erstens ist doch klar, dass ihr das Thema nur am Kochen haltet, um mit der WM noch ein bisschen länger Kasse zu machen. Zweitens wirkt eure Empörung nur noch verlogener, wenn ihr zeitgleich immer neue Fürze skandalisiert – wie zum Beispiel den, dass sich »Schweini unbeliebt« gemacht haben soll … weil er gesagt hat, dass er einen Empfang wie in Berlin nicht einmal aus München kenne. Oder den, dass Gerhard Delling Brasilien einen WM-Titel unterschlagen hat. Oder den, dass der WM-Titel für Deutschland nun vielleicht sogar mit Blick auf die kommende Saison ein Nachteil für Vereine wie den FC Bayern München sein könnte.

Letztlich sieht es nämlich so aus: Einerseits sollen alle Deutschen zwangskollektiviert werden und sich alle auf die selbe (im Zweifelsfall hirnbefreite) Weise über den Weltmeistertitel freuen, aber andererseits fangen die selben Medien, die nichts anderes als ihre eigene, pardon, Unterschichtenfreudenform gelten lassen, nach nicht mal einer Woche an, Haare in der Suppe zu suchen. Mesut Özil (7 von 7 möglichen Einsätzen bei der WM, 2 Tore) hatten sie schon während des Turniers auf dem Kiecker, Endspieltorschütze Mario Götze (6 von 7 möglichen Einsätzen bei der WM, 2 Tore) wurde noch am Tag des Finals im Doppelpass von Sport1 als »größte Enttäuschung« gegeißelt.

Ich fürchte, es wird in Zukunft schwieriger werden, einfach nur Fußball sehen zu wollen, ohne große Show drumherum. Aber ich werde mir diesen Sport auch weiterhin nicht vergällen lassen. Ich werde weiterhin ein stiller Genießer bleiben. Einer, der differenziert. Einer, der fair ist, denn das ist mir wichtig. Ich werde einer bleiben, der gönnt, und einer, der sich an den Erfolgen guter Mannschaften erfreut. Und ich werde den Erfolg immer dort belassen, wo er für mich hingehört: Bei denen, die ihn errungen haben.

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