Doping in der Fußball-Bundesliga?

Das darf doch wohl nicht wahr sein

Seit vorgestern ist das Thema Doping im Fußball plötzlich wieder ganz oben auf der Tagesordnung – und irgendwas ist faul an der Berichterstattung. Irgendwas bereitet mir ein extrem ungutes Gefühl dabei – weil es irgendwie so ist wie bei der Steuersache Uli Hoeneß: Jedes einschlägige Medium berichtet darüber, aber keines rührt wirklich an das Thema. Das Ganze läuft eher so, dass nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Obwohl eigentlich kein Grund zur Aufregung besteht, scheinen Fußballer und Fußballreporter merkwürdig bemüht, die Experten der Evaluierungskommission der Uni Freiburg zu diskreditieren.

Ich hatte vorgestern den Tag über nur am Rande mitbekommen, dass es offensichtlich mal wieder mal einen Dopingvorwurf in der Bundesliga gibt. Ich wusste also, dass es ein Thema werden würde, nur nicht wie schnell. Da über Doping im Fußball spätestens seit Toni Schumachers Buch Anpfiff immer mal wieder spekuliert wird, fand ich die Meldung so sensationell zunächst mal gar nicht. Obendrein wusste ich schon, dass die Universität Freiburg eine Untersuchungskommission eingesetzt hat, um die eigene Dopingvergangenheit aufzuarbeiten. Mein Gedanke war also eher: »Aha, hat sie also was über den VfB Stuttgart und den SC Freiburg gefunden, na schön.«

Alles in allem hielt ich das für keine große Sache. Aber dann kam Bundesliga aktuell auf Sport1 und Moderator Olli Schwesinger war schon im Vorfeld des Themas so ungewohnt um Vorsicht bemüht, dass ich zum ersten mal aufhorchte. Schwesinger sprach von unabgesprochen veröffentlichten Ergebnissen und von fehlenden Belegen. Der Mann, der ansonsten jede Spekulation aufgreift und aus jeder auch nur andeutungsweise missverständlichen Äußerung eine Meldung konstruiert, war mit einem mal zum sorgfältig arbeitenden Qualitätsjournalisten mutiert, der handfeste Beweise sehen wollte. Ich staunte.

In der Sendung kam mit Professor Werner Franke von der Universität Heidelberg ein bekannter Kritiker bestehender Dopingkontrollen zu Wort – und tat Schwesinger den Gefallen, sich als kauzig-barscher Polterer zu geben. Genau das braucht der gemeine Fußballfan natürlich, um sich zufrieden zurück zu lehnen und zu triumphieren: Ein schrulliger Schlipsträger, alles klar.

Schwesinger versuchte in der Folge noch recht plump, Franke aufs Glatteis zu führen: »Das heißt, Sie halten Doping auch beim FC Bayern für möglich, habe ich das richtig verstanden?« Den deutschen Rekordmeister irgendwie noch mit hinein zu ziehen, hätte das Thema erst recht groß gemacht, vielleicht sogar Klagen nach sich gezogen. Doch Franke war zum Glück nicht so dumm, diese Sensationsgier zu befriedigen oder sich auf juristisch so dünnes Eis zu begeben, dass darin womöglich auch die ganze Arbeit der Kollegen aus Freiburg eingebrochen wäre.

Nach Schwesinger und Sport1 kamen dann die heute-Nachrichten im ZDF mit dem Sportteil und weiter ging es. Ottmar Hitzfeld habe sich bereits zu dem Thema geäußert und erklärt, seinerzeit nichts von etwaigem Doping mitbekommen zu haben, hieß es. Auch ein Statement von Bundestrainer Joachim Löw wurde wörtlich zitiert. Darin die hinlänglich bekannten Phrasen: Doping ist abzulehnen und hat im Fußball nichts zu suchen.

Spätestens an dieser Stelle möchte ich einhaken und anmerken, dass Doping eigentlich nirgendwo was zu suchen hat. Und zwar nicht, weil es unfair ist. Sondern weil es Menschen gesundheitlich schädigt. Das kommt mir in den Diskussionen irgendwie immer zu kurz.

Aber auch sonst wusste ich mit den Statements irgendwie nichts anzufangen. Was soll es mir sagen, dass Jogi Löw und Ottmar Hitzfeld völlig überraschend nicht gerufen haben: »Ja, jetzt, wo Sie es ansprechen – da war doch mal was …«? Soll das so viel heißen wie: Zwei ehrbare und erfolgreiche Männer des deutschen Fußballs erklären, nichts von eventuellem Doping zu ihrer aktiven Zeit als Spieler gewusst zu haben, also ist das Thema damit durch?

Nach den heute-Nachrichten kam dann die Liveübertragung vom DFB-Pokal in der ARD und danach wieder ein Bericht zum Thema, nur dass diesmal die Stoßrichtung von vornherein klar war: An der Sache kann nichts dran sein, so der Tenor, weil nämlich Doping im Fußball gar keinen Sinn macht, jawohl. So sprach’s der Sportmediziner Mehmet Scholl und so sprach’s der Sportmediziner Jürgen Klopp und so sprach’s der Sportmediziner Robin Dutt unter eifrigem Nicken vom Sportmedizinfachjournalisten Reinhold Beckmann.

Leute, macht’s doch alles erst mal ein paar Nummern kleiner! Es mag ja sein, dass Doping im Fußball »sinnlos« ist, weil es sich um eine »Mischsportart« handelt, in der eine Leistungssteigerung in einem Bereich zu einer Leistungsminderung in einem anderen Bereich führen. Aber erstens haben logische Erwägungen noch nie dazu geführt, dass nicht gedopt wurde (denn dann würde es schlicht und ergreifend niemand tun, weil es – siehe oben – gesundheitsschädlich und außerdem unfair ist) und zweitens reden wir hier von einem Zeitpunkt von vor mindestens 35 Jahren, als Doping mit Sicherheit noch nicht das war, was es heute ist.

Was ist denn so unvorstellbar an folgendem Szenario: Es gab Mediziner der Universität Freiburg, die mit Doping experimentiert haben. Wahrscheinlich nannten sie es nicht Doping. Sie nannten es vielleicht eher »Möglichkeiten der medizinischen Leistungssteigerung«. Sie fanden beim VfB Stuttgart und beim SC Freiburg ob der räumlichen Nähe Leute, die mitgemacht haben. Vielleicht wollten diese es gar nicht so genau wissen und waren mit der Erklärung zufrieden, alles sei ganz legal und gesundheitlich unbedenklich sowieso. Bedenken haben die Mediziner vielleicht zerstreut mit Worten wie: »Ach, hören Sie nicht auf das, was berichtet wird. Das sind ja keine Experten!«

Vielleicht traf Leichtgläubigkeit auf Skrupellosigkeit. Ziemlich sicher jedoch scheint mir, dass die damaligen mutmaßlichen Dopingärzte nicht erzählt haben, dass Doping im Fußball nichts bringt – weil sie es selbst gar nicht wussten. Genau das wollten sie ja wahrscheinlich herausfinden. Außerdem: Welcher Arzt, der Versuche durchführen (bzw. Geld verdienen) will, erzählt seinen Kunden wohl, dass seine Methoden nichts bringen?

Ich nehme an, selbst heute läuft das zwischen Dopingärzten und Sportlern noch so. Die einen zerstreuen Bedenken (»Nein, nein, nein – früher war das so mit den Nebenwirkungen, heute nicht mehr.«) und erzählen Wunderdinge über ihre Mittel (»Aber natürlich können Sie damit schneller laufen, höher springen, besser regenerieren, länger kopulieren, bekommen straffere Haut und einen höheren IQ!«) … und die anderen wollen es glauben. So läuft das Geschäft.

Deshalb sollte den aktuellen Untersuchungsergebnissen der Freiburger Kommission meiner Meinung nach mit der gebotenen Gelassenheit begegnet werden. In der bisherigen Weise darüber zu berichten, als sei Doping im Fußball etwas, das einfach nicht wahr sein darf und deshalb auch nicht wahr ist, führt jedenfalls zu nichts.

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