Eine Titelseite der B.Z., Marillion und Genesis

Fußball und wie man ihn zu feiern hat

Die B.Z. hat ihre ganz eigene Definition von total entspanntem, lockerem und heiterem Umgang mit dem Thema »Fußball und wie man ihn zu feiern hat«. Dem hat sie sogar eine ganze Titelseite gewidmet. Herausgekommen ist ein Musterbeispiel dafür, dass es das Geschäft des Boulevards ist, für Aufreger zu sorgen und verschiedene Gruppen gegeneinander auszuspielen.

Wissen Sie, ich bin bekennender Fan der britischen Neo-Progrock-Band Marillion. Und als solcher muss ich seit Jahr und Tag mit dümmlichen Genesis-Vergleichen leben. Selbst der von mir sehr verehrte Heinz-Rudolf Kunze soll sich mal abfällig über Marillion als »Genesis-Abklatsch« geäußert haben.

Grund für die jahrelangen Vergleiche unter anderem: Genesis haben auf ihrem Album Foxtrot einen legendären Longtrack namens »Supper’s Ready«, Marillion haben auf der B-Seite ihrer ersten Single bzw. Maxi (liebe Kinder, die ihr nach 1990 geboren seid, lasst euch bitte von euren Eltern erklären, was das ist!) einen Longtrack namens »Grendel«. »Supper’s Ready« ist 23 Minuten lang, »Grendel« 17. »Supper’s Ready« enthält eine irrsinnige Passage im 9/8-Takt, die bezeichnenderweise Apocalypse in 9/8 heißt. »Grendel« enthält eine Passage mit unkonventionellem Rhythmus, die aber gleichwohl ein gewöhnlicher 4/4-Takt ist. Das war’s.

Zwei Bands des selben Genres, jedoch unterschiedlicher Epochen. Zwei Lieder, die beide lang sind, von denen das eine aber nichtsdestoweniger um ein Drittel länger ist als das andere. Zwei Passagen in den beiden Liedern, die von der Norm abweichen, die eine jedoch in puncto Takt, die andere in puncto Rhythmus. Will sagen: Die Vergleiche entlarvten in den weitaus meisten Fällen schlichtes Unwissen mindestens über Marillion, wenn nicht gar über Marillion und Genesis gleichermaßen.

Heute regt mich das längst nicht mehr auf. Ich mag Marillion. Ich mag Genesis. Und Heinz-Rudolf Kunze mag ich auch immer noch. Der springende Punkt ist nämlich, dass ich irgendwann festgestellt habe, die Meinung (und das Unwissen) anderer Menschen ändert überhaupt rein gar nichts an dem Glück, das ich empfinde, wenn ich Musik von Marillion höre.

Deshalb verstehe ich auch nicht, warum die Freude über den Titelgewinn der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM in Brasilien in irgend einer Weise dadurch getrübt werden sollte, dass sich jemand nicht darüber freut. Oder anders darüber freut. Oder bei aller Freude über den Titelgewinn nichts mit bestimmten Begleiterscheinungen anfangen kann.

Anlass meines Unverständnisses ist eine Titelseite der B.Z., die, abfotografiert, in den sozialen Netzwerken die Runde macht. Darauf ist zu lesen: »Verehrte Gutmenschen, Wutbürger, Weltverbesserer, Moralapostel, Miesepeter, Dauer-Nörgler, Sittenwächter, Zeigefingerschwinger und politisch Überkorrekte DANN GEHT DOCH ZUM SCHACH!«

Ich meine, mal völlig losgelöst vom Elfmeter ohne Torwart, der da lauten würde: »Liebe Schreiberlinge vom Boulevard – dann geht doch mal auf eine anständige Journalistenschule!« und völlig losgelöst von der Ironie, dass da Leute den Zeigefinger über »Zeigefingerschwinger« schwingen … warum diese Titelseite?

Wenn der Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Brasilien eine solche Freude ist, was und wen stören dann einige Weltverbesserer und Sittenwächter? Und wenn der Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Brasilien einen so überwältigend einenden Charakter hat, warum fühlt man sich dann von ein paar Spaßbremsen angegriffen, die doch eigentlich eine verschwindend kleine Minderheit darstellen (müssten)? Wie echt kann Freude sein, wenn sie derart leicht zu trüben ist?

Für mich geht von dieser Titelseite eine sehr konkrete Aggressivität aus (so viel also zum Thema »Wutbürger«). Sie ist die Printfassung von: »Dann geht doch sterben, ihr Opfa!«. Diese Titelseite ist spalterisch und ausgrenzend. Sie erzeugt Druck. Sie schreit: »Wer nicht bedingungslos alles mitmacht, ist keiner von uns!«

Kurz, diese Titelseite der B.Z. straft letztlich alles Lügen, was die angebliche Lockerheit, Harmlosigkeit und den Spaß in Sachen Fußball angeht. Statt Einigkeit und Harmonie schürt sie Zwietracht und Lagerdenken. Und irgendwie glaube ich nicht, dass das der Sinn von Fußball ist. Irgendwie glaube ich nicht, dass sich der DFB, Jogi Löw oder Philipp Lahm das gewünscht haben, als sie in Brasilien den Titelgewinn gefeiert haben.

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