Ende eines medialen Missverständnisses: Pep Guaradiola verlässt den FC Bayern München zum Saisonende

Der geschrumpfte Supertrainer

Es ist schon erstaunlich: Drei Jahre ist es her, da löste die Bekanntgabe der Verpflichtung Josep »Pep« Guardiolas als neuem Trainer des FC Bayern München ein wahres Beben aus. Für ihn, den »besten Trainer der Welt«, musste Triple-Sieger (!) Jupp Heynckes vorzeitig gehen. Der Katalane sollte die Super-Bayern noch superer machen und natürlich sollte seine Strahlkraft – wie immer, wenn der deutsche Rekordmeister einen Star holt – »der gesamten Bundesliga gut tun«. Nun steht fest, dass Guardiola seinem üblichen Drei-Jahres-Turnus treu bleibt und zum Saisonende geht. Und schon ist der einst mit Vorschusslorbeeren überhäufte Supertrainer so toll nie gewesen.

Wenn man auf die bisherige Zeit von Pep Guardiola beim FC Bayern München zurück blickt, muss man sich zunächst mal klar machen, wie viele Vorhersagen nicht eingetroffen sind: Es hieß, Guardiola werde sich als strikter Verfechter des Kombinationsspiels durch die Mitte mit Außenbahn-Dribblern wie Franck Ribéry und Arjen Robben schwer tun. Es hieß, er könne mit einem Mittelstürmer wie Robert Lewandowski nichts anfangen.

Nichts davon traf zu. Im Gegenteil, die verletzungsanfälligen Robben und Ribéry spielten eher zu viel als zu wenig, und vor allem Robben spielte auch schon mal zentraler als üblich, aber dass Guardiola so dumm wäre, auf die Klasse dieser beiden Spieler zu verzichten oder sie ihrer Stärken zu berauben, indem er sie in ein taktisches Korsett zwingt, das kein Spiel über außen vorsieht – das lässt sich nun wirklich nicht behaupten. Vielmehr holte Guardiola vor dieser Saison mit Douglas Costa und Kingsley Coman zwei weitere dezidierte Außenbahnspieler als Alternativen bzw. potenzielle Nachfolger für Rib & Rob.

Auch Lewandowskis Bilanz unter Guardiola ist nicht die eines Geschmähten. In 16 Hinrundenspielen traf er zuletzt 15 mal. Nach seiner Einwechslung gegen Vizemeister VfL Wolfsburg spielte er sich in einem Rausch. In der Champions League schoss er ebenfalls regelmäßig seine Tore. Und so manche seiner Aktionen zeugte von solcher Handlungsschnelligkeit, technischer Finesse und Körperbeherrschung, dass sie ein Tor verdient gehabt hätte.

Falls Lewandowski also noch nicht Weltklasse war, als er von Borussia Dortmund kam – jetzt ist er es. Nicht umsonst bemüht sich angeblich Real Madrid um seine Verpflichtung. Auch wenn mancher behauptet, den Bayern fehle ein echter Weltstar: Lewandowski ist ebenso einer wie Thomas Müller, Jerome Boateng oder Manuel Neuer. Joachim Löw ist ja auch nicht mit einer völligen Graupentruppe in Brasilien Weltmeister geworden.

Es ist auch kein Zufall, dass die Münchener flugs diverse Verträge verlängert haben, als ihnen Guadiolas Abschied klar war. Falls der Katalane in der kommenden Spielzeit tatsächlich in England anheuert, sollen die Ablösesummen hübsch hoch sein.

Das Fazit zu Guardiola muss also lauten: Er hinterlässt einen aufgeräumten Schreibtisch. Nicht einmal das Wegbrechen eines Vereinspatriarchen wie Uli Hoeneß konnte etwas an der Überlegenheit des FC Bayern München ändern. Guardiola hat dafür gesorgt, dass es in der Bundesliga nur noch um die 17 Plätze ab Rang zwei geht. Er wird sehr wahrscheinlich als dreimaliger Meister, als Pokalsieger und vielleicht sogar als Gewinner der Champions League gehen. Die Chance darauf ist ja noch da.

Der Katalane hat aus dem FC Bayern ein Muster an Eingespieltheit und eine unglaubliche Flexibilitätsmaschine gemacht. Die Mannschaft morpht sich geradezu durch die verschiedenen Spielsysteme.

Freilich, nicht alles, was Reporter hierzulande bejauchzen, ist tatsächlich eine taktisch-spielerische Revolution. So war Guardiola beispielsweise zurecht erstaunt, erklären zu müssen, dass auch mal ein Innenverteidiger aus dem Spiel heraus im gegnerischen Strafraum auftauchen und ein Tor schießen kann. Einer geht nach vorn und einer lässt sich zur Absicherung fallen. Das mag in der vom FC Bayern praktizierten Perfektion außergewöhnlich sein, ist aber grundsätzlich eher Fußball-Einmaleins als Novum.

Wenn es über Guadiola etwas an Defizitärem zu sagen gibt, dann wohl dies:

Er ist ein absoluter Mittelfeldfetischist. Am liebsten würde der Katalane wohl mit zehn Mittelfeldspielern plus fliegendem Torwart agieren. Deshalb machte er Philipp Lahm vom Rechtsverteidiger zum Allrounder in der Zentrale, deshalb ließ er mit Xabi Alonso, Thiago, Arturo Vidal und Joshua Kimmich vor allem Mittelfeldspieler holen, Abwehrspieler und Mittelstürmer aber im Zweifelsfall ersatzlos gehen.

So kommt es, dass im aktuellen Bayern-Kader durchaus eine Unwucht besteht. Mit Jerome Boateng gibt es er nur einen echten Innenverteidiger von Format. Weil Guardiola Philipp Lahm nur noch in Ausnahmefällen auf seine alte Stammposition zurückzieht, ist Rafinha der einzige verbliebene Rechtsverteidiger. Eine zweite Sturmspitze als Alternative zu Lewandowski gibt es ebenfalls nicht mehr.

Wenn in Abwehr oder Sturmmitte rotiert werden soll oder muss, ist oft Aushilfskellnern angesagt. Mehdi Benatia hat noch nicht nachgewiesen, dass er zu Höherem berufen ist. Neben ihm gibt es mit Javi Martinez und Alonso noch zwei Mann im Kader, die Innenverteidiger spielen können, mit David Alaba einen, der es zeitweilig musste, mit Holger Badstuber einen, der es verletzungsbedingt nur selten konnte und mit Jan Kichhof einen, der es nicht durfte. Dante, von dem Guadiola einst sagte, er hätte ihn am liebsten tausendfach geklont, wurde weggeschickt.

Überhaupt sind bei Guardiola grundsätzlich immer alle Spieler »super-super«, aber auf seine (öffentlichen) Lobpreisungen darf man wohl nicht sonderlich viel geben. »Contento, ich liebe dich!«, rief er einst während einer Trainingseinheit. Bayern-Eigengewächs Contento, Diego mit Vornamen, spielt inzwischen bei Girondins Bordeaux; andere mit bajuwarischem Stallgeruch, wie Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger bei Real Madrid bzw. bei Manchester United.

Wenn es in der Bundesliga zudem einen von Mehmet Scholl so getauften »Laptop-Trainer« gibt, der die Spieler wie in einem Computerspiel verschiebt, dann ist es Guardiola. Die Qualität des Bayern-Kaders und die Flexibilität und die individuelle Klasse der einzelnen Spieler machen es möglich, trotz Mangel an dezidiertem Fachpersonal zu rotieren. Aber Fakt ist, Spieler sind bei Guardiola im Zweifelsfall stets auch Schachfiguren und Verschiebemasse. Sebastian Rode etwa kommt allenfalls auf Einsätze, wenn er als gelernter defensiver Mittelfeldspieler rechts hinten aushilft. Was bleibt ihm auch anderes übrig.

Auch als Förderer von Talenten hat sich Guardiola in München nicht hervorgetan. Experten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen ob des Karriereknicks von Rohdiamant Julian Green. Gianluca Gaudino durfte mal ein Spiel mittun, Lucas Scholl den Kader vielleicht mal in Vorbereitungsspielen oder Turnieren komplettieren, die mit viel Geld von anderen Vereinen losgeeisten Youngster Sinan Kurt und Joshua Kimmich spielen gar nicht oder nur, weil andere verletzt sind, Pierre Emil Höjberg ist zum zweiten mal verliehen worden.

Guardiolas Klage über einen zu dünnen Kader kann ich entsprechend nicht gelten lassen. Er selbst war es schließlich, der zur Winterpause der vorigen Saison Xherdan Shaqiri und eben Höjbjerg aussortierte und sich damit möglicher Alternativen beraubte, als sich Robben und Ribéry verletzten. Er ist es, der Jan Kirchhoff nicht spielen lässt, keine Nachwuchsspieler an den Kader heranführt und in seiner Besessenheit von Siegen Franck Ribéry zu früh auf den Platz schickt.

Aber die nun medial laut werdende Kritik an Guardiola hat (bezeichnenderweise) keine sportlichen Gründe. Wie auch? Tatsache ist ja, dass in der Bundesliga niemand und international nur sehr wenige Bayern-Defizite aufzudecken oder gar auszunutzen wussten.

Fritz von Thurn und Taxis aber monierte im Doppelpass bei sport1 zuletzt, Guardiola gebe Fans zu wenig Autogramme. Außerdem habe er ihm, dem Abgesandten des »größten Geldgebers«, noch nie ein Hintergrundgespräch gewährt. Mir ist indes nicht klar, seit wann Thurn und Taxis für Audi, Adidas, die Telekom oder Allianz arbeitet. Oder dass er einer der Fans ist, die die Bundesliga mit ihren Stadionbesuchen, Fanartikelkäufen und ihrem Werbekonsum finanzieren.

Breitbeinig auf der Stuhlkante hockend oder sich in seinen Sessel fläzend hielt der wie üblich fast papageienbunt gemusterte Reporter dem scheidenden Bayern-Trainer trotzdem mangelnde Anpassung und zu große Distanziertheit vor. Lieber Himmel, der Mann hat sich in Lederhosen stecken lassen! Mehr Anpassung kann man doch nun wirklich nicht verlangen.

Natürlich, den Medien hat Guardiola nur wenig angeboten. Am Spielfeldrand war er stets der große Zampano, aber außer ein bisschen Machismo, als er den Arm um Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus legte, gab er sich keine Blöße. Sein noch von Uli Hoeneß angekündigtes »perfektes Deutsch« genügte letztlich nie, um der Öffentlichkeit seine Art des Fußballspielens zu erläutern. Aber das war für Guadiola offenkundig auch nachrangig. Für ihn war nie wichtig, sich Journalisten und Fans verständlich zu machen sondern nur, dass seine Mannschaft ihn verstand. Und das tat sie.

Insofern war es nur logisch, dass Guardiola seinen Deutschunterricht irgendwann einstellte. So bleibt als amüsantes Schlaglicht, dass er unterm Strich in New York besser Deutsch gelernt hat als in Bayern. Aber das sagt im Zweifelsfall weniger über ihn aus als über unser südlichstes Bundesland.

Es gab letztlich stets zwei Pep Guardiolas: Einen, von dem Spieler und Kollegen ob seines Fußballfachwissens schwärmten und einen, der die Medien radebrechend mit Allgemeinplätzen abspeiste. Letztere hätten Ersteren gern mal kennen gelernt und ertrug deshalb jahrelang sein oft kaum verständliches und wenig erhellendes Gebrabbel. Guardiola ist letztlich der Beleg dafür, dass man als Fußballtrainer die Landessprache nicht sonderlich gut beherrschen muss.

Als Guardiola im Interview mit Jochen Breyer darauf bestand, Deutsch radezubrechen anstatt sich dolmetschen zu lassen (»Denken Sie, mein Deutsch ist zu schlecht?«), da wäre die einzig ehrliche Antwort gewesen: »Mister, deine Spieler verstehen dein Kauderwelsch offensichtlich, aber unser Zuschauer nicht.«

Diese Antwort durfte Breyer natürlich nicht geben. Anschließend bekam er dafür auf die Mütze, Guardiola penetrant mit Fragen nach einer Vertragsverlängerung genervt zu haben. Offen bleibt indes, ob dies Breyers Ungeschick geschuldet war oder Guardiolas linguistischer Blasiertheit. Ein Gespräch auf Spanisch hätte eventuell mehr Fußballfachfragen zugelassen.

Heute jedenfalls ist klar, Guardiola ist zum FC Bayern gekommen, um sein Ding zu machen und wieder zu gehen. Das vereinsseitige Ballyhoo um eine »neue Ära« war nichts weiter als zum Handwerk gehörendes Klappern. Es für bare Münze zu nehmen, darf getrost unter Naivität verbucht werden.

Entsprechend unsinnig ist es, ihm jetzt vergrätzt eine »Hinhaltetaktik« vorzuwerfen. Guardiola hatte nie vor, zum Fan- oder Medienliebling zu werden. Er wollte sich nie integrieren und zum bayerischen Gaudiburschen katalanischer Herkunft werden, der mit Thurn und Taxis beim Weißbier über Fußball fachsimpelt.

Sollte er wie gemutmaßt nach England gehen, dürfte Guardiola dort für sich paradiesische Zustände vorfinden. Kaderstärken von 40 und mehr bedeuten reichlich Spieler zum Verschieben und Verschleißen. Englisch beherrscht er besser als Deutsch. Niemand erwartet von ihm, dass er mehr ist als ein Söldner. Und: In der Premier League herrscht im Gegensatz zur Bundesliga noch Konkurrenz.

Und die deutschen Medien, die doch angeblich so gern Klarheit haben wollten?

Die haben sich schnell darauf geeinigt, dass Guardiolas Abschied eigentlich keine Überraschung ist – was im Umkehrschluss bedeutet, sie haben Leser und Zuschauer monatelang verarscht, indem sie künstlich auf Spannung gemacht haben.

Dass ihnen Spekulationen eigentlich lieber sind als Fakten, lässt sich jedenfalls daran ablesen, dass sie sich inzwischen schon den nächsten Mutmaßungen zugewandt haben. Sie orakeln jetzt darüber, was sich unter Carlo Ancelotti beim FC Bayern München ändern wird.

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Eine Antwort auf Ende eines medialen Missverständnisses: Pep Guaradiola verlässt den FC Bayern München zum Saisonende

  1. Guido Sauerborn sagt:

    Hallo Mario,
    ich muss dir mal ein Kompliment machen! Ich lese deinen Blog inzwischen regelmäßig und bin genauso regelmäßig angetan von Deinen fachkundigen, wie pointierten Kommentaren des Fußballgeschehens. Schreibst du eigentlich als Ghostwriter für die 11Freunde, habe jedenfalls Deinen Namen dort noch nicht gesehen, obwohl Du da locker “mitspielen” kannst. Der ‘Nein zu Olympia 2024 in HH’ Artikel von Dirk Gieselmann in der aktuellen Ausgabe kommt jedenfalls – auch wenn er gut ist – nicht an Deinen Beitrag zum gleichen Thema vom 5. Dez. heran. Mach weiter so! Viele Grüße auch von Ulli :-)

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