Englische Torhüter

Kann England nicht Torhüter?

Gordon Banks war der Beste, den sie je hatten. Unvergessen allein seine sensationelle Parade gegen den Kopfballaufsetzer von Pelé währen der WM 1970 – vom bislang einzige Titel, den England vier Jahre zuvor mit ihm gewann, ganz zu schweigen. Peter Shilton war der letzte richtig gute englische Torhüter. Heute erscheint es kaum mehr vorstellbar, dass Shilton mit Ray Clemence einen ebenbürtigen Konkurrenten hatte, denn seit gut 15 Jahren geht es bei der Entscheidung nach der Nummer 1 im englischen Tor nicht mehr um den Besten, sondern um den Einäugigen unter den Blinden, der gerade mal keine Augenklappe aufhat.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Fußballer Vorbilder sind, so ist er spätestens in dieser Saison erbracht. Denn das, was wir momentan an Torhüterboom in der Bundesliga erleben, geht aus meiner Sicht ganz wesentlich auf Oliver Kahn (und vielleicht ein Stück weit auch auf Jens »Brillenelster« Lehmann) zurück. Als Kahn vor zehn Jahren zum Titan wurde, Eckfahnen schwenkte und Gegenspieler befürchten mussten, nähere Bekanntschaft mit seinem Nussknackergebiss zu machen, hat er damit zugleich die Generation der Neuers, Trapps, Baumanns, ter Stegens und Zielers geprägt.

Gute, respektierte Torhüter hat Deutschland natürlich auch schon vor Kahn gehabt. Aber Kahn war der vielleicht erste richtige deutsche Torhüter-Superstar. Er war kein Gute-Laune-Onkel und kein Komiker wie es Sepp Maier oder Wolfgang Kleff (vermeintlich) gewesen sind. Er war noch nicht mal wirklich sympathisch. Genau damit, dass er den Fokus des Torhüterspiels humorlos auf den totalen Leistungswillen legte, schuf Kahn jedoch ein Novum.

Nun lag Kahns Aufstieg zum Superstar natürlich auch daran, dass es keinen herausragenden deutschen Feldspieler gab. Beim EM-Gewinn 1996 hatte Bundestrainer Berti Vogts die Mannschaft zum Star erklärt und das derart zwangskollektivierte Team war daraufhin in den beiden folgenden Turnieren abgestürzt. Nach der desaströsen Europameisterschaft 2000 – mit Kahn im Tor – erfolgte dann das Umdenken. Und Kahn bot sich mit herausragenden Leistungen einerseits und medienwirksam polarisierenden Auftreten andererseits als neuer großer Star und Führungsspieler eher an als der vergleichsweise ruhige Michael Ballack. Der rutschte erst in die Chefrolle als »Capitano«, nachdem Kahn von Jürgen Klinsmann ausgebootet worden war.

Wie bei jedem Starrummel war natürlich auch der um Oliver Kahn übertrieben und Kollegen wie Frank Rost mokierten sich nach einer Weile völlig zu Recht über das Hochjazzen jeder noch so selbstverständlichen Aktion des Bayern-Schlussmanns. Und tatsächlich häuften sich ja irgendwann auch bei Kahn die Patzer. Es wirkte seinerzeit fast wie ein Zeichen.

Trotzdem: Kahn war cool. Es war cool, Torhüter zu sein.

Auch in den USA – erwiesenermaßen keine Fußballnation – ist es cool, Torhüter zu sein. Warum? – Weil Torhüter laut dem ehemaligen US-Nationalspieler Kasey Keller eine Schlüsselposition innehaben und weil es ihre Position in der Mannschaft nur einmal gibt. Was im Football der Quaterback oder im Basketball der Shooting Guard, ist im Fußball aus amerikanischer Sicht der Torwart. Es entspricht der amerikanischen Mentalität, nicht einer von zwei Stürmern oder einer von vier Abwehrspielern sein zu wollen, sondern der eine Torwart, der auch noch die Nummer 1 auf dem Rücken trägt. Motto: Wenn schon eine uncoole Sportart, dann doch wenigstens eine prestigeträchtige Position.

Deshalb haben gute Torhüter in den USA schon Tradition, und Tradition hat es auch, dass sie auf der Insel ihre Arbeit verrichten. Mit Marcus Hahnemann und Tim Howard (beide Everton), Brad Friedel (Tottenham) und Brad Guzan (Aston Villa) spielen aktuell vier US-Torhüter in der Premier League – und mit David Yelldell und Luis Robles zwei weitere übrigens in Deutschland. Kasey Keller seinerseits hat in Deutschland und in England gespielt.

Überhaupt setzen englische Vereine auffallend oft auf ausländische Torhüter. Von Finnland bis Spanien, von Polen bis Oman reicht dabei das Rekrutierungsgebiet. Das freilich wirkt sich auch auf die Nationalmannschaft aus. Schon David Seaman war im internationalen Vergleich nur Mittelmaß, seine Nachfolger jedoch konnten erst recht nicht Überzeugen. In Ermangelung eines wirklich starken Schlussmanns beknieten die Engländer zwischenzeitlich schließlich sogar Kasper Schmeichel, Sohn der dänischen Torwartlegende Peter Schmeichel, sich das Trikot der Three Lions überzutreifen.

Der Grund für den Mangel an guten englischen Torhütern wiederum kann nicht die Ausbildung oder das Training sein. Wäre dies der Fall, wären schließlich auch Cech, Schmeichel oder Van der Sar mit der Zeit unweigerlich schlechter geworden. Alle drei waren aber auch in England Weltklasse.
Somit bleibt als Erklärung für den Mangel an guten englischen Torhütern nur, dass es in England uncool ist, Torhüter zu sein. Englische Kids wollen Wayne Rooney sein, Frank Lampard oder Steven Gerrard. Aber wer will schon der Weitschuss-Osterhase David Seaman sein, der sich gerne mal selbst ein Ei ins Nest legt? Oder David »Calamity« James? Oder Robert Green?

Vielleicht ändert sich das Bild ja nun mit Joe Hart. Manchester City schickt sich ja gerade an zu beweisen, dass man auch mit einem englischen Torwart um die Meisterschaft mitspielen kann.

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