Europameisterschaft 2016: Eine Nachlese

Alles außer Fußball

Vier Wochen lang war Europameisterschaft und vier Wochen lang hatte ich einen kleinen Mann im Ohr, der mir sagte: »Du hast einen Fußball-Blog, es läuft ein wichtiges Fußballturnier – warum schreibst du nichts?« Nun, die Antwort ist recht einfach: Weil mich diese Europameisterschaft so kalt gelassen hat wie selten ein Turnier zuvor. Der Fußball – sofern es überhaupt einmal darum ging – war nicht der Rede wert, um nicht zu sagen: Scheiße. Und über all die anderen weltbewegenden Dinge wie »Isländischer Reporter rastet total aus« konnten die, die dafür bezahlt werden, natürlich viel schneller etwas schreiben als ich. Deshalb jetzt erst meine Nachlese zu einer EM, bei der es um alles ging außer Fußball.

Es war die EM der Widersprüche: Kritisiert wurde der Modus, kritisiert wurden die vielen »kleinen Mannschaften«, aber zugleich feierte man Wales und vor allem Island. Die Skandinavier wurden sogar zu »Europameistern der Herzen« erhoben und jeder einer, der glaubte, seine Sympathien für den Außenseiter besonders originell kundtun zu müssen, tat dies durch beliebiges Anhängen der Silbe »-son« an ebenso beliebige andere Wörter. Unterm Strich waren es nicht die »Kleinen«, die enttäuschten, sondern die Arrivierten: England, Türkei, Schweden, Tschechien, Russland und die zuvor hoch gehandelten Österreicher.

Es war die EM der Zensur: Krawalle auf den Rängen wollte die UEFA nicht zeigen, einen sich das Gemächt zurecht rückenden Bundestrainer hingegen schon. Spielerkinder auf dem Rasen waren nicht recht und hätten bei längerer Dauer des Turniers wahrscheinlich eher zu Strafen geführt als Schlägereien und Pyrotechnik; hübsche junge Frauen auf den Rängen wurden dafür um so lieber gezeigt.

Es war die EM der Labertaschen: Wie wenig es über den Fußball bei der Europameisterschaft zu sagen gab, lässt sich auch daran ablesen, wie viel über andere Dinge gesprochen wurde und werden musste, um Seiten und Sendezeit zu füllen. Waldemar Hartmann laberte über Jürgen Klinsmann bei der Weltmeisterschaft 1990 (!), Reinhold Beckmann laberte mit irgendwem über irgendwas, Torsten Legat und Mehmet Scholl laberten getreu dem Motto »Form vor Inhalt« (was bei Ersterem bedeutete »möglichst prollig« und bei Letzterem »krampfhaft schlagfertig«), Oliver Kahn laberte über Mehmet Scholl und die Medien über das Gehalt von beiden. Sexisten laberten über Claudia Neumann und Rassisten über den italienischen Schiedsrichter im Halbfinale Frankreich gegen Deutschland. Lukas Podolski gab den Statistiker und stellte Wahrscheinlichkeitsangaben im Taschenbillard auf, Mario Götze philosophierte über Hunde und Bäume und Thomas Müller erläuterte den Sinn des einstigen Handicaps beim Golf. Und ich war froh, dass ich mit Berichten über all das Gesülze nicht mein Geld verdienen muss.

Es war die britische EM: Mit Ausnahme von Schottland waren alle Fußballnationen der britischen Inseln bei dieser Europameisterschaft vertreten. Und beglückten sie uns auch nicht mit gutem Fußball, so (bis auf die Engländer) doch wenigstens mit tollen, sangesfreudigen Fans. »Ai tschast vont tuh stey hier änt trink ohl se Bier!«, rezitierte Oliver Schmidt einmal ganz hingerissen, derweil es den geneigten Übersetzer am Fernsehschirm schüttelte. So, wie es ihn auch schüttelte, wenn vom »Rohr« von den Rängen (früher mal »Anfeuerung« genannt) die Rede war oder von der »Box« oder den laufstarken, den ganze Platz beackernden Spielern, den Box-to-box-Spielern. Und weil für das Fernsehsignal der UEFA die moderne lingua franca Englisch verwendet wurde, kam uns Steffen Simon mit »gebuchten« Spielern um die Ecke, »wie man so schön sagt«. Nein, »schön gesagt« wäre es, von »verwarnten« Spielern zu sprechen. Schnauze, Simon.

Es war die EM der vor Angst schweren Beine: So schön es gewesen sein mag, die isländische Nationalmannschaft siegen zu sehen – wer etwa in die Gesichter der englischen Spieler geschaut hat, der sah darin mit zunehmender Spieldauer eine Versagensangst, die lähmte. Die Aussicht, nach einem Ausscheiden von der Boulevardpresse eines australischen Schweinepriesters zerfleischt zu werden, machte die Beine schwer.

Und zu guter Letzt war es die EM des beschissenen Fußballs: Wer offensiv und konstruktiv spielen wollte, wurde bestraft. Italien besiegte Spanien mit einer Art auf den Fußballplatz übertragener preußischer Schlachtordnung – die Abstände ein- und die Reihen geschlossen haltend, entzauberten die Azzurri mit roboterhafter Nüchternheit die brotlose Kunst des Titelverteidigers, der noch einmal den Ball mit der Sohle zurück zog und noch einmal, von links nach rechts um den Strafraum herum und wieder zurück. Dabei mag »Signalpass« ja ein netter neuer Fachterminus sein, bedeutet aber unterm Strich auch nichts anderes als: »Langholz nach vorne und hinterher!«. Wenn die Engländer oder die Iren so gespielt hätten, wäre es altmodisches Kick & Rush gewesen; wenn es Deutschland oder Italien taten, war es ein modernes Stilmittel und schnelles Überbrücken des Mittelfelds.

»Einfach mal draufhalten!«, war auch das Rezept, das die deutschen Experten Scholl und Kahn in petto hatten. Das Ergebnis war Flipper und nicht Fußball. Es wurde nicht kombiniert, der Ball wurde einfach in den Strafraum gedroschen, auf dass im Zweifelsfall irgend ein Verteidiger ihn ins eigene Tor grätsche.

So passt es auch ins Bild, dass Gewinner Portugal erst erfolgreich war, als die Spielweise umgestellt wurde. Nach einer Vorrunde ohne Sieg mit zwei ob der eigenen Ansprüche offensiv geführten Spielen gegen Island und Österreich und einem aus der Not offensiv geführten Spiel gegen Ungarn schaltete Portugal rigoros um auf defensive Kontrolle – unansehnlich, aber ultimativ erfolgreich.

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