Filmkritik Fußball – Ein Leben: Franz Beckenbauer

Der weltbürgerliche Kleingeist

Okay, wenn »Kaiser« Franz Beckenbauer 70 wird, dann bedarf das wohl einer gewissen »Würdigung«. Und dass so ein Portrait zum runden Geburtstag dann eher wohlwollend ausfällt und nicht zur großen Abrechnung oder gar Demontage genutzt wird – auch okay. Aber was die ARD zur (fast) besten Sendezeit am Sonntagabend gebracht hat, war keine Dokumentation sondern eine BRAVO-Homestory für Rentner.

»Spiele werden selten in der ersten Minute entschieden«, erfahren wir gleich zu Beginn. Und dass es andererseits natürlich nicht schlecht ist, früh in Führung zu gehen. Plattitüden, aus denen einem Lothar Matthäus, Andreas Brehme oder Andi Möller sofort ein Strick gedreht würde.

Aber wenn das Franzl das sagt, jo mei, dann ist’s freilich was anderes. Dann sind solche Worte kein Beleg für fußballerische Einfalt sondern nonchalant. Für Franz Beckenbauer, bald 70, gelten eben andere Maßstäbe. Daran lässt auch Regisseur Thomas Schadt in seiner Dokumentation letztlich keinen Zweifel. Fußball – Ein Leben: Franz Beckenbauer lautet der umständliche Titel des ansonsten schlichten Films, als wolle Schadt damit augenzwinkernd die schon legendäre kaiserliche Kunst persiflieren, in nur einem Satz im Zweifelsfall auch völlig konträre Standpunkte abzudecken.

Aber wenn, dann bleibt dies das einzig Hintersinnige an dem Film. Schadt gibt ansonsten den reinen Fanboy. Sein Portrait von Beckenbauer ist ein Muster an Seichtheit. Unterhaltsam sind an den 90 Minuten allenfalls die süffisanten Spitzen von Günter Netzer. Davon abgesehen begleitet die Kamera im wesentlichen eineinhalb Stunden lang einen reichen älteren Herrn dabei, wie er vor sich hin brabbelt, wie ältere Herren das eben bisweilen so tun. Beckenbauer, die labernde Lichtgestalt.

Später dürfen wir Beckenbauer dabei zusehen, wie er sich auf einem kleinen Fernseher die Szenen aus den Endspielen 1974 und 1990 anschaut, die er vermutlich schon unzählige Male hat anschauen und kommentieren müssen. Er wirkt dabei müde. Die Worte kommen automatisch, mit routiniertem Charme, aber ohne Esprit.

Wir sehen ihn Leute begrüßen, Smalltalk machen, peinliche Stille überbrücken. Beckenbauer redet, weil er in Jahren und Jahrzehnten gelernt hat, wann er etwas sagen soll. Und weil ihm nie jemand wirklich auf den Zahn gefühlt hat, tut er das mit jenem inhaltlichen Minimalaufwand, von dem er gelernt hat, dass er ausreicht. Beckenbauer kommt in des Wortes doppeltem Sinn mit kultiviertem Nichtssagen davon. Bei ihm wird als charmant, lässig und nett gewertet, was bei allen anderen als gähnend langweilig bezeichnet würde.

Beckenbauer macht Witzchen mit Pelé. Sie frotzeln und klopfen Sprüche wie kleine Jungs. Und am Ende zählt Beckenbauer bis drei und sie legen gemeinsam einen Schalter um. Leute applaudieren. Worum es geht, erfahren die Zuschauer nicht. Vielleicht ist das bei einer Lichtgestalt auch nicht nötig. Vielleicht genügt es zu wissen, dass elegant gekleidete Menschen in einem luxuriösen New Yorker Hotel und weniger elegant gekleidete in den Straßen davor sie toll finden.

Überhaupt kommt Fußball – Ein Leben: Franz Beckenbauer sehr esoterisch daher. Beckenbauer, Deutschlands König Midas des Fußballs, wird verbrämt als einer, der eine »Gabe« hat. Kein Wort von Training, kein Wort von Beckenbauers Kindheit im zerstörten Nachkriegsdeutschland, von seinen Anfängen als Straßenfußballer ohne Schuhe, von blutigen Füßen als Techniktraining der harten Sorte. Beckenbauer soll der bleiben und schon immer der gewesen sein, der elegant über allem schwebt.

Er selbst trägt dazu bewusst oder unterbewusst bei, wenn er seinen alten Treter aus der Vitrine nimmt, ihn streichelt wie einen Fetisch und dazu etwas erzählt vom Fußballschuh als Teil seines Körpers. Und natürlich kommt bei dieser Gelegenheit wieder so eine unbedarfte altbackene Metapher eines ergrauten Herrn, der es sich leisten kann, nicht über die tiefere Bedeutung von Worten nachzudenken: Schuhe seien wie Frauen, so Beckenbauer. Man müsse sie berühren, um zu wissen welche die Richtige ist. Und: Zehn Paar Schuhe habe er sich immer von der Ausrüsterfirma schicken lassen. Vielleicht ungewollt eine Erklärung dafür, warum das Franzl so oft verheiratet war.

So geht es wenig überraschend auch munter weiter, als das Thema Weltmeisterschaft 2006 gestreift wird. Beckenbauers Strahlkraft soll sie alle überzeugt haben, die Politiker aus dem rot-grünen Lager ebenso wie die aus dem schwarz-gelben und die Fußballfunktionäre aus aller Welt sowieso. Kein Wort zu Reisen nach Katar, keine Nachfrage, ob sich Beckenbauer und Ex-Kanzler Schröder heute vielleicht gelegentlich noch bei der Arbeit für Gazprom über den Weg laufen.

Okay, ich nehme zur Kenntnis, dass »Dokumentationen« namentlich über Personen seit einigen Jahren so sind. Die gestellten Fragen werden meist rausgeschnitten, es gibt keinen Dialog, die Protagonisten werden in der Regel so dargestellt, als erzählten sie einfach ins Blaue hinein. Der Hintergrund mag sein, dass der Beitrag im Idealfall wertfrei bleibt und jeder sich selbst ein Bild machen kann.

Im Falle von Schadts Beckenbauer bedeutet das: Er zeichnet das Bild eines weltbürgerlichen Kleingeists, der sich durch Manhattan kutschieren lässt und sich dabei etwas mehr Ruhe und Ordnung wünscht, aber ach: »Wir sind halt in Nejorrk und nicht in Deutschland.«

Auch gibt es bei Schadt nur den Stiftungs-Beckenbauer, nicht aber den Geschäftsmann Beckenbauer. Schadts Beckenbauer ist ein zu allen nettes, naives Kind in Rentnergestalt, das anscheinend einen Goldesel im Keller hat und deshalb sein ganzes Tun und Streben in den Dienst von uns allen stellt, die wir Fußballfans sind. Kurz: Schadt gibt sich größte Mühe, Beckenbauer noch weiter zu entrücken statt ihn nahbarer zu machen, wie es für ein Portrait richtig wäre.

Dabei bietet Beckenbauer eigentlich einiges an. Er spricht von Fehlern, die er als junger Vater gemacht habe. Er spricht von der Scheidung und Steuerproblemen als Grund für seinen Wechsel zu Cosmos New York. Hier wären es angebracht gewesen nachzufragen – selbst wenn davon auszugehen ist, dass Beckenbauer erschöpfenden Antworten in seiner typischen Manier ausgewichen wäre wie ein nasses Stück Seife.

Doch lieber stellt ihn Regisseur Schadt wie einen Fahnenmast der Eleganz irgendwo in den Gängen der Allianz Arena zwischen die beiden neben ihm wie abgehalfterte Türsteher wirkenden Hoeneß-Brüder. Und da steht er dann, der Steuerflüchtling neben dem Steuerhinterzieher und alles, was er sagt, ist, ihm ist aufgefallen, dass früher mehr mit dem Ball gelaufen wurde als heute. Und die beiden Türsteher nicken beifällig.

Beckenbauer spricht davon, die Fragen der FIFA-Ethikkommission nicht beantwortet zu haben, weil sie auf Englisch verfasst waren. Niemand unternimmt auch nur den Versuch, ihn diskret darauf hinzuweisen, dass er doch mal in den USA gespielt hat, auf seinen Reisen ständig sein bajuwarisches Englisch spricht oder sich die Fragen hätte übersetzen lassen können.

Deshalb ist Fußball – Ein Leben: Franz Beckenbauer für mich weder eine taugliche Dokumentation noch ein Portrait. Es fehlt einfach zu viel, es wird zu viel ausgespart. Es mag sein, dass Franz Beckenbauer ein bald 70-jähriger Peter Pan ist, der spontan Leute imitiert, mit seinen Kindern herumalbert und einem imaginären Publikum zuwinkt. Es mag auch sein, dass er bis heute ehrlich überrascht und geschmeichelt ist von den Mächtigen, die seine Nähe suchen. Es fällt auch nicht schwer, ihn sich »wie einen Weihnachtsbaum« gekleidet in Fankluft vor dem Fernseher vorzustellen, wie er mit der deutschen Nationalmannschaft mitfiebert.

Aber auch einem Peter Pan kann man doch einfach mal spontan Fragen stellen, weil und wenn es sich anbietet, ohne deshalb gleich zum verbissen an der Zerstörung eines Mythos arbeitenden journalistischen Bluthund zu mutieren. Die Gelegenheiten dazu, zum schlichten Nachfragen und Abwarten, was dabei herauskommt, vergibt Thomas Schadt in seinem Film.

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2 Antworten auf Filmkritik Fußball – Ein Leben: Franz Beckenbauer

  1. “Doch lieber stellt ihn Regisseur Schadt wie einen Fahnenmast der Eleganz irgendwo in den Gängen der Allianz Arena zwischen die beiden neben ihm wie abgehalfterte Türsteher wirkenden Hoeneß-Brüder.”

    Klasse. Toller Artikel.

    Guter, interessanter Champions League Blog

  2. Eine Fußball Legende wird 70. Sehr schöner Text. Der Kaiser ist eben immernoch der beste. Ich hoffe er hat sich vom Tod seines Sohnes mittlerweile erholt.

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