Foul oder Schwalbe

Absicht oder nicht

Ich bin ja trotz Hinkebein tatsächlich noch so was wie ein Straßenfußballer. Ich habe mein Leben lang nur auf Straßen, in Höfen oder auf Aschenplätzen gespielt – das allerdings dann auch bei Regen, Wind und Wetter. Selbst zu Studienzeiten war der Rasenplatz stets nur für die Vereinsmannschaften des Pfälzer Städtchens reserviert. Die »Schtudende« mussten mit dem Hartplatz vorlieb nehmen.

Ich erzähle das deshalb, weil absichtliches Foulspiel auf der Straße oder dem Aschenplatz so gut wie nie vorgekommen ist. Wenn es mal ein Foul gab, dann war es ein Versehen. Und auch die Gefoulten haben sich nicht 37 mal überschlagen, abgerollt und hin und her gewälzt. Selbst der spanischste Spanier und der italienischste Italiener geht auf Asche nur im äußersten Notfall parterre.

Nein, das hier soll kein Plädoyer dafür werden, Bundesligaprofis noch mal gepflegt auf einem Hartplatz spielen zu lassen (obwohl das sicherlich mal ganz interessant wäre). Eher im Gegenteil: Ich bin der Meinung, Berufsfußballer müssen sich manchmal einfach fallen lassen. Denn es gibt Fouls, die für sich genommen nicht dramatisch sind. Ein unauffälliger Schubser, ein kleiner Rempler, ein kurzes Zupfen am Trikot, ein schneller Tritt und schon ist der Ball weg. Klar kann man dann auf den Beinen bleiben. Aber dann bemerkt es der Schiedsrichter nicht und der Gegner hat sich einen unlauteren Vorteil verschafft.

Nota bene: Ich gehe davon aus, dass die Mehrzahl der Fouls auch im Profibereich unbeabsichtigt passieren, schließlich gibt es noch so etwas wie den »Kampf um den Ball«. Aber entgegen der seit geraumer Zeit vorherrschenden Meinung ist Foulspiel meiner Meinung nach eben nicht rein an Absichtlichkeit geknüpft. Man tritt dem Gegner im Laufduell in die Hacken, man kommt im Zweikampf einen Tick zu spät, schon ist es passiert. Selbst der Griff ans Trikot muss keine Absicht im engeren Sinne sein. Im Eifer des Gefechts kann das alles schon mal vorkommen. Aber durch die ewige Schwarzweißmalerei – gemeingefährliches Foul hier, Schwalbe da – scheint sich unter Fußballern inzwischen die Meinung breit gemacht zu haben, dass, wenn keine Ansicht vorlag, es auch kein Foul war. Da können sie ihre Gegenspieler teilweise noch so klar umnieten, hernach deuten sie dem Schiedsrichter aufgeregt und gestenreich an, der Ball, der Ball sei es gewesen, den sie hätten spielen wollen. Ja, ich wollte mit meinem Hinkebein auch immer so schnell sein wie die anderen. War ich aber nicht. Und wenn ich oder andere damals gefoult haben, dann haben wir uns noch entschuldigt – auch und gerade, wenn und weil es ja keine Absicht war. Wenn wir gefoult wurden, haben wir die anschließende Entschuldigung des Gegenspielers zudem auch angenommen. Man hat sich aufgeholfen, kurz gefragt, ob alles klar ist, sich die Hand gegeben und weiter ging es. Weder haben wir den am Boden liegenden beschimpft noch haben wir den Handschlag verweigert – und das ist es, was mir an den heutigen Profis fehlt. Sie scheinen zu glauben, wenn ein Foul keine Absicht war, müssen sie sich auch nicht dafür entschuldigen. Und wenn es Absicht war, wäre eine Entschuldigung geheuchelt. Also lassen sie es gleich bleiben.
Geradezu aberwitzig ist die Diskussion um Absicht oder nicht, wenn es um Handspiele geht. Denn jeder, der schon mal Fußball gespielt hat, weiß, wenn der Ball körpernah ungefähr auf Hüfthöhe ankommt, zuckt schon mal die Hand raus. Das ist Reflex und somit keine Absicht.

Abgepfiffen gehört es trotzdem. Diskussionen sind da eigentlich überflüssig, Empörung erst recht. Übrigens: Als »Problemprofi« Paolo Guerrero, der zur Zeit sozusagen als Sinnbild für Unfairness im Bundesligafußball verkauft wird, noch bei Bayern München war, hat er mal einen Elfmeter gegen Leverkusens Jens Nowotny geschunden. Anschließend wurde er für seine »Abgezocktheit« in jungen Jahren gelobt. So ändern sich die Zeiten.

Was ich als ehemaliger Straßenfußballer indes so gar nicht verstehe, ist das ewige Rudern mit den Armen beim Kopfball. Harte und technisch eher wenig beschlagene Abwehrrecken wie Jürgen Kohler und Christian Wörns haben früher ihre Kopfballduelle auch gewonnen, ohne dabei abzuheben wie der Albatros von Bernhard und Bianca.

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