Franck Ribéry hat nichts gemacht

Nichts gemacht?

»Ich hab’ nichts gemacht!«, sagt Bart Simpson, nachdem gerade die gesamte Bühnendekoration hinter ihm zusammengekracht ist. »Franck Ribéry hat nichts gemacht!«, behauptet auch Uli Hoeneß, wenn es um die Anklage gegen den Bayern-Superstar wegen sexueller Kontakte zu einer seinerzeit minderjährigen Prostituierten geht.

Nun ist gerade Sommerloch – und ich verkneife mir jetzt bewusst jedwedes boulevardesque »Wortspiel« um den Begriff »Loch« – und in der Bundesliga nichts los. Die Vereine tätigen in diesem Jahr offensichtlich in Ruhe und mit Augenmaß ihre Transfers, spektakuläre Coups hat es bislang nicht gegeben. Deshalb muss die »Sex-Affäre« um Ribéry als Lückenfüller herhalten. Ruchbar ist sie ja schon länger, hochgekocht jedoch wird sie jedoch erst jetzt. Angesichts der sonstigen Nachrichtenlage ist das sicher kein Zufall. Dabei kann eigentlich jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, jetzt schon sagen, wie die Sache ausgehen wird: Die Anklage wird fallen gelassen oder das Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt. Nach Lage der Dinge ist kaum zu erwarten, dass Franck Ribéry tatsächlich hinter Gitter muss, erst recht nicht für die Höchstdauer von drei Jahren. Dass er sich jetzt jedoch rechtsstaatlichen Prüfungen des Sachverhalts stellen muss, sollte man schlicht mit der gebotenen Demut hinnehmen. Denn »nichts gemacht« sieht ja dann doch irgendwie anders aus. Das Hoeneßsche Argument »Lassen Sie sich denn bei Ihrem nächsten Besuch im Bordell jedes mal den Pass zeigen?« jedenfalls verwundert und fordert zur Polemik geradezu heraus. Männer, die nicht ins Bordell gehen, scheinen im Weltbild des Bayern-Präsidenten nämlich demnach nicht vorgesehen zu sein. Und es mag ja sein, dass man als regelmäßiger und ordentlich zahlender Puffgänger eine Art Gewährleistungsschutz erwarten darf und sich darauf verlassen können muss, vom Luden seines Vertrauens keine minderwertige – pardon, minderjährige – Ware untergeschoben zu bekommen. Wir sind hier ja schließlich nicht in Thailand, wo man mit so was rechnen muss. Damit aber genug der schlechten Witze, denn das Thema als solches ist zu ernst, als dass man es mit einem »Lassen Sie mich doch mit diesem Scheiß in Ruhe!« abtun könnte, wie Hoeneß das versucht. Aus Ribéry auf diese Weise nämlich einen geprellten Kunden, einen Hereingelegten und mithin ein Opfer zu machen, ginge mir doch zu weit und außerdem gehörig gegen den Strich.

Betrachtet man sich nämlich einmal, wie die Deutschen an sich und mit ihnen ihre liebsten Medien sonst damit umgehen, wenn es um das Thema »Unzucht mit Minderjährigen« geht, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass der Fußballer Ribéry nachgerade mit Samthandschuhen angefasst wird. Im Normalfall werden solcher Vergehen Beschuldige gern mal vorverurteilt, ihrer Menschenwürde beraubt und in riesigen Lettern als »Schwein« tituliert. Es ist eines der letzten konsensfähigen Tabus unserer Gesellschaft und wer dagegen verstößt, muss mit Mahnwachen vor seinem Haus rechnen, mit Todesdrohungen, Veröffentlichung seines Bilds und damit, dass Boulevardblätter bedauern »die genaue Adresse leider nicht abdrucken zu dürfen«.

Teil dieses Phänomens ist auch, dass offenbar Unterschiede gemacht werden zwischen Missbrauch und Missbrauch. Überstehen die Opfer beispielsweise die ihnen in jungen Jahren angetane Gewalt und können sie danach ein für den Laien allem Anschein nach »normales Leben« führen, wird das Vergehen als nicht so gravierend erachtet. Gibt es solche Opfer noch dazu in großer Zahl, kommt das noch mildernd hinzu. Anders ist nicht zu erklären, dass der öffentliche Aufschrei nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, Kinderheimen oder Internaten nicht viel größer und nicht von viel mehr Rachsucht begleitet war.

Auch die Abgrenzung dessen, was überhaupt Missbrauch ist und ab wann es ein Kindesmissbrauch wird, ist diffus und wird mehr nach Gutdünken gehandhabt. Wenn einer Sekte anhängende schwerreiche Schauspieler eine 17 Jahre jüngere Kollegin heiraten und hernach unter Verschluss halten, wird das ebenso hingenommen wie die Ehe eines 49-jährigen ehemaligen Fußballweltmeisters mit einer gerade mal etwas mehr als großjährigen und zum Zeitpunkt des Kennenlernens noch jüngeren Ukrainerin. Wäre der Schauspieler Moslem, man würde ihm die Unterdrückung der Frau vorwerfen. Wäre der ehemalige Fußballweltmeister Raumausstatter geblieben, man hielte ihm vor, ein Sugardaddy zu sein, der sich seine ihn anhimmelnden, (vermeintlich) braven Frauen im Ausland sucht, weil er mit emanzipierten Frauen seines Alters nicht klar kommt.

Im Falle von Ribéry zeigt sich ebenfalls eine verquere Denke. Die betreffende Dame war zum fraglichen Zeitpunkt 17 Jahre alt. Da sagt sich wohl nicht nur mancher (männliche) Journalist: »17, das ist ja fast 18.« Das war schon bei der Schauspielerin Emma Watson zu beobachten. Kaum war diese 17, wurde sie schon darauf angesprochen, ob sie sich vorstellen könnte, Nacktszenen zu drehen. Sie schloss dies mit den üblichen Einschränkungen (Güte des Films, Ästhetik der Szene etc.) nicht aus – worauf der Boulevard frohlockte und geifernd den 365 Tagen bis zu Watsons Volljährigkeit entgegensah.

Aber wenn 17 so gut wie 18 ist, dann ist 16 auch so gut wie 17 und 15 so gut wie 16. Lässt man sich aber erst mal auf diese Art der Betrachtung ein, führt man ganz schnell auch ins Feld, dass Mädchen heutzutage ohnehin alle frühreif sind laut Statistik mit 15,n das erste mal Geschlechtsverkehr haben. Tut man wiederum das, ist man schon auf dem besten Weg, so zu argumentieren wie jene, für die der gute Deutsche ständig »härtere Strafen« statt »sinnloser Therapien« fordert.

Darüber hinaus gibt es einen Rechtsgrundsatz, wonach Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. Das Alter der Prostituierten nicht gewusst oder nicht gesagt bekommen zu haben, kann also nicht als Entschuldigung für Ribéry gelten. Außerdem hätte er angesichts des jugendlichen Aussehens der Dame ja auch stutzig werden und der Szene fern bleiben können. Angesichts der hohen moralischen Ansprüche, die gerade Uli Hoeneß immer wieder propagiert und derentwegen er beispielsweise auch Christoph Daum als Bundestrainer untragbar fand, muss er es nun auch aushalten können, dass das Verhalten eines seiner Spieler infrage gestellt und rechtlich geprüft wird. Franck Ribéry war bei diesem ominösen Bordellbesuch möglicherweise wirklich buchstäblich nur ein Mitläufer. Aber es schadet ihm nichts, wenn ihm nun bewusst gemacht wird, wie schmal der Grat ist zwischen »nichts gemacht« und »mitschuldig«.

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