Frauenfußball: Frauenfußball-Nationalmannschaft

Hochmut kommt vor dem Klugscheißen

Frauenfußball gilt einigen in mancherlei Hinsicht wohl immer noch als der »sauberere« Fußball: Weniger ruppig, weniger aggressiv, ohne Bengalos auf den Rängen, ohne Schmähgesänge der Zuschauer – familienfreundlich, nett, harmlos und mithin das ideale, massenkompatible Produkt.

Dieses Bild geht natürlich jetzt schon an der Realität vorbei. Wer die rassigen Zweikämpfe von Abby Wambach während der Weltmeisterschaft gesehen hat, die packenden Laufduelle von Josefine Öqvist oder das ständige Reklamieren und Lamentieren von Marta, der sollte eigentlich wissen, dass es mit dem Image vom »braven« Frauenfußball nicht weit her ist. Und wenn dann irgendwann die mit RTL 2 sozialisierten kleinen Aggro-Gören ins Stadion und in die Vereine gehen, wird sich das Niveau endgültig angeglichen haben.

Schon jetzt war ja von vornehmer Zurückhaltung nicht viel zu sehen, als deutsche Nationalspielerinnen samt Trainerin während des Finales auf der Tribüne in Frankfurt ausgesprochen parteiisch für Japan jubelten und die USA allem Anschein nach mit Häme bedachten. Die arme Steffi Jones saß derweil bei den Honoratioren auf dem Präsentierteller und durfte sich in Diplomatie und Contenance üben.

Natürlich ist man hinterher immer schlauer. Deshalb ist vieles, was jetzt an Bundestrainerin Silvia Neid kritisiert wird, auch schlicht Klugscheißerei. Es ist billig, Birgit Prinz erst aus der Mannschaft herauszuschreiben und dann nach nach dem Ausscheiden gegen Japan zu monieren, dass sie nicht gespielt hat. Ein Kompliment muss ich in dieser Hinsicht allerdings dem ZDF machen, das einen durchaus sehr kritischen, aber zugleich immer sachlichen Beitrag über die Arbeit von Silvia Neid gebracht hat – eingebunden in ein Live-Interview mit der Bundestrainerin, die so im Anschluss Stellung dazu beziehen konnte. So stelle ich mir Sportjournalismus vor: Auge in Auge, nicht aus der Deckung von Kolumnen heraus.

Der Versuch von DFB-Präsident Theo Zwanziger, die Situation zu befrieden, war derweil so untauglich wie unnötig. Zwanziger versuchte es wieder einmal mit Basta-Politik, was erstaunlich wenig lernfähig anmutet. Denn egal, was Zwanziger zuletzt auch thematisierte, seine Ordnungsrufe waren stets eher die Fackel an der Lunte als das Austreten des Feuers: die »Affäre« Amerell/Kempter, der Handschlagvertrag mit Jogi Löw, der Streit um den Umgang mit und das Abschiedsspiel für Michael Ballack, nun die Machtwörtchen im Zusammenhang mit der Kritik an Silvia Neid – immer hat Zwanziger versucht, den Deckel auf den Angelegenheiten zu halten und genau dadurch für Druck im Kessel gesorgt.

Dabei dürfte doch klar sein, dass etwa der kicker seinen Kolumnisten Bernd Schröder flankiert oder Manager Siegfried Dietrich seiner Spielerin Birgit Prinz zur Seite springt. Zwanziger aber möchte »keine Streitkultur wie bei den Männern« aufkommen lassen und fordert Aussprachen und Entschuldigungen, anstatt den Dingen einfach mal ihren Verlauf im Sande zu lassen. Ohnehin kann von Streitkultur bei den Männern gar nicht die Rede sein. Die Fußball-Männer streiten sich meist ohne Kultur und eher wie die Kesselflicker.

Es mag löblich und erstrebenswert sein, Konflikte intern lösen zu wollen. Realistisch ist es im Showgeschäft Fußball nicht. Ich halte es da mit Matthias Sammer: Wer für den Frauenfußball die selbe Aufmerksamkeit will wie für den Männerfußball, darf sich anschließend auch nicht über die Begleiterscheinungen wundern und noch viel weniger darf die gestiegene Aufmerksamkeit Ausrede sein für schlechtes Abschneiden.

Der DFB muss sich jetzt mit den Geistern herumschlagen, die er selbst gerufen hat. Nicht die Bundestrainerin und nicht ihre Spielerinnen waren es schließlich, die vollmundige Sprüche (»Jungs, wir rächen euch!«, »Dritte Plätze sind nur was für Männer!«) vom Stapel gelassen haben. Das ist auf dem Mist von Sponsoren, Medien und Werbeagenturen gewachsen. Die Spielerinnen waren nur die Vehikel einer riskanten Marketingstrategie des DFB, der es versäumt hat, gegenzusteuern und den Ball flach zu halten. Er hat gezockt und alles auf die eine Karte Weltmeistertitel gesetzt. Mit Macht sollte das Sommermärchen reloaded her, das dann aber allein schon mangels Sommer sehr verregnet ausfiel.

Das Ergebnis war, dass die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft praktisch nur scheitern konnte, weil alles andere als der Titelgewinn als Enttäuschung empfunden werden musste. Vielleicht fühlt sich Theo Zwanziger ja auch wegen dieses vom DFB mitinszenierten Hypes genötigt, Silvia Neid zu schützen. Auch das ist prinzipiell lobenswert, weil er nun mal der Chef des Ladens ist. Nur ist er eben nicht Chef von Bernd Schröder oder Siegfried Dietrich und die wehren sich daher mit einigem Recht dagegen, wie die Schulbuben behandelt zu werden.

Hinzu kommt, dass Silvia Neid gar keinen Schutz benötigt. Sie handhabt die ihr entgegengebrachte Kritik sehr souverän. Dass ihr nun von einigen Beratungsresistenz vorgeworfen wird, ist normal. Im Erfolgsfall (und bei einem Mann) würde es vielleicht heißen, sie knicke nicht ein und bleibe ihrer Linie treu.

Es ist außerdem auch überhaupt nicht nötig, wie der DFB-Präsident dauernd Leute auf Linie bringen zu wollen. Wir leben im Zeitalter der Mediendemokratie, in dem es gilt, »die Menschen mitzunehmen« – und manche kommen eben mit und andere nicht. Mir ist schleierhaft, warum Zwanziger so versessen darauf ist, ständig Konsens herstellen zu wollen. Das passt vielleicht in die Siebzigerjahre, als es eine Staatsräson gab und hinter allem und jedem »Abweichler« von selbiger gewittert wurden. Aber doch bitte nicht ins Jahr 2011.

Weil, wer den Schaden hat, bekanntlich nicht für den Spott zu sorgen braucht, kommen nun eben auch, sagen wir mal, »klassisch konservative« Fußballfans aus der Deckung der machistischen Ursuppe, denen die flotten (aber nichtsdestoweniger möglicherweise von Männern ersonnenen) Sprüche dieser so verflixt kessen und selbstbewussten Frauen schon die ganze Zeit ein Dorn im Auge waren. Ihr Vorwurf: Hochmut. Dabei waren es doch Männer wie Reporter Claus Lufen, die solche Sätze gesagt haben wie: »Seien wir mal ehrlich, wir alle haben doch gedacht, Japan, das wird ein schönes Trainingsspiel fürs Halbfinale.«

Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass Silvia Neid, ihr Trainerstab und die Spielerinnen das nicht gedacht haben und von Hochmut folglich selbst dann nicht die Rede sein kann, wenn man(n) nicht unterscheiden kann oder will zwischen Werbesprüchen und tatsächlichen Aussagen.

Trotzdem gilt es die Häme der sich in ihren Vorurteilen und Urteilen bestätigt fühlenden Herren nun einfach auszuhalten. Das ist eben die Kehrseite einer so grenzwertigen Marketingstrategie: Geht sie schief, fliegt sie einem um die Ohren. Und wer selbstbewusst antritt, muss eben auch selbstbewusst verlieren können. Wer sich öffentlich diebisch über die Finalniederlage der USA freut, muss selbst auch Schadenfreude anderer aushalten. Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es nun mal auch wieder heraus.

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