Fußball in den USA

Der Boom, der keiner war

Von der Fußball-WM in Brasilien im Sommer wurde ja extrem deutsch-zentrisch berichtet. Nicht nur die deutsche Nationalmannschaft wurde auf Schritt und Tritt begleitet (zu Wasser, zu Lande und in der Luft), durchleuchtet und seziert. Auch andere Mannschaften mit in Deutschland aktiven Spielern oder deutschen Trainern rangierten in der Berichterstattung stets ganz vorn. Eine davon: Die US-Elf mit ihrem Trainer »Jurgen« Klinsmann, dem kalifornischsten aller Schwaben.

Fußball ist deshalb weltweit so erfolgreich, weil es grundsätzlich nicht viel dafür braucht. Links und rechts zwei Markierungen für ein Tor und ein Spielgerät, das leidlich rollt – im Zweifelsfall also zwei Jacken und eine Getränkedose. Man braucht kein spezielles Ei dafür und keinen speziellen Ball, keinen speziellen Platz mit aufgehängten Körben, keinen Helm, keinen Schläger und keine spezielle Spielkleidung.

Angesichts dieser der Sportart immanenten herrlichen Einfachheit fällt es vielen Leuten offensichtlich schwer zu verstehen, dass es auf dieser Welt immer noch weiße Flecken auf der großen Fußballkarte gibt. Ein besonders ausgedehnter weißer Fleck sind dabei die USA. Genauer gesagt: Die USA sind sogar mehr als das – sie sind ein gallisches Dorf, das den sie umgebenden fußballerischen Römerlagern hartnäckigst Widerstand leistet.

Und weil die USA kein kleines gallisches Dorf sind, sondern ein dickes, fettes gallisches Dorf, wurden und werden immer wieder Versuche unternommen, Fußball im Land der begrenzten Unmöglichkeiten zu etablieren. Der vielleicht größte derartige Anlauf war die WM 1994, von der aber letztlich auch nicht viel mehr in Erinnerung geblieben ist als eine Diana Ross mit einer Frisur wie ein in der Mikrowelle explodiertes Kopfkissen, zum krönenden Finale der Eröffnungsfeier auf Heels zum Elfmeterpunkt stöckelnd … und den Ball prompt am Tor vorbei schießend. Das Tor brach zusammen, Millionen von Fernsehzuschauern auch – vor Lachen.

Wenn also schon eine Weltmeisterschaft mit ihrem ganzen Marketingapparat nicht den gewünschten Effekt hatte, wieso glauben wir dann hierzulande, ein einziger unserer deutschen Landsleute könnte Fußball in den USA im Handstreich populär machen?

Bei aller Fußballromantik, die im Zusammenhang mit Soccer in den USA im Allgemeinen und mit Klinsmann als US-Nationaltrainer im Besonderen beschworen wurde, darf eines nicht vergessen werden: Die Vereinigten Staaten sind vor allem eines – ein riesiger Markt. 317 Millionen Einwohner sind 317 Millionen Kunden, Käufer, Fernsehzuschauer. Die USA für Fußball urbar zu machen, liegt in allererster Linie im Interesse von Sportartikelherstellern, Getränkekonzernen und Kreditkartenfirmen, die teils heute schon als Sponsoren von Turnieren auftreten.

Den »Boom« rund um den Fußball, den ARD und ZDF während der Weltmeisterschaft ausgemacht haben wollen, hat es jedenfalls nicht gegeben. Klar wurde in den USA mehr Fußball geschaut und mehr Fußball gefeiert als gewöhnlich – es war ja auch eine WM, ein Happening. Man muss die Feste eben feiern, wie sie fallen. So, wie hierzulande die Masse der Klatschpappenfans ihre Devotionalien entstaubt hat und Party machen ging, machten das auch die Menschen in den USA. Sie dabei Fans zu nennen, würde aber zu weit gehen. Es war eher ein spontan aufflackerndes Interesse am Exotischen, an der Freakshow Fußball, kräftigt angeschoben von Medien und einer auf Umsätze hoffenden Wirtschaft.

Als die USA die Segel gestrichen hatten, erlosch das Strohfeuer schnell wieder. Nicht schnell genug freilich, als dass die stockkonservative Kolumnistin Ann Coulter nicht noch einen hanebüchenen Artikel hätte schreiben können. Nun ist Coulter – eine Art elitärer weiblicher Franz-Josef Wagner der USA – glücklicherweise nicht repräsentativ für ihr Land (und ihr Beitrag wurde auch sogleich herrlich persifliert), aber ihre Haltung verdeutlicht durchaus, mit welchen Problemen Fußball in den Staaten zu kämpfen hat.

Soccer gilt in den USA nach wie vor als Sport für Mädchen oder allenfalls noch für kleine Jungs in der Findungsphase. Fußball haftet ein Weichei-Image an, das gerne dadurch auf die Spitze getrieben wird, dass beim Soccer (angeblich) nicht auf den Spielstand geachtet wird. Der Begriff der »Soccer Mom« ist inzwischen ein fester Bestandteil des Sprachgebrauchs und beschreibt gut situierte Vollzeit-Mütter mit zu viel Freizeit, die durch ihre Kinder leben.

Trotzdem und trotz aller Erfolge insbesondere der Nationalmannschaft ist selbst Frauenfußball in den USA nicht etabliert. Die nationalen Ligen Women’s United Soccer Association (2001 bis 2003) und Women’s Professional Soccer (2009 bis 2011) sind pleite gegangen, die aktuelle National Women’s Soccer League (seit 2013) trägt ebenfalls noch nicht. Die Spiele werden kostenlos im Internet übertragen. Von TV-Einnahmen für Senderechte ist die Liga noch weit entfernt.

Das mag verdeutlichen, wie dick die Bretter sind, die »Jurgen« Klinsmann noch zu bohren hat. Cleverle Klinsi macht allerdings wie zuvor als Trainer der DFB-Elf das Beste aus der jeweiligen Situation. Man kann getrost davon ausgehen, dass sein Frontalangriff auf Basketball-Ikone Kobe Bryant nicht bloß naive Ehrlichkeit war sondern bewusste Inszenierung einer Kontroverse. Das unterscheidet Klinsmann möglicherweise am grundsätzlichsten von seinem ehemaligen »Co« und heutigen Nachfolger Joachim Löw. Klinsmann geht offensiv mit seinen Entscheidungen um, Löw sitzt sie aus.

Klinsmann generierte das, was Fußball in der Diaspora USA akut vielleicht am meisten braucht: Aufmerksamkeit. Er gab den Realisten und Exoten, zugleich aber auch den knallharten Coach, der Altstars aussortiert und den Traditionalisten, der die US-Nationalhymne mitsingt. Kurz: Klinsmann wusste und weiß genau, welche Knöpfe er für die Öffentlichkeit in seiner Wahlheimat drücken muss. Dass Clint Dempsey während der WM mit gebrochener Nase (und ohne Gesichtsschutz) spielte, war genau der fighting spirit, den es brauchte, um in den USA kurzfristig eine Woge der Begeisterung zu erzeugen. Je mehr angeschlagene Spieler Klinsmann aufs Feld schicken musste, desto mehr Sympathien hatte seine Mannschaft. Je mehr schillernde Persönlichkeiten Klinsmann präsentieren konnte, desto besser. Wo in Deutschland nette Schwiegermutterlieblinge vom Kaliber Mario Götze das Maß aller Dinge sind und zur Stimmung und zum Zeitgeist im Land passen, brauchte und brachte Klinsmann für die USA markante Erscheinungen wie Kyle Beckerman und Torhüter Tim Howard, der seit seiner Kindheit das Tourette-Syndrom hat.

Everybody’s darling Landon Donovan hingegen musste zu Hause bleiben, obwohl er vielleicht der beste Individualist des US-Fußballs ist und über die größte Erfahrung verfügt. Aber Donovan – ohnehin so etwas wie einer von Klinsmanns Sargnägeln während seiner Zeit als Vereinstrainer beim FC Bayern München – brannte dem Nationalmannschafts-Coach wohl nicht mehr genug; immerhin hatte sich der Routinier bereits einmal eine komplette Auszeit vom Fußball genommen. Mittlerweile hat der 32-Jährige seine Karriere beendet.

Inzwischen hat die Saison der klassischen US-Sportarten begonnen und der Fußball ist in den USA wieder in der Versenkung verschwunden. Was bleibt, ist beiderseits des Atlantik vor allem ein falsches Bild des kalifornischen Schwaben Klinsmann: In Deutschland wird er als Sportmissionar dargestellt, der Amerika endlich für den Fußball begeistert hat. In den USA wird er als in Deutschland grenzenlos verehrte »soccer icon« verkauft. Beides ist er nicht und beides zeugt von Ahnungslosigkeit hüben wie drüben.

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