Fußball-WM, Beckenbauer, FIFA, Balotelli: Empfehlenswerte Beiträge

Ich hab’ mich mal umgesehen (1)

In letzter Zeit sind mir so viele lesens- und sehenswerte Beiträge zum Thema Fußball untergekommen, dass ich an dieser Stelle mal etwas Neues wagen und eine kleine »Artikelschau« anbieten will.

Den Anfang macht dabei – wie könnte es anders sein – jener wunderbare Beitrag aus der Sendung mit der Maus vom 22. Juni, den inzwischen von Stern bis ZEIT so ziemlich alle geteilt haben. Allein vor dem Aufwand für diesen kurzen Film ziehe ich den Hut. (»Und dann ist der Ball weg!« wäre für meine Begriffe eine weitere Phrase, die es verdient hätte, darin parodiert zu werden.) Selbstironie hat der WDR damit schon mal bewiesen. Jetzt müssten seine Kommentatoren eigentlich »nur noch« die richtigen Lehren daraus ziehen und weniger Stehsätze verwenden …

Als nächstes möchte ich hier einen Artikel des geschätzten Kollegen Markus Mäurer verlinken. Zwar geht mit das allgemeine FIFA-Bashing inzwischen gehörig auf den Senkel (dazu wird es wahrscheinlich auch noch einen eigenen Artikel von mir geben) und ich finde, wenn man schon die allgemeine Behauptung übernimmt, dass der Weltverband des Fußballs Milliarden mit der WM verdient, sollte man sie wenigstens mit Quellen belegen. Aber Markus’ Artikel bietet dennoch eine sehr schöne, persönliche Sicht auf den Fußball im Allgemeinen und Brasilien im Besonderen.

Zum Stichwort »Die FIFA, das personifizierte Böse« passte auch die arg deutsch-zentrische Berichterstattung zur Sperre gegen Franz Beckenbauer, die Züge einer Verschwörungstheorie trug. Mal ehrlich: Glaubt irgendwer, dass diese Meldung es derart prominent in die Hauptnachrichten von CNN, der BBC, RAI oder ORF geschafft hat wie hier in Deutschland? Zum realistischen, Lichtgestalt-befreiten Bild eines Franz B., wie es Jens Weinreich zeichnet, gehört zunächst einmal die simple Einsicht, dass der »Kaiser« jenseits unserer Landesgrenzen keinen Adelstitel hat.

Schon recht früh nach Beginn der WM machte der Literat Frédéric Valin diesbezüglich »eine gewisse Müdigkeit« bei sich aus und fasste seine Gefühle und Beobachtungen angenehm differenziert in Wörter, die ich so nur unterstreichen kann. Dieses Kunststück gelang ihm einige Tage später gleich noch einmal mit dem Artikel »Wir ist ein anderer«, den ich, ganz ohne binational zu sein, bis hinein in die Basilikum-Beobachtung und die Kommentare der Physiotherapeutin sehr gut nachempfinden kann.

Ähnlich wie Dirk Gieselmann von 11freunde.de finde ich Katrin Müller-Hohensteins Backfisch-Gehabe gelinde gesagt befremdlich und es löst bei mir inzwischen sofort einen Umschalt-Reflex aus. Wie es wohl ankäme, wenn beispielsweise Steffen Simon mit frisch getönten Haaren und fescher Urlaubsbräune im schniecken Dreiviertelhöschen die Füße in den Pool hielte und einen auf Kumpel mit 20 Jahre jüngeren Spielern machte? Oder Bundestrainerin Silvia Neid anhimmelte, wie cool sie doch ist? – Richtig: Berufsjugendlich und peinlich vermutlich.

Gieselmanns Chef Philipp Köster stößt zwar bei meedia.de grundsätzlich ins gleiche Horn, kann aber im Gegensatz zu mir immerhin den Kommentaren von Tom Bartels noch etwas abgewinnen, den ich persönlich noch immer hart an der Grenze zum Rassismus finde, wenn er beispielsweise über das ach so große Chaos bei der Nationalmannschaft Kameruns referiert und dabei unterschwellig zwischen den domestizierten disziplinierten Deutschen wie Joel Matip und Eric Maxim Choupo-Moting und dem Rest der Elf unterscheidet.

Wie schmal der Grat vom »Partypatriotismus« hin zum Nationalismus und Rassismus ist, hat sich leider während des Spiels Deutschland gegen Ghana in den sozialen Medien abgebildet. ZEIT online hat es aufgegriffen und einen sehr lesenswerten Artikel dazu verfasst.

Von Relevanz ist auch das Portrait von Mario Balotelli, das ZEIT online zeichnet – weil auch deutsche Medien so gut wie nie auf die überragenden fußballerischen Fähigkeiten des Stürmers eingehen sondern sich fast ausschließlich auf seine Extravaganzen kaprizieren. Und weil das, was Balotelli in Italien erfährt, auch immer noch für Mesut Özil und Co. In Deutschland gilt.

Dabei täten uns doch eigentlich so ein paar jungsche George Bests ganz gut. Denn, mal ehrlich, Deutschland hat eine Nationalmannschaft aus lauter Schwiegersöhnen, die ihre Tattoos wie zum Beweis auf der Haut tragen, dass sie doch ganze Kerle sind. Dazu passend hat der DFB einen Bundestrainer mit niedlicher i-Namensendung, den Jogi, den David Hugendick in seiner Gesellschaftskritik ganz passend als Prototyp des »Gouvernantenhaften« nennt. Doch der einzige deutsche Nationalspieler, der nicht Schmelz hat sondern Schmiss, ist Kevin Großkreutz. Und mit dem haben die Chef-Empörer von der Bild ein ganz linkes Spiel gespielt, wie Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück aufdeckt.

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2 Antworten auf Fußball-WM, Beckenbauer, FIFA, Balotelli: Empfehlenswerte Beiträge

  1. Danke für die positive Erwähnung und Verlinkung. Das mit der Quelle der Einnahmen werde ich noch in den Artikel einfügen.

    Hier listet die Fifa selbst die Einnahmen aus der WM in Südafrika auf:

    “93 Prozent der Einnahmen der FIFA während der genannten Periode stammen aus Wettbewerbserträgen. Der größte Wettbewerb war auch der ertragreichste: So brachte die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ USD 2.408 Mio. des FIFA-Gesamtertrags von USD 2.448 Mio. durch den Verkauf von TV-Rechten ein und zusätzlich USD 1.072 Mio. der USD 1.097 Mio. durch den Verkauf von Marketing-Rechten. Insgesamt war Südafrika 2010 für 87 Prozent des Gesamtertrags der FIFA verantwortlich.”

    Quelle: http://de.fifa.com/aboutfifa/finances/income.html

  2. Wunderbare Artikelschau! Chapeau!

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