Fußball-WM: Geld verdienen wollten alle

Buckelkrämer überall

Im Sommer gab es WM-Bier und WM-Brot und WM-Würstchen und WM-Schminke und WM-Chips – ganz zu schweigen von all den Fähnchen, Perücken, Papierketten und Autospiegel-Präservativen in gemeinfreiem Schwarz, Rot und Gold. In jedem 08/15-Supermarkt waren Wimpelketten zwischen den Kassen gespannt, in jeder Zeitungsbeilage fanden sich zig leichtgeschürzte Sambatänzerinnen, stets fröhlich und strahlend lächelnd, bis zur vermeintlichen Makellosigkeit retuschiert. Daran mag nichts verwerflich sein – aber glaubt man der Berichterstattung im Vorfeld, hätte es all das gar nicht geben dürfen, wo doch die böse FIFA angeblich alles reglementiert und kontrolliert hat.

Erst neulich habe ich aus dem Seitenfach der Fahrertür meines Wagens so ein Kärtchen gefischt, das einem seriöse Geschäftsleute so gern ans Auto pappen für den Fall, dass man seine Karre verkaufen möchte und sich nicht so genau dafür interessiert, ob die alte Mühle dann anschließend ohne verkehrssicher zu sein etwa nach Afrika verscherbelt wird und dort die Umwelt verpestet. (Zur Erklärung: Afrika, das ist da, wo die Menschen wegen der Ice Bucket Challenge zu wenig Wasser haben, weswegen es moralisch geboten ist, sich diesem »Hype« unbedingt zu verweigern und bloß kein Mitgefühl mit ALS-Kranken aufkommen zu lassen …)

Ich könnte inzwischen ganze Alben mit solchen Kärtchen füllen. Auf den wenigsten davon dürften übrigens Autos zu sehen sein. Stattdessen hatte ich schon Kärtchen mit Marienkäfern drauf, mit Blümchen drauf, mit Tom und Jerry darauf und mit Kätzchen drauf. Und das jüngste Exemplar zeigte eine den WM-Pokal hochreckende Hand vor schwarz-rot-goldenem Hintergrund. Das zeigt: Mit der WM hat noch der kleinste Buckelkrämer versucht, Kohle zu machen. Und er durfte es. Die angeblich so böse, mafiöse FIFA ist nicht eingeschritten.

Natürlich kann und darf man die FIFA kritisieren. Ich finde nur, wenn man das macht, dann bitte tunlichst auch so, dass es kein Elfmeter ohne Torwart ist, die Kritikpunkte zu widerlegen. Veraltete, in anderen Zusammenhängen geführte Interviews, Gespräche mit Personen, die längst nicht mehr auf ihren Posten sind (ohne dass dies Erwähnung findet) oder Behauptungen, die schlicht falsch sind, sind eher dazu angetan, die Kritiker unglaubwürdig zu machen als die FIFA.

So wurde zum Beispiel recht fleißig behauptet, die FIFA zahle keine Steuern. Das ist aber falsch. Eine weitere Behauptung war, die FIFA käme ihren eigenen Vereinszielen nicht nach. Auch das lässt sich so nicht behaupten. Es gibt das Programm Goal, die Initiative Handschlag für den Frieden, Fußball-Camps und zahlreiche andere Aktionen mehr, mit denen die FIFA den Fußball auf der Welt stärken will und sich für die Völkerverständigung einsetzt. Wann immer sich eine große europäische Mannschaft irgendwo gegen einen »Fußballzwerg« schwer tut, weil auch der inzwischen professionelle Rahmenbedingungen und Strukturen hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dies auch mit den Förderprogrammen der FIFA zu tun hat. Ganz abgesehen davon muss eine sich über Jahre hinnziehende weltweite Mammutveranstaltung wie die Fußball-WM schlicht von jemandem organisiert werden.

Selbstverständlich lässt sich trefflich darüber diskutieren, ob die FIFA nicht auch noch andere Ziele verfolgt und ob sie nicht wie anders und höher besteuert gehört. Ich tue mich nur fürchterlich schwer damit, wenn bei dieser Kritik mit zweierlei Maß gemessen wird. Will sagen, vor allem dann, wenn plötzlich unschuldige Lieder pfeifend in die andere Richtung geblickt wird, sobald es um Deutschland geht. Mauscheleien bei der WM-Vergabe, das gibt es grundsätzlich nur bei den Negerlein Afrikanern, Arabern und Russen.

Was wurde zum Beispiel nicht alles geschrieben über das Stadion in Manaus – wie wenig nachhaltig sein Bau ist, wie unsinnig und unwirtschaftlich. Nun, ich kann jedem ganz ohne BWL-Studium genau sagen, wie sich so ein Bau rechnet: Er bietet Beschäftigung für ein Architekturbüro, Ingenieure, Statiker, Zulieferbetriebe, Baustoffhändler, zig Bauarbeiter, Elektriker, Anlagenmechaniker, Medienelektroniker, Straßenbauer und Greenkeeper. Natürlich nur kurzfristig – aber, hey, liebe Leute: Das nennt sich Kapitalismus und ist die Wirtschaftsform, für die wir uns alle entschieden haben und die auch nur vorsichtig zu kritisieren aus einem sofort einen »Linken« von zweifelhafter Zurechnungsfähigkeit macht.

Das deutsche Manaus liegt übrigens im Osten, hier in Leipzig (oder in Berlin-Brandenburg an einem gewissen Flughafen, oder in Stuttgart in einer Bahnhofs-Baugrube oder in Hamburg am Elbufer …). Das frühere Zentralstadion wurde im Vorfeld des »Sommermärchens« 2006 umfassend umgebaut und renoviert – für drei Spiele beim Konföderationen-Pokal und fünf bei der WM im Jahr darauf. Bis RB Leipzig daher kam, wurde das Zentralstadion danach nur noch für unterklassigen Fußball genutzt. Einmal im Jahr kommen vielleicht noch AC/DC, Genesis oder Herbert Grönemeyer vorbei und machen die Bude voll. Ansonsten finden dort so weltbewegende Veranstaltungen wie der Abschlussgottesdienst des Deutschen Evangelischen Posaunentags oder das Abschiedsspiel von Michael Ballack statt.

Noch viel schlimmer sieht es in Aachen oder Duisburg aus – beides keine Spielorte der WM 2006, nichtsdestoweniger aber auf den Zug des damaligen Baubooms aufgesprungen. Heute spielt der MSV in der dritten Liga, Alemannia gar in der Regionalliga, und die unrentablen Stadionprojekte haben im Zweifelsfall jetzt die klammen Gemeinden an der Backe. Nun mag niemand den Lizenzentzug für den MSV Duisburg oder die Insolvenzen von Alemannia Aachen vorausgesehen haben, aber von Weitsicht zeugen die dort jeweils getätigten Stadioninvestitionen dennoch nicht. Aber als die Möglichkeit da war, kurzfristig vom Fußball zu profitieren, wurde sie eben genutzt.

Als die WM lief, war übrigens auch bei ARD und ZDF nicht mehr viel zu sehen von Kritik. Beide Sender waren brave Vertragspartner, die sich bis hinein in die falsche Schreibweise »FIFA Fussball-Weltmeisterschaft« an alle Vorgaben hielten. Auch die Werbung bei den Öffentlich-Rechtlichen hat sich seit der WM verändert. Wo sonst bevorzugt Rentner-Reklame für Treppenlifte, Apothekenprodukte und Gebissreiniger läuft, gab es mit einem Schlag hippe Spots von Wettanbietern, in denen ein computeranimierter Cristo Redentor mit dem Ball jonglierte. Bei den Heimsendern des »Wort zum Sonntag« und der evangelikalen Talk-Haubitze Peter Hahne war der unbedarfte Umgang mit einem religiösen Symbol offenbar kein Problem. Der schnöde Mammon ließ grüßen.

Die Sponsoren des deutschen Fußballs, von der Bierbrauerei bis zum Automobilhersteller, traten für die Dauer der WM ebenfalls klaglos hinter die Premium-Partner der FIFA zurück – besser eingeschränkt mit und bei der Weltmeisterschaft werben als gar nicht, war das Motto.

Machen wir uns also nichts vor: Im Fußball steckt Kohle, jede Menge Kohle – und wenn es darum geht, etwas davon abzubekommen, sind alle unterm Strich nur Buckelkrämer – die einen mehr, die anderen weniger, die einen größer und die anderen kleiner.

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