Gentests beim FC Barcelona

Rückwärts immer, vorwärts nimmer!

Es gibt grundsätzlich zwei Sphären des Fußballs: Die knallhart reale des kommerziell ausgerichteten, professionellen Spitzensports und die schwärmerisch-nostalgische, bisweilen sogar archaische der Stammtische. Beide haben eine Schnittmenge, könnten aber im Grunde genommen unterschiedlicher nicht sein. Denn die Realos des Profisports müssen stets auf der Höhe der Zeit sein, während die Fundis des Fußballs Neuerungen tendenziell immer erst einmal ablehnen. Während in den Leistungszentren schon längst hochtechnisiert gearbeitet und vom Rasenwachstum bis zur Materialforschung für die Trikots alles wissenschaftlich untersucht wird, sehnt sich der Fußballfreund von nebenan immer noch nach Pickelhauben-Sport mit klobigen Lederschuhen, zentnerschweren Wolltrikots und unrunden, holpernden, dafür aber handgenähten Schweinsblasen-Bällen.

Vergangenen Dienstag war’s, da amüsierte sich der Bitburger Fantalk bei sport1 – anerkanntermaßen also die Expertenrunde für wissenschaftliche Themen schlechthin im deutschen Fernsehen (noch vor Galileo, der Sendung mit der Maus und Akte X) – mit so bekannten Fachleuten für Medizin wie Oliver Pocher, Thomas Herrmann, Mario Basler, Peter Neururer und Giovanni Zarrella – über die Gentests, mit denen der FC Barcelona Verletzungsprävention betreibt.

Grundlage war wahrscheinlich ein kurzer Agenturtext, der sich abgewandelt bei den verschiedensten Medien findet. (Einfach mal »FC Barcelona« und »Gentests« in die Suchmaschine eingeben.) Wirkliche Einblicke jedenfalls erhält man allein schon ob der Kürze der Meldung nicht, aber wen interessieren auch schon Details und Hintergründe, wenn er sich genau so gut unreflektiert über etwas mokieren kann?

Erwartungsgemäß gab es also allerlei »Hohoho!« und »Hahaha!«, Mario Basler plädierte für mehr Bier- und Zigarettenkonsum im Fußball, derweil Neururer und Pocher witzelten, demnächst gebe es dann ärztliche Bulletins mit der Verletzungsursache »Gendefekt«. Klar, weil Gendefekte ja auch etwas so wahnsinnig Witziges sind. Ach ja, Fußball gespielt wurde übrigens auch noch. Es war der Dienstag, an dem Bayern München (trotz Verletztenmisere) beinahe Juventus Turin demontiert hätte.

Fakt ist, schon die alten Römer ließen den Gladiatoren, den Spitzensportlern ihrer Zeit, die beste medizinische Behandlung und Ernährung zukommen – und das bedeutet selbstverständlich, die fortschrittlichste Behandlung und nicht die von Anno Tobak.

Es versteht sich von selbst, dass die alten Römer dabei auch Sachen gemacht haben dürften, die nach heutigen Maßstäben völlig sinnlos oder sogar kontraproduktiv gewesen sind. Die Wahrscheinlichkeit ist also recht groß, dass auch die heute neuen Behandlungsmethoden des FC Barcelona in zehn oder zwanzig Jahren als veraltet gelten. Nur: Das, was die Herren Experten im Bitburger Fantalk gern hätten, einen Fußball nach alter Väter Sitte, mit Quarzen, Saufen und Fastfood, das ist heute schon veraltet. Möglicherweise ist genau darin aber auch der Grund zu suchen, warum Neururer und Basler von Trainerjob zu Trainerjob bei Weltvereinen eilen. Nicht.

Nein, sie werden beim FC Barcelona nicht das Fußballer-Gen finden und auch nicht das Anti-Fußballer-Gen. Ich wage mal die Behauptung, auch in Zukunft wird der Fußball ein Tummelplatz sein für Kleine, Große, Flinke und Rustikale gleichermaßen. Sie suchen bei den Katalanen schließlich nicht die Formel für den optimalen Fußballer, sie suchen nach Hinweisen auf Veranlagungen für bestimmte Verletzungen. Das ist kein Hokuspokus sondern allenfalls der nächste Schritt zur Perfektionierung. Ob die wiederum so wünschenswert ist, darüber ließ sich trefflich diskutieren. Aber eines ist sicher: So reich sie beim FC Barcelona auch sein mögen, sie werfen sicher nicht haufenweise Geld zum Fenster heraus für etwas, das nichts bringt.

Aber so sind sie eben, die Fußballkommentatoren. Immer hübsch rückwärtsgewandt. Dazu passt auch, dass die katalanischen Gentests in einschlägigen Foren einerseits als Voodoo abgetan, andererseits aber mit Voodoo beantwortet werden. Nicht die fortschrittliche medizinische Betreuung beim Champions-League-Sieger soll nämlich der Grund für die wenigen Verletzten sein sondern das konstant schöne Wetter. Na dann.

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