Gina-Lisa Lohfink, Sara Carbonero, Lena Gercke und Sarah Brandner

Von Spielerfrauen und Boulevardgeschöpfen

Die Medien haben mal wieder etwas ganz Sensationelles herausgefunden: Wie erst jetzt heraus kam, haben Fußballer ein Privatleben. Sie haben Partnerinnen. Weibliche Partnerinnen! Frauen! Gerüchten zufolge werden sie mit diesen sogar intim. Und – jetzt kommt’s! – das Größte ist: Diese Partnerinnen haben Beine! Und sogar Brüste!

Iker Casillas ist mit Sara Carbonero zusammen!!!

Wie? Das wussten Sie schon? – Na ja, okay, Sie haben Recht, da gab es ja auch diese öffentliche Kussszene vor laufender Kamera, die man sich heute noch jederzeit auf Youtube und zig anderen Portalen ansehen kann. Mein Fehler. Aber wussten Sie schon, dass Bastian Schweinsteiger mit Sarah Brandner zusammen ist? – Oh. Wussten Sie auch schon. Tja. Wie wäre es dann mit Mats Hummels und Cathy Fischer? – Schlägt Ihnen Ihre Suchmaschine als vierten Treffer vor, sobald Sie auch nur »Mats« eingegeben haben. Mann, jetzt wird’s aber schwer … Warten Sie! Ich hab’s! – Sami Khedira und Lena Gercke! Na? Naaa? – Ach, kommen Sie, irgendwas davon muss Ihnen doch neu sein, irgendwas davon muss Sie doch überraschen! Schließlich wird das Thema »Spielerfrauen« wieder und wieder durch den Wolf gedreht, seit die Europameisterschaft läuft – und das würde es doch nicht, wenn es keinen Nachrichtenwert hätte und eh schon jeder weiß, wer mit wem und überhaupt und so.

Man möge mir meinen Sarkasmus verzeihen, aber mir geht die Berichterstattung über die Frauen und Freundinnen der Spieler einfach nur noch tierisch auf den Zeiger. Und zwar nicht, dass über sie berichtet wird sondern wie. Denn was sagt das aus, wenn im Jahr 2012 immer noch darüber berichtet wird, dass Lena Gercke eine kurze Jeanshose anhatte? Was sagt es aus, dass Frauen irgendwie immer noch grundsätzlich von unten nach oben gefilmt werden und ihr Gesicht als letztes gezeigt wird? Ist es irgend eine Erkenntnis, dass Frauen Beine haben? Oder Brüste? Und sind die wichtiger als der Kopf?

Ich jedenfalls gehe hoffnungsvoll davon aus, dass Casillas, Schweinsteiger, Hummels und Khedira etwas für ihre Freundinnen empfinden, das über körperliche Anziehung hinaus geht. Liebe zum Beispiel, oder Wertschätzung. Vielleicht schätzen sie sogar die Klugheit ihrer Freundinnen. Es soll ja theoretisch Männer geben, die Intelligenz attraktiv finden – und hübsche Frauen, die tatsächlich obendrein auch noch klug sind. Zumindest bei Sarah Brandner glaube ich Anzeichen von Klugheit ausgemacht zu haben. Allein für die Aussage, dass sie so wenig »Spielerfrau« ist, wie Schweinsteiger »Model-Mann«, könnte ich sie herzen.

Ich brauche entsprechend auch keine Andrea Kaiser, die mir, weil selbst »Spielerfrau«, gefühlig erklärt, dass »der Sami und die Lena wirklich ein ganz süßes Paar sind«. Ich hoffe, dass sie’s sind. Denn alles andere wäre ja auch doof. Nicht-süße Paare, die nicht zusammen passen und sich ständig streiten, haben in Sachen Beziehung nämlich das Thema verfehlt und nicht kapiert, worum es dabei geht.

Vielleicht hätte ich schon etwas ahnen können, als vor der EM die Story um Gina-Lisa Lohfink und Jerome Boateng fliegen gelassen wurde. Man muss sicherlich nicht mögen und nicht verstehen, was Frau Lohfink tut. Mir persönlich ist es zum Beispiel völlig schleierhaft, wie jemand in einer Gesellschaft wie der unseren, die ansonsten ständig auf Leistung und Wachstum abstellt, Geld mit etwas so Unproduktivem verdienen kann, wie damit, »im Gespräch zu bleiben«.

Doch es sei. Sauer aufgestoßen ist mir an dieser Episode nur die verdruckste Art, wie über Frau Lohfink berichtet wurde. Jeder wusste ihren Namen, jeder wusste, von wem die Rede war. Trotzdem wurde sie zum »Boulevardgeschöpf«, zur »Boulevard-Blondine« und dergleichen mehr, als dürfe man ihren Namen wie den von Lord Voldemord nicht nennen, und diese ganze banale Nichts-genaues-weiß-man-nicht-Story aufgeblasen, als sei Frau Lohfink eine Art moderner Delila, die Samson Boateng die Kräfte raubt.

Ach ja, und dann war da auch noch Richard David Precht, der uns ebenfalls allerlei Sachen erklärte, die ohnehin schon jeder weiß. Dass Fußball ein Religionsersatz ist zum Beispiel, oder dass der sportliche Wettkampf dem Abbau von Frust und Feinseligkeit dienen kann – samt und sonders Erkenntnisse, für die es nun wahrhaftig keinen Philosophen erfordert. Und zu dem Schluss, dass die »Volksaggressivität« in Deutschland abgenommen hat, muss man nicht unbedingt kommen, wenn man Ingo Zamperoni heißt oder Kevin-Prince-Boateng und Michael Ballack gefoult hat.

Besonders apart finde ich aber Prechts Erkenntnis, die Anwesenheit von Frauen habe »den Fußball zivilisiert«. Oh je, oh je, das wirkt dann doch irgendwie arg aus der Zeit gefallen. Es erinnert mich an eines meiner Seminare in Amerikanistik, in dem es um den Wilden Westen als großen Entstehungsmythos der USA ging. Und Teil dieses Mythos ist die den zu Aggressivität, Trunksucht und Müßiggang neigenden Mann zivilisierende Frau.

Und zu schlechter Letzt: Der kicker hat 13 Mann bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine vor Ort – 13 Mann und nicht eine einzige Frau. Thomas Helmer begrüßt bei EM Aktuell »die schnuckelige Steffi Brungs« an seiner Seite. Das ZDF lässt Katrin Müller-Hohenstein von Usedom aus das Rahmenprogramm zur EM moderieren – und zwar in des Wortes schlechtestem Sinne. Aber nicht ein Spiel der Europameisterschaft – nicht ein einziges, nicht einmal ein unwichtiges Vorrundenspiel – wurde bei ARD und ZDF von einer Frau kommentiert. Dabei hätte es doch echt nur besser werden können.

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