Joachim Löw: Fehler in der Kaderzusammenstellung für die EM

Als ob es keine Stürmer gäbe

Im Moment sind sich alle Experten verdächtig einig: Fußball-Deutschland fehlen die Stürmer. Und die Außenverteidiger sowieso. Und also richten sie den Blick in die Zukunft. In der Ausbildung müsse wieder größeres Augenmerk auf diese Position gelegt werden. Dabei gibt es Mittelstürmer zu genüge. Joachim Löw hat sie nur nicht mitgenommen.

Es ist nach jedem Turnier die selbe Leier: Bleibt Joachim Löw Bundestrainer oder geht er? Schon nach dem WM-Sieg vor zwei Jahren in Brasilien orakelte etwa Mehmet Scholl, Löw werde nun, auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Nationaltrainer, abtreten und als Vereinscoach zu einem Spitzenklub gehen. Gekommen ist es bekanntlich anders. Löw, ganz schwäbischer Hausmann, blieb bei Bewährtem. Man könnte sagen: Er setzte auf Kontinuität. Man könnte aber auch sagen: Er hatte vielleicht gar keine Alternativen.

Nun ist es in Deutschland traditionell eher ungewöhnlich, dass ehemalige Nationaltrainer Vereinstrainer werden. Berti Vogts durfte sich nach seiner Zeit beim DFB einmal kurz an der Seitenlinie von Bayer 04 Leverkusen ausprobieren. Er hatte viele Ideen, die ihrer Zeit voraus waren. Eine lange Verweildauer hatte er nicht.

In anderen Ländern gibt es diese gläserne Mauer zwischen Vereinen und Verband nicht – siehe Antonio Conte, siehe Fabio Capello, siehe Louis van Gaal, siehe Guus Hiddink. Die mangelnde Durchlässigkeit in Deutschland mag ein Grund sein, warum Joachim Löw auf Nummer sicher geht. Als ehemaliger deutscher Nationaltrainer wird er aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Bundesligaverein mehr übernehmen können – warum auch immer das so ist. Ihm bliebe nur der Gang ins Ausland.

Vielleicht wird Löw aber auch nicht zugetraut, einen Verein zu trainieren, denn das würde bedeuten, er muss jeden Tag mit der Mannschaft arbeiten, muss sich mit Widrigkeiten wie auslaufenden Verträgen, Wechselwünschen, mit Spielerberatern, mit schwierigen Charakteren auseinandersetzen – mit Spielern, die er nicht einfach zu Hause lassen kann, die er nicht einfach aussortieren, ja deren Aufstellung er nicht einmal in seiner gewohnten Art auf die lange Bank schieben kann. Vielleicht ist Joachim Löw in Vereinskreisen gar nicht so nachgefragt, wie Orakel Scholl das einst vermutete. Es spricht einiges für diese These.

Ich gebe zu, ich bin kein Fan von Joachim Löw und irgendwann schreibe ich sicher einmal einen Artikel darüber, warum das so ist. Aber ich bin gerade jetzt weit davon entfernt, den Stab über Löw zu brechen, denn ich halte das Erreichen des Halbfinals bei einer Europameisterschaft nach wie vor für eine große Leistung und das Ausscheiden im Duell gegen den Gastgeber nach einem sehr guten Spiel auf Augenhöhe für alles andere als ehrenrührig.

Dennoch wird es Löw zu einfach gemacht, wenn jetzt alle Experten in seltener Eintracht den Blick in die Zukunft richten, von Davie Selke oder den aktuell bei der U-19-Euroameisterschaft aktiven Spielern oder sonstigen Nachwuchskräften die »Lösung des Sturmproblems« erhoffen. Wie es mit diesen Spielern weiter geht, weiß niemand. Eine Verletzung, eine Formkrise, ein falscher Vereinswechsel und es kann Essig sein mit der einst so hoffnungsvollen Karriere.

Es ist die Aufgabe von Joachim Löw und seinem Trainerteam, sich im Hier und Jetzt um die Nationalmannschaft zu kümmern. Die Erfahrung lehrt, dass im letzten halben bis Dreivierteljahr vor einem Turnier immer noch mal Spieler auftauchen, die vorher niemand auf dem Zettel hatte. Aber es kann unmöglich das Konzept sein, darauf zu bauen.

Miroslav Klose (und Philipp Lahm) sind vor zwei Jahren aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten. Spätestens seitdem war klar, auf welchen Positionen Handlungsbedarf besteht. Joachim Löw hatte zwei Jahre Zeit, Lösungen zu finden. Sie bestanden darin, dass er auf den Außenpositionen in der Abwehr munter positionsfremde Spieler ausprobiert hat und im Sturm die gesamte Qualifikation über auf diverse »falsche Neunen« setzte. Erst kurz vor der EM fand ein Umdenken statt und Löw nominiere mit Mario Gomez immerhin einen sogenannten »Stoßstürmer«. Wie wir jetzt wissen, war das zu wenig.

Dabei ist es, anders als die aktuellen Diskussionen suggerieren, jedoch nicht so, dass es keine Mittelstürmer und keine Außenverteidiger gäbe. Sie heißen Stefan Kießling, Pierre-Michel Lasogga oder Max Kruse und es kann, gerade im Fall des Leverkuseners, nur spekuliert werden, worin ihre Defizite oder Vergehen liegen, derentwegen sie von Löw nicht mehr berufen werden.

Bei Borussia Dortmund, dem besten deutschen Vizemeister aller Zeiten, spielen Marcel Schmelzer und Gonzalo Castro, beide mit reichlich Erfahrung in der Champions League und Letzterer sogar auf beiden Außenbahnen einsetzbar. Bei Hertha BSC spielte ein Mitchell Weiser als Rechtsverteidiger zuletzt lange Zeit ums internationale Geschäft mit; beim Tabellenvierten Borussia Mönchengladbach ist ein Tony Jantschke Führungsspieler, der heute meist in der Innenverteidigung spielt, zuvor aber auch Jahre als rechter Außenverteidiger eingesetzt wurde.

All diesen Spielern ist gemein, dass ihnen andere vorgezogen wurden, die bei schlechter platzierten Vereinen spielen, weniger Erfahrung haben und auf anderen Positionen agieren. Und noch etwas verbindet sie: Sie dürfen als erwachsene Männer und mündige Spieler nicht die Entscheidung treffen, Joachim Löw vor den Koffer zu scheißen und zu sagen: »Was soll’s, ich mache Urlaub!«

Stattdessen müssen sie gute Miene zum bösen Spiel machen und brav sagen, sie halten sich für den Fall der Fälle zur Verfügung. Andernfalls nämlich trifft sie nicht nur der Zorn des Boulevards sondern es droht ihnen auch noch eine Sperre.

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