kicker berichtet nicht über Hitzlspergers Coming Out

Recht und billig

Der kicker hat beschlossen, sich nicht an der Diskussion um Thomas Hitzlspergers Coming-Out zu beteiligen. Damit gibt er all jenen eine Stimme, denen das Thema in der epischen Breite seiner Behandlung auf die Nerven geht – und das ist gut so. Denn es gibt tatsächlich und zum Glück eine erhebliche Anzahl an Leuten, denen es völlig egal ist, ob jemand homo ist oder hetero, ob es nun eine Sportlerin ist oder ein Sportler, eine Ärztin oder ein Arzt oder was auch immer.
Aber: Die Art und Weise, wie der kicker nicht über das Thema berichtet, ist durchaus kritikwürdig.

Vorab: Der kicker mit Chefredakteur Jean-Julien Beer hat das Recht, nicht über ein Thema zu berichten, wenn die Redaktion zu dem Schluss kommt, dass es journalistisch nicht zwingend geboten ist. Jede Zeitung, jede Nachrichtensendung, jeder Blogger und jeder Betreiber einer Facebook-Seite hat das Recht, eine Themenauswahl zu treffen – und Kommentare zu löschen übrigens auch. Das hat nichts mit Zensur zu tun und auch nichts mit Einschränkung der Meinungsfreiheit. Das ist schlicht und ergreifend das Hausrecht, das jeder Mensch (auch privat) hat.

Der kicker also hat beschlossen, von diesem seinem selbstverständlichen Recht Gebrauch zu machen und nicht über die selbstverständliche Sache zu berichten, dass ein deutscher Fußballer homosexuell ist. Gute Sache eigentlich, denn das ist es ja, was angestrebt werden sollte: dass die Sexualität eines Menschen egal ist, kein Thema, ein in China umgefallener Sack Reis.

Ist der kicker also nur seiner Zeit voraus, quasi eine Postille der Progressivität?

Nicht ganz. Denn er ist nicht konsequent. In der Printausgabe vom Donnerstag, 9. Januar, erklärt Beer den Verzicht auf das Coming-Out-Thema vorauseilend damit, es gebe »so viel Interessanteres und Wichtigeres zu berichten«. Nun wäre eine solche Rechtfertigung zum einen gar nicht nötig, und zum anderen bleibt offen, was so interessant sein soll, mitten in der Winterpause einer von totaler Bayern-Dominanz geprägten und entsprechend langweiligen Bundesliga. Die im Heft behandelten Themen jedenfalls hören sich nicht an wie ein Brüller.

Aber es sei. Gehen wir also mal davon aus, dass sich der kicker einfach nur ganz bewusst auf die Brot-und-Butter-Themen des Fußballs beschränken will. Dass er sein letztes noch verbliebenes Alleinstellungs- und Unterscheidungsmerkmal bewahren will, das ihn von BILD, Express und Co. trennt. Dass er sich treu bleibt und nicht über das Privatleben von Spielerinnen und Spielern schreiben will. Dass er seine Inhalte nicht aus Klatsch und Tratsch und Twitter-Fotos und Facebook-Posts bestreiten will. Das wäre immerhin eine Wohltat.

Aber da ist ja noch die Begründung Beers. Darin schreibt er, der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger habe das Thema »in einer fast schon beängstigenden Form (…) staatsmännisch anmaßend zu einem zentralen Problem des Fußballs erhoben«. Und das ist eine Formulierung, bei der sich mir langsam aber sicher die Nackenhaare aufstellen. Denn man muss Theo Zwanziger nun wahrhaftig nicht mögen, aber seinen Einsatz gegen Diskriminierung Homosexueller mit solchen Worten abzuwerten, ist eines Journalisten unwürdig.

Überhaupt: Aufdringlich kann man Zwanziger meinetwegen gefunden haben, monothematisch oder von mir aus auch schlicht nervig. Aber »beängstigend« ist doch irgendwie schon eine recht entlarvende Wortwahl mit wenig progressivem Anklang. Es klingt ganz so, als sei nicht Toleranz der Grund für die kicker-Redaktion, das Thema zu meiden, sondern vielmehr ein spießiges, reaktionäres Unbehagen, das in einem Vermeidungsverhalten mündet.

Wenn der kicker als Begründung angeführt hätte, dass er grundsätzlich nicht über private Themen von Spielern schreibt (und es bei dieser Begründung belassen hätte) – ich hätte diesen Standpunkt akzeptieren können, auch wenn sich Hitzlsperger ja nun bewusst dazu entschieden hat, Privates öffentlich zu machen. Aber der kicker brüstet sich in der Printausgabe damit, gegen den Strom zu schwimmen, und hat doch gleichzeitig online zeitweise ein halbes Dutzend Artikel zu dem Thema eingestellt. Das ist doch arg schizophren. Klicks generieren, indem man mal eben schnell eine Fotostrecke baut oder auf Hitzlspergers Homepage zu »seiner Erklärung im Wortlaut« verlinkt, dafür war das Thema wohl gut genug.

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