Klopp-Ausraster in der Champions League

Spießer-Debatte

Ich wundere mich echt zunehmend, in was für einem spießigen Land wir doch leben. 14-Jährige wählen in Tests mehrheitlich die Union, der »Stinkefinger« eines Politikers taugt zum Aufreger und Jürgen Klopps Ausraster im Champions-League-Spiel gegen den SSC Neapel ruft sogleich Forderungen nach Mäßigung nach sich. Da kommt mir doch irgendwie sofort Pink Floyds The Wall in den Sinn, denn gewünscht werden offensichtlich nur noch im Gleichschritt marschierende Roboter.

Rückblende: Letzter Spieltag der Saison 2002/2003. Der FSV Mainz 05 verpasst in buchstäblich letzter Sekunde den Aufstieg in die Bundesliga. Teile der Fans von Eintracht Braunschweig – an diesem letzten Spieltag Gegner der Rheinhessen und abgestiegen – lassen ihrem Frust hemmungslos freien Lauf und verhöhnen die am Boden zerstörten Mainzer Spieler und Verantwortlichen. Und Jürgen Klopp erträgt es. Er lässt sich nicht provozieren, nicht zu einem Ausraster hinreißen, obwohl jedem auch nur leidlich mitfühlenden Menschen mit einem Funken Sportsgeist eigentlich hätte die Galle hochkommen müssen. Aber der Mainzer Trainer bewahrt Haltung, tröstet, richtet seine Spieler wieder auf und nimmt irgendwann sogar seinen Sohn in den Arm, um mit ihm zu weinen. Die selbst in diesem intimen Augenblick auf ihn gerichtete und sich an seinen Gefühlen weidende Kamera ignoriert er.

Diese Szene hat sich mir damals eingebrannt, weil ich sie einfach nur großartig fand (und bis heute finde). Sie ist für mich ein Musterbeispiel für das, was im Englischen grace under pressure genannt wird – Beherrschung, Würde und Menschlichkeit zeigen in einem Moment, da man das Gefühl hat, um einen herum bricht gerade alles zusammen und gleichzeitig verliert man den Boden unter den Füßen. Ich fand das damals stark von Klopp, und ich fand es vorbildlich, als Mensch, als Sportler und als Vater.

Oh, natürlich hätte ich als vierter Offizieller gestern einen Klops in der Hose gehabt, wenn da auf einmal ein 1,91-Meter-Kleiderschrank auf mich zurast und temporär das Flutlicht verdunkelt. Aber ich habe echt ein Problem damit, wenn Klopp nun schlankweg mal eben Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit abgesprochen werden, was seine Entschuldigung angeht, und wenn er mit Verweis auf seine »Vorbildfunktion« zur Mäßigung aufgerufen wird.

Erstens: Jemandem die Aufrichtigkeit abzusprechen, ohne die betreffende Person zu kennen und in ihrer Haut zu stecken, ist selbst alles andere als vorbildlich. Und Leute, die ihr Geld damit verdienen, permanent zu emotionalisieren und zu skandalisieren – wie zuletzt zum Beispiel dadurch, dass sie einen Konflikt zwischen Klopp und Nationaltrainer Joachim Löw herbeireden – brauchen erst recht nicht mit dem Finger auf den Dortmunder Trainer zu zeigen.

Zweitens: Liebe Leute, eure Kinder müsst ihr immer noch selbst erziehen – nicht der Staat, nicht die Leute in der Kita, nicht die in der Schule, nicht das Fernsehen und nicht irgendwelche Personen des öffentlichen Lebens. Wer Kinder hat, ist nicht nur erziehungsberechtigt, er ist auch erziehungsverpflichtet. Und wer Kinder hat, muss damit klar kommen, dass die kleinen Racker nun mal immer wieder Sachen machen und Verhalten imitieren, das man selbst nicht gerade prickelnd findet. Kinder machen Blödsinn und Kinder rebellieren, Klopp hin oder her. Lebt damit und heult nicht wie Helen Lovejoy von den Simpsons rum, dass man doch auch mal an die armen Kinderlein denken möge.

Drittens: Wir sind alle gleichwertig, aber nicht alle gleich. Erwachsene dürfen andere Sachen als Kinder, Künstler dürfen in ihrer Kunst andere Sachen als »Normalbürger«, Lehrer dürfen andere Sachen als Schüler, Fahrgastkontrolleure andere Sachen als Fahrgäste, Polizisten im Dienst andere Sachen als Postboten; 18-Jährige dürfen Auto fahren, 16-Jährige hingegen nur Mofa. Ja, es gibt Unterschiede! Ja, es gibt Kontexte, in denen die Dinge zu sehen sind! Ja, das Leben ist manchmal eben ein bisschen komplizierter.

Viertens: Klopps Verhalten Mist, aber Rudi Völler der liebe Onkel Lustig? Meinetwegen kann man ja von Klopp Mäßigung fordern, aber dann sollte, bitte schön, für alle der selbe Maßstab gelten.

Fünftens: Negative Vorbilder für allzu aggressives Verhalten kann man inzwischen die ganze Woche über auf zig Kanälen in Pseudo-Reportagen, Doku-Soaps und Krawall-Talkshows finden. Da würde ich weit eher ansetzen als bei Jürgen Klopp.

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2 Antworten auf Klopp-Ausraster in der Champions League

  1. Thorsten sagt:

    Grundsätzlich nehme ich dem Klopp die Entschuldigung ab und bleibt für mich einer der authentischen Trainer in der Bundesliga. Aber er muss sich echt zusammenreißen, wenn er weiterhin glaubwürdig bleiben will. Denn nach dem xten Ausraster auf dem Feld leidet einfach die Glaubwürdigkeit.

    • Mario Nowak sagt:

      Ja, vielleicht. Aber andererseits: Völler (und auch Hoeneß zum Beispiel, früher auch Assauer) machen das doch auch schon seit Jahrzehnten und teils viel krasser und ohne Entschuldigung – und bei denen finden es alle cool?

      Als Labbadia entlassen wurde, habe ich einen Kommentar aus Stuttgarter Medien gelesen, in dem es hieß, Labbadia sei zu emotionslos gewesen und habe die Gefühlslage im Umfeld des VfL (Entscheidung fürs alte Vereinslogo etc.) nicht begriffen.

      Ja, was denn nun? Der eine zu emotionslos, der andere zu emotional; das passt doch alles irgendwie nicht zusammen und wird sich immer so hingebogen, wie es gerade passt, finde ich.

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