Korruption im Fußball

Wie weit reicht unsere Objektivität?

Der Rücktritt von FIFA-Präsident Joseph S. Blatter mag ein Symbol für die Hoffnung sein, dass auch die vermeintlich oder tatsächlich Mächtigen dieser Welt nicht ungeschoren davon kommen, wenn/falls sie sich etwas zuschulden kommen lassen haben. Aber der eigentliche Prozess der Aufarbeitung könnte schmerzhaft werden. Denn wenn es tatsächlich um die grundlegende Reform eines ganzen Systems gehen sollte, passen Aufklärung und prä-aufklärerische Personifizierung alles Schlechten nicht zusammen.

Wissen Sie, ich halte einfach nichts von Strahlemännern und Strahlefrauen. Ich glaube nicht daran, dass eine einzige Person an der Spitze – egal ob alt, neu oder ausgetauscht – ein System verändert. Ich glaube auch nicht daran, dass eine Person an der Spitze ein System ist.

Dazu lohnt ein kleiner Abstecher in die Politik. US-Präsident Barack Obama etwa war noch nicht vereidigt, da wurde ihm schon der Friedensnobelpreis verliehen. Die Welt gerettet, wie man angesichts der übersteigerten Erwartungen an ihn hätte erwarten dürfen, hat er seitdem jedoch nicht. In den Vereinigten Staaten ist weitgehend alles beim Alten, in der Welt sowieso. Weil eine Person für sich genommen eben noch keinen Systemwechsel bewirkt.

Die Liste ließe sich beliebig erweitern, beispielsweise auf diverse inzwischen gestürzte nordafrikanische Staatschefs, die bis zum Ausbruch der Proteste gegen sie von den hiesigen Medien stets brav als »Präsident« bezeichnet wurden und erst danach als »Diktator«. Was jahrzehntelang offiziell eine »Regierung« war, mutierte über Nacht zu einem »Regime«.

Inzwischen sind wir damit konfrontiert, dass der bloße Austausch von Köpfen oft nicht nur nichts bewirkt sondern es danach sogar noch schlimmer werden kann. Noch radikalere Kräfte können an die Macht kommen, Kriege ausbrechen, Flüchtlingsströme in Gang gesetzt werden.

Angesichts dieser Beispiele frage ich mich, woher der Jubel so vieler Menschen über den Rücktritt von FIFA-Präsident Joseph S. Blatter kommt. »Welch schöner Tag!« lautete nur eine der regelrecht jauchzenden Überschriften, die ich in den Tagen danach gelesen habe. Dabei ist an den Enthüllungen doch zunächst mal überhaupt nichts schön und ändern tut sich durch den Rücktritt allein auch nichts.

Ich verstehe, dass Dinge gern sprachlich zuspitzt werden. Die »Obama-Administration«, die »Regierung Merkel«, das »Assad-Regime« oder eben »das System Blatter«: Auf Namen reduzierte Sinnbilder für komplexe Gebilde, Vorgänge und Umstände. Bedenklich wird es dann, wenn aus der sprachlichen Zuspitzung die Überzeugung wird, der Austausch des jeweiligen Namensgebers würde wie im Märchen alles mit einem Schlag zum Guten wenden. Bedenklich wird es, wenn aus auf Namen reduzierten Sinnbildern sinnbildliche Akte werden. Wenn aus einer Obrigkeitsdenken entlarvenden Haltung heraus Sündenböcke verbrannt werden, deren Asche jedoch in Wahrheit das System weiter düngt.

Damit will ich nicht sagen, dass, übertragen auf die FBI-Ermittlungen gegen die FIFA, im Fußball-Weltverband alles so bleiben sollte, wie es ist. Ich will auch nicht den Teufel an die Wand malen, dass nach Blatter alles noch viel schlimmer werden könnte. Wo sich jemand der Bestechung oder der Bestechlichkeit schuldig gemacht hat, muss er bestraft werden. Wer das in welchen Fällen war, muss sich aber erst noch herausstellen.

Davon losgelöst wird die entscheidende Frage jedoch sein, ob all die heute Empörten und Änderungen Fordernden auch bereit sind, die Folgen zu tragen, die dies zwangsläufig haben wird. Denn wenn bei der WM-Vergabe demnächst auch demokratische Gesichtspunkte, Transparenz, Arbeitsbedingungen und Menschenrechtslage berücksichtigt werden, wird die Welt nicht nur sehr viel kleiner werden sondern auch die Zahl der zu befolgenden Regeln sehr viel größer. Es wird genauer hingesehen werden. Es werden Dinge moniert werden, die nicht ganz astrein sind, aber bislang unter Zudrücken von mindestens einem Auge durchgewunken wurden, obwohl sie ein Geschmäckle hatten.

Wie lange also werden die Rufe nach Aufklärung und Reformen noch anhalten, sollte diese Aufklärung das »Sommermärchen« 2006 erreichen, den DFB, die deutsche Politik oder der Deutschen liebste Kinder wie »Kaiser« Franz Beckenbauer oder den regelmäßig in Katar Station machenden FC Bayern München?

Ich frage mich, wie lange die Rufe nach Sauberkeit und Ordnung wohl noch anhalten werden, sollten sie überschwappen etwa von der ach so bösen FIFA auf die laufenden Olympiabewerbungen von Hamburg und Berlin. Stellen sich Kanzlerin und Minister dann immer noch vor Mikrofone und Kameras und wollen, dass alles ganz genau überprüft wird? Ist Sylvia Schenk von Transparency International auch dann noch die gern zitierte Gute, wenn sie nicht mehr »Blatter-Kritikerin« ist sondern vielleicht auch Hallervorden-Kritikerin, Boateng-Kritikerin oder Bobele-Becker-Kritikerin?

Hoffen würde ich es.

Doch ich fürchte, wenn die Einschläge näher kommen, wenn sie den deutschen Fußball oder den deutschen Sport mit seinen Prestigeprojekten betreffen könnten, dann würde eher die BILD-Zeitung wieder eine Hetzkampagne Telefonaktion starten und ihre am Nasenring durch die Manipulationsmanege geführten Leserinnen und Leser würden schäumend bei den »linksversifften« Verfechtern von Transparenz und Gleichheit anrufen.

Meine Objektivität geht so weit zu sagen: Ja, ich mache den Rücken gerade dafür, dass nicht mit zweierlei Maß gemessen wird. Ich bin für Compliance-Regelungen im Sport, auch wenn ich genau weiß, dass ich irgendwann die Augen rollen werde, weil das so verdammt pedantisch und lästig ist.

Meine Objektivität geht so weit zu sagen: Ja, ich will Aufklärung. Ich will keine Mauschelei, keine Deals in Hinterzimmern, keine unter Hoteltüren hindurch geschobenen Umschläge mit Geld. Mir genügt es nicht, mit dem Finger auf ein paar von »denen« zu zeigen, das Schlechte zu personifizieren und dann nach ein paar symbolischen Opferakten weiter zu machen wie bisher.

Die Frage ist: Geht Ihre Objektivität auch so weit?

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Weltmeisterschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>