Kritik am System Guardiola

Danke, FC Bayern!

In den vergangenen vier Spielzeiten hat der FC Bayern München drei mal das Finale der UEFA Champions League erreicht. In der vorigen Saison hat er den Titel gewonnen, in dieser ist er immerhin noch bis ins Halbfinale gekommen. Kein anderer deutscher Verein hat eine solche Erfolgsbilanz vorzuweisen. Borussia Dortmund musste sich vor dem Endspieleinzug im letzten Jahr sogar noch vorwerfen lassen, dem deutschen Fußball zu schaden; die Europa-League-Teilnehmer aus der Bundesliga rissen nicht viel. Dass der Tabellendritte aus Deutschland trotzdem sicher in der Königsklasse spielt und der Vierte an der Qualifikation teilnehmen darf, ist fast ausschließlich den Münchenern zu verdanken. Daran ändert auch das Ausscheiden gegen Real Madrid nichts.

Zugegeben, dieser Artikel schreibt sich irgendwie fast von selbst. Wären die Bayern am Dienstag gegen Real Madrid doch noch weiter gekommen, hätte ich lediglich den Fokus des Texts ein wenig verschieben müssen. Denn was in den Wochen seit der FCB-Niederlage gegen den FC Augsburg an Kesseltreiben veranstaltet wurde, lässt für mich alles an Maß und Mitte vermissen.

Sage und schreibe 53 Spiele in Folge waren die Bayern bis zu jenem Derby in Augsburg ungeschlagen. 19 Partien in Folge hatten sie gewonnen. Durch die Triple-Saison 2012/2013 waren sie mit einem Start-Ziel-Sieg gepflügt; nur ein Bundesligaspiel hatten sie verloren – und das unverdient. Bis zu jener ominösen Niederlage in Augsburg – die kritikwürdig war, weil sie nicht zu den lehrmeisterlichen Sammer-Predigten an den Rest des deutschen Fußballs passen wollte – sprach alles dafür, dass erstmals in der Geschichte der Bundesliga eine Mannschaft in einer Saison komplett ungeschlagen bleiben würde.

Vor der Augsburg-Niederlage hatte es ein 3:3 daheim gegen Hoffenheim gegeben, danach ein 0:3 zu Hause gegen Borussia Dortmund. Doch schon im Pokal-Halbfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern war das Ergebnis wieder »standesgemäß«. Auch das 5:2 gegen Werder Bremen war unterm Strich souverän. Trotzdem hieß es, der FC Bayern sei aus dem Tritt, verunsichert, nicht mehr so souverän. Und nach dem 0:1 in Santiago Bernabeu war dann alles aus. »Ist jetzt das Triple in Gefahr?«, fragte etwa Sport1 dramatisch.

Nun, das Triple war selbstredend schon seit Saisonbeginn in Gefahr. Schließlich ist im Fußball nicht so alt wie der Erfolg von gestern. Eine Garantie auf den erneuten Finaleinzug oder gar auf die Titelverteidigung (die bekanntermaßen noch keiner Mannschaft in der Champions League gelungen ist) hat es nie gegeben. Wieso also die Hinspielniederlage gegen Real Madrid für die deutschen Kommentatoren eine solche Überraschung, Katastrophe, Sensation gewesen ist, bleibt mir schleierhaft – und wieso ein Weiterkommen gegen die Königlichen ein »Wunder« gewesen wäre, wie etwa die »Rhein-Zeitung« im Vorfeld fabulierte, auch.

Offensichtlich ist völlig aus dem Blick geraten, dass Real Madrid noch immer in allem viel mehr hat als der FC Bayern München – mehr Meistertitel (32), mehr Titel in Champions League bzw. Europapokal der Landesmeister (9), mehr Pokalsiege (19), einen fast doppelt so hohen Personaletat, ein größeres Stadion, einen Privatjet, einen eigenen Fernsehsender und eine Nachwuchsabteilung, die seit Jahren und Jahrzehnten den gesamten spanischen Fußball mit Spielern beliefert – ja, und vielleicht hat Real Madrid auch mehr Schulden als der FC Bayern München. Jedenfalls kann man gegen diesen Klub in der Vorschlussrunde des vermeintlich hochkarätigsten Fußball-Vereinswettbewerbs der Welt durchaus schon mal ausscheiden.

Wenn das Bayern-Aus etwas gelehrt hat, dann allenfalls dies: Cristiano Ronaldo ist vielleicht doch nicht so völlig zu Unrecht Weltfußballer geworden. Und die Leistung von Borussia Dortmund mit all seinen Verletzten beim 2:0 im Rückspiel gegen Real Madrid ist nun vielleicht um so höher einzustufen.

Ansonsten jedoch ist der Erkenntnisgewinn eher gering, zumal das ins Gerede gekommene »System Guardiola« bei Licht besehen so einmalig gar nicht ist. Den angeblich so proprietären »Ballbesitzfußball« haben gerade die Bayern schon unter Louis van Gaal gespielt und unter Jupp Heynckes noch verfeinert. (Und überhaupt ist »so lange wir den Ball haben, kann der Gegner kein Tor schießen« ja nun nicht gerade eine neue Erkenntnis.)

Rotation war schon das große Thema zu Zeiten von Ottmar Hitzfeld. Selbst die starr ihre Position haltenden und nicht einrückenden Außenverteidiger sind kein Novum. Stale Solbakken hat beim FC Kopenhagen überaus erfolgreich so spielen lassen und dann die Erfahrung machen müssen, dass ihm sein System in Deutschland beim 1. FC Köln zerredet wurde. Der kommende italienische Meister Juventus Turin spielt in der Rückwärtsbewegung mit einer Art Fünfer-Kette, in der sich die Außenverteidiger taktisch ähnlich verhalten. Ebenso hält es Inter Mailand.

Auch das 4-1-4-1 hat der FC Augsburg in der Bundesliga schon vor Pep Guardiola praktiziert. Will sagen: Praktisch nichts am »System Guardiola« ist so exklusiv oder gar revolutionär, dass es sich nicht erlernen ließe.

Davon abgesehen hat es im Fußball immer schon unterschiedliche Systeme und Philosophien gegeben. Als seitenverkehrt aufgestellte Außenstürmer, 4-2-3-1 und Ballbesitz als das Nonplusultra in der Bundesliga galten, hat Hannover 96 mit einem Rechtsfuß auf der rechten und einem Linksfuß auf der linken Seite, einem 4-4-2 und Konterfußball gute Antworten gefunden. Noch viel früher gab es sogar mal Zeiten, da galt die Viererkette für deutsche Spieler als zu schwierig und Kaiser Franz Beckenbauer stellte dem Libero eine Ewigkeitsgarantie aus, »weil man damit in der Mitte einen Mann mehr hat und in der Mitte steht nun mal das Tor«.

Wattenscheid 09 ließ trotzdem mit Viererkette spielen. Obwohl die Spieler dort fußballerisch insgesamt sicher weit weniger beschlagen waren als die von Eintracht Frankfurt, Bayern München oder Borussia Dortmund, konnten sie das. Aber vielleicht wusste man bei Wattenscheid mit seinen Durchschnittskickern einfach nicht, dass das unmöglich ist und hat es genau deshalb gemacht.

So oder so würde ich die Schadenfreude über die »historisch« hohe Heimniederlage des FC Bayern München an Stelle der Kritikaster jetzt noch mal genießen, denn das böse Erwachen wird noch früh genug kommen. Ich befürchte nämlich, in München wird man auf die »Krise« wie üblich nur eine Antwort kennen: anderen die besten Spieler wegkaufen. Pep Guardiola hat ja schon angedeutet, neues Personal zu benötigen.

Dieser Beitrag wurde unter Bundesliga, Champions League, Trainer veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>