Lesenswerte Beiträge: Erinnerungen, Rücktritte, Aufreger und Peinlichkeiten

Ich hab’ mich mal umgesehen (2)

Anlass meiner zweiten Artikelschau ist der tragische Tod von Fußballer Andreas Biermann im Juli und der von Schauspieler Robin Williams erst vor wenigen Tagen. Beide litten an Depressionen – eine Krankheit, die immer noch von viel zu vielen Menschen (darunter tragischerweise zahlreiche Betroffene selbst) nicht als solche anerkannt wird.

Manuel Neuer ist Deutschlands frisch gekürter Fußballer des Jahres – nach seinen Leistungen bei der WM verdient und gegönnt, keine Frage. Noch vor dem Final-Triumph der deutschen Nationalmannschaft und der persönlichen Auszeichnung für den Bayern-Schlussmann hat die New York Times in einem lesenswerten Artikel (englisch) daran erinnert, dass vor Neuers Aufstieg zur deutschen Nummer eins Robert Enke im Tor der Nationalmannschaft stand.

Ich finde es schade, dass es einen solchen Artikel nicht auch in den deutschen Medien gegeben hat, und ich habe leider auch nicht unbedingt den Eindruck, dass Robert Enke tatsächlich so unvergessen ist, wie es in dem Artikel heißt – nicht jedenfalls, wenn beispielsweise der kicker ausgerechnet an Enkes Todestag seine Rangliste der »Tops und Flops« herausbringt. (Einer der damals als »Fehlgriff« Titulierten war übrigens Ilkay Gündogan, der sich danach im Rekordtempo zum Weltklassespieler entwickeln sollte …)

Tragische Ereignisse abseits des Fußballs gab es logischerweise auch während der WM zuhauf. So verschärfte sich während des Turniers etwa der ohnehin immer mindestens schwelende Konflikt zwischen dem Staat Israel und der radikalen Palästinenserorganisation Hamas (und auch in der Ukraine und in Syrien schwiegen nicht etwa plötzlich die Waffen). Leider haben sich jedoch auch die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland kollektiv dafür entschieden, dem Fußball alles unterzuordnen, wodurch so manche »Kurve zu hart« geriet, wie das Medienmagazin DWDL.de und Medienjournalist Stefan Niggemeier kritisierten, nachdem das heute-journal des ZDF übergangs- und pietätlos von Tel Aviv (Raketenangriffe) nach Belo Horizonte (frustrierte Fans) geschaltet hatte.

Zu den hysterischen Überspanntheiten der Weltmeisterschaft gehörte auch, dass Tagesschau-Sprecher Jan Hofer unpatriotische Sympathien für Argentinien unterstellt wurden. Schade, dass Chefredakteur Kai Gniffke zu so einem Stuss Stellung nehmen muss. Aber moderate Töne waren während der Weltmeisterschaft einfach verpönt, wie ich selbst wiederholt festgestellt habe. Wohl auch deshalb kommt der Sportsoziologe Albrecht Sonntag im ZEIT-Interview von Christian Spiller zu dem Schluss: »Die WM ist Wahnsinn, weil sie vollkommen maßlos ist. Sie frisst alles auf, das Geld des Staates, Aufmerksamkeit, die woanders liegen müsste, sie frisst auch das Bild auf, das ein Land in seiner Wirklichkeit von sich geben will, weil es in einer Ausnahmesituation dargestellt wird.«

Zu diesem verzerrten Bild Brasiliens gehört auch, dass das Live-Erlebnis Fußball-Weltmeisterschaft für viele arme, dunkelhäutige Brasilianer vor den Stadiontoren zu Ende war. Was der aufmerksame Betrachter schon beim bloßen Blick auf die Tribünen feststellen konnte, belegte der Tagesanzeiger aus der Schweiz. Demnach waren die brasilianischen Stadionbesucher »überdurchschnittlich reich und überdurchschnittlich weiß«.

Apropos »verzerrtes Bild«: Ein weiterer WM-Aufreger war die Beiß-Attacke des uruguayischen Stürmers Luis Suárez – und irgendwie gehört es wohl heutzutage einfach dazu, dass um solche Dinge postwendend Verschwörungstheorien gestrickt werden. Im Fall von Suárez machten auf Twitter jedenfalls sogleich Vorwürfe die Runde, das Bild des empört die Zahnabdrücke an seiner Schulter entblößenden Italieners Giorgio Chiellini sei manipuliert. Tatsache jedoch ist: Bearbeitet waren die angeblich unmanipulierten Bilder. Einen Bericht dazu hat der Guardian verfasst (englisch).

Außerdem gab Per Mertesacker ein Interview bei Boris Büchler vom ZDF, das, sagen wir, ein wenig aus dem Ruder lief. Die Pseudomoralisten von der BLÖD fragten daraufhin sogleich, ob ein Fußballprofi so reagieren darf. David Hugendick von der ZEIT fand: Ja. Die Frankfurter Allgemeine hingegen gratulierte Büchler, während Gregor Keuchnig von begleitschreiben.net Verständnis für Fußballer »In Interviewgewittern« aufbrachte. Für alle, die den Schlagabtausch zwischen Büchler und Mertesacker noch einmal nachlesen wollen, gibt es eine Abschrift bei der Rhein-Zeitung.

Aber wer wollte schon einem Sportreporter wie Büchler und einem nach 120 Minuten WM-Achtelfinale ausgelaugten Fußballer wie Mertesacker ernsthaft den Vorwurf mangelhafter Diskussions- und Streitkultur machen, wenn es daran ansonsten selbst in Polit-Talkshows mangelt? Dort geht es in der Regel schließlich auch nicht um die Sache und den respektvollen Umgang mit Andersmeinenden sondern nur noch um Konfrontation und Zuspitzung. Von daher kann meiner Meinung nach getrost generell an der Sinnhaftigkeit dieses Fernsehformats gezweifelt werden. Maybritt Illner setzte während der WM noch einen drauf, indem sie ihre Gerederunde trotz sich aufdrängender ernster Themen schnöde ebenfalls dem Fußball widmete. Von DWDL.de und der Berliner Zeitung wurde sie dafür mit Recht kritisiert.

Viel Kritik einstecken musste auch Katrin Müller-Hohenstein vom ZDF. Ihre »Peinlichkeiten bei der WM« hat Anne Burgmer von der Berliner Zeitung protokolliert. Auch Burgmers Kollege Martin Weber bekam bei »Herbergsmutter Müller-Hohenstein«, Live-Berichten von Busabfahrten und -ankünften sowie Cathy Fischers Style-Pass allem Anschein nach graue Haare. Derweil hat Bernd Gäbler vom Stern richtigerweise »stilisierte Clips und jubelnde Moderatoren, dafür keine Neugier und kaum Zusammenhänge«als Hauptmerkmale der WM-Berichterstattung von ARD und ZDF ausgemacht.

Dass peinliches Anbiedern indes nicht nur zur WM Konjunktur hat, beweist ein älteres Interview von Christian Ortlepp mit dem unlängst aus der französischen Nationalmannschaft zurückgetretenen Franck Ribéry. Bei mir lässt es die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten wach werden. Dieter Kürten etwa hat mal im Sportstudio ein Gespräch mit Marco van Basten geführt. Der schüchterne Niederländer wollte das Interview wegen seines Akzents eigentlich nicht auf Deutsch geben. Kürten beruhigte seinen Studiogast im Vorfeld damit, so ein niederländischer Zungenschlag mache sympathisch. Daraufhin raunte van Basten dem Moderator während des Gesprächs irgendwann zu: »Ich muss sehr sympathisch sein!«

Ich bezweifle, dass man solche charmanten kleinen Episoden irgendwann mal über Ortlepps Interviews berichten kann. Wohlwollen gegenüber dem Interviewpartner ist das eine – aber dem radebrechenden Nuschler Ribéry ohne Not »perfektes Deutsch« zu bescheinigen, kommt schon einer sechsspurigen Schleim-Autobahn gleich.

Doch zurück zur Weltmeisterschaft. Nach dem Titelgewinn brach naturgemäß die Zeit der Bilanzen an. Nachdem Paul Hofmann im Vorfeld des Endspiels bereits bilanziert hatte, es sei »selten leichter, Weltmeister zu werden«, widmete sein Kollege Christian Spiller Joachim Löw hinterher eine Würdigung, in der er dem Bundestrainer den »Habitus des weltgewandten Intellektuellen« attestierte. Für meine Begriffe bricht Spiller die Gründe für das angebliche oder tatsächliche Fremdeln mit Löw darin auf arg simple und boulevardesque Faktoren herunter (»Weil er enge Hemden trägt und einen modischen Schal. Weil er Wein trinkt. Weil er sich eincremt.«). Überhaupt lag die Messlatte für »weltgewandte Intellektuelle« irgendwie auch schon mal höher, finde ich.

Unabhängig vom WM-Titel ist Löw für mich nach wie vor verdächtig, Spieler seines Ex-Vereins SC Freiburg zu bevorzugen. Die Breisgauer müssen schon traditionell häufig ihre besten Akteure abgeben – und Löw erweckt allzu oft den Eindruck, als wolle er für einen gewissen Ausgleich sorgen, indem er Freiburger zu Nationalspielern und damit teurer macht. Zudem hat Löw in der Vergangenheit immer wieder Defizite an den Tag gelegt, wenn es darum ging, aktiv einen Schnitt zu vollziehen und arrivierte Spieler aus der Nationalmannschaft »zurückzutreten«. Unabhängig vom Weltmeistertitel ist für mich daher die Frage interessant, ob sich das in den kommenden beiden Jahren ändern wird.

Denn inzwischen ist ja bekannt, dass Löw noch mindestens bis zur Europameisterschaft 2016 deutscher Bundestrainer bleiben wird. Persönlich rechne ich aufgrund der Hausmacht, die er sich nicht zuletzt mit der Besetzung des Sportdirektoren-Postens beim DFB durch Hansi Flick geschaffen hat, allerdings eher damit, dass Löw länger Bundestrainer bleiben wird, als Helmut Kohl und Angela Merkel zusammengenommen Regierungschef.

Ein Zitat aus einem vor der WM mit Schweiz am Sonntag geführten Interview indes hätte zumindest die Auslegung zugelassen, dass Löw im Falle eines Titelgewinns zurücktritt. Um bloß keine Unruhe aufkommen zu lassen, drängte der DFB deswegen auf eine Streichung der pikanten Aussage. Inzwischen hat sie Schweiz am Sonntag publik gemacht.

Wie üblich sind nach der WM einige Spieler aus ihren Nationalmannschaften zurückgetreten – neben dem bereits erwähnten Franck Ribéry etwa auch der Ivorer Didier Drogba, der Engländer Steven Gerrard, Miroslav Klose und Philipp Lahm. Für Letzteren schrieb Steffen Dobert von ZEIT online zum Abschied so etwas wie die ultimative Lobhudelei, in der er auch Lahms Ausflug ins »literarische Fach« hervorhob und ihm eine »perfekte Karriere« bescheinigte.

Ein bisschen viel vielleicht für einen so normalen Vorgang wie einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft nach einem Titelgewinn. Aber Lahm hat der ZEIT in den vergangenen Jahren ja auch so einige Exklusivinterviews gegeben, da wird man sich doch noch revanchieren dürfen …

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Eine Antwort auf Lesenswerte Beiträge: Erinnerungen, Rücktritte, Aufreger und Peinlichkeiten

  1. Vjeko sagt:

    Neuer verdient auch den Titel Europas Fußballer des Jahres

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