Louis van Gaal: Ich habe Vertrauen in meinen Kader!

Bayern, Schalke, Hertha

Also sprach Louis van Gaal: »Ich habe Vertrauen in meinen Kader!«
Das ist ein bemerkenswerter Satz für einen Trainer, bei dessen Mannschaft es gerade nicht so richtig läuft. Für einen Trainer des FC Bayern ist es möglicherweise sogar ein noch bemerkenswerterer Satz. Denn an eine Saison ganz ohne Neuverpflichtungen beim deutschen Rekordmeister kann zumindest ich mich nicht erinnern. Zahlreich waren die Toptransfers aus dem Ausland (Pfaff, Lerby, Hughes, Lizarazu, Ribéry, Robben), noch zahlreicher die von der bundesligainternen Konkurrenz. Gelegentlich war auch mal die eine oder andere Verpflichtung darunter, die sportlich wenig Sinn hatte und allem Anschein nach eher der Schwächung des Gegners diente. Manche Transfers gerade der jüngsten Zeit waren wegen der Ablösefreiheit risikolos (Borowski, Baumjohann); richtiggehende Flops waren selten (Mazinho und Bernardo, anyone?). Aber dass vor einer Saison mal so gar kein Spieler verpflichtet würde, ist ein Novum. Dabei ist es eigentlich logisch, denn der FC Bayern hat eine phantastische Jugendabteilung und ist schon seit Jahren im Grunde genommen der größte deutsche Ausbildungsverein, auch wenn es seinem Selbstverständnis widerspricht. Die Herren Hummels, Guerrero, Trochowski und Wagner zählen zu den prominenteren Namen unter den ehemaligen Bayern-Spielern, aber die Liste ließe sich beliebig auf Akteure auch der zweiten und dritten Liga erweitern. Und hält man sich einmal die aktuelle Debatte über Innenverteidiger moderner Prägung oder die zwischenzeitliche Spielmachersuche in der vergangenen Saison vor Augen, so ist anzunehmen, dass Louis van Gaal wenigstens mit zwei der drei oben genannten etwas anfangen hätte können.

Als Lucio im vorigen Sommer an Inter Mailand abgegeben wurde, war der Katzenjammer unter den Experten zunächst groß. Dann aber kam der FC Bayern bis ins Endspiel um die Champions League und Holger Badstuber bis in die Nationalmannschaft. Von Lucio, wiewohl siegreicher Finalgegner der Bayern, war keine Rede mehr. Interessant ist das deshalb, weil vor einem Jahr niemand, aber auch wirklich niemand, davon gesprochen hat, dass der FC Bayern hätte Lucio behalten und Martin Demichelis verkaufen sollen. Heute nun kommen die Kommentatoren mit dieser vermeintlichen Erkenntnis um die Ecke. Zudem mahnen viele »Nachbesserungen« im Abwehrbereich ein, kein einziger jedoch weiß einen Spieler zu nennen, dessen Transfer sportlich sinnvoll und im Verhältnis dazu auch noch finanziell darstellbar wäre.

Beleuchtet man zudem die Situation des FC Bayern mal ganz nüchtern, so besteht ohnehin kein Grund zur Aufregung. In der Champions League stehen die Münchener besser da als je zuvor zum vergleichbaren Zeitpunkt, im DFB-Pokal wurde gerade mit Werder Bremen ein Hochkaräter aus dem Wettbewerb gekegelt und in der Liga steht der Klub erstens auch nicht schlechter da als in der vergangenen (Meister-)Saison und hat zweitens bis auf Dortmund und Leverkusen auch keine Mannschaften vor sich, die er unbedingt fürchten müsste. Platz 3 als Minimalziel sollte demnach durchaus noch drin sein. Ein Jahr nicht Meister zu werden, dafür aber einen Contento, einen Alaba und vielleicht noch den einen oder anderen Nachwuchsmann mehr weiterentwickelt zu haben, scheint mir eine annehmbare Rechnung.

Hertha BSC Berlin hat in der vorletzten Saison einen ganz ähnlichen Fußball gespielt wie der FC Bayern in der Spielzeit darauf: Kombinationssicher, mit viel Ballbesitz und einstudierten Laufwegen. Das sah auch nicht immer schön aus, war aber erfolgreich. Dann mussten die Berliner finanziellen Zwängen gehorchend mit Simunic, Pantelic und Voronin drei Stützen der Mannschaft abgeben – ein Drittel der Stammbelegschaft der Feldspieler. Die Folge: Das Gesamtkonstrukt stimmte nicht mehr, die Rädchen griffen nicht mehr ineinander und es entwickelte sich sogar eine Eigendynamik, die den Hauptstadtklub bis in die zweite Liga riss. So weit wird es beim FC Bayern natürlich nicht kommen, aber die Situation ist durchaus vergleichbar. Mit Robben und Ribéry fehlt das kongeniale Duo in der Offensive, mit Mark van Bommel der Stabilisator in der Defensive. Die Liste der (zwischenzeitlichen) Ausfälle beim Rekordmeister ist sogar noch wesentlich länger. Was wunder also, dass es noch nicht läuft.

Beim FC Schalke 04 wurden vor dieser Saison im Gegensatz zum FC Bayern reichlich neue Spieler geholt, nachdem man zuvor schon in der Winterpause ordentlich nachgelegt hatte. Nun wird zwar in der medialen Bilanz gern mal vergessen, bei den Transferausgaben für Raul, Huntelaar, Jurado und Co. auch die Transfereinnahmen für Westermann und Rafinha gegenzurechnen, aber wie diese Personalpolitik vor dem Hintergrund klammer Kassen bei Königsblau ein Bild ergibt, erschließt sich dennoch wohl nur Insidern. Denn dass beispielsweise Huntelaar und Raul zusammen weniger Gehalt kassieren, als Kuranyi und Asamoah, erscheint einem Außenstehenden zumindest fraglich. Die Misere beim Revierklub ist aktuell jedoch ohnehin eine andere. Schalke 04 war auch in der vergangenen Saison angesichts solch arrivierter Spieler wie Neuer, Bordon, Kuraniy, Asamoah, Westermann oder Kluge nicht die Mannschaft der Namenlosen, zu der sie oft gemacht wurde; mit Moritz, Matip und Schmitz wurden faktisch auch nur drei Talente in die erste Elf eingebaut. Das sind so ungewöhnlich viele nicht und überhaupt könnte man angesichts dieses Schalker Kaders eigentlich getrost zu dem Schluss kommen, dass er potenziell für das Erreichen der Champions League ausgerichtet war und es Felix Magath »nur« geschafft hat, sein Potenzial auch auszuschöpfen. Das soll den Schalker Erfolg nicht schmälern. Allerdings sind zwölf Neuzugänge in dieser Spielzeit eben just das Gegenteil von »Ich vertraue meinem Kader« – und vielleicht auch deshalb hat Schalke 04 gegenüber dem FC Bayern München die größeren Probleme.

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