Mario Götze: Kein Jubel nach Tor im neuen deutschen Clasico

Sie haben das Recht, nicht zu jubeln

Wie es der Fußballgott so wollte, hat just der frühere Dortmunder Mario Götze im zum »deutschen Clasico« hochgejazzten Spitzenspiel die Führung für seinen neuen Arbeitgeber Bayern München erzielt. Danach hat er nicht gejubelt. Prompt standen wieder einige Experten auf der Matte und beschwerten sich über diese Geste.

Nee, was hat mich das ganze Gerede vom »deutschen Clasico« im Vorfeld schon genervt! Es gibt da so einen alten Spruch: »Der Deutsche ist der Affe des anderen.« An den fühle ich mich besonders im Fußball immer wieder erinnert. Die Amis legen während der Nationalhymne die Hand aufs Herz, also finden sich immer wieder auch deutsche Fußballer und Fußballfans, die das auch machen. Die englischen Fans singen zu Beginn und zum Ende jeder Halbzeit bei jedem Länderspiel die Nationalhymne. Also machen das die deutschen Fans auch. Und wenn sie ganz originell sein wollen, dann erbringen sie eine kreative Eigenleistung, die darin besteht, die deutsche Hymne noch öfter zu singen, womöglich sogar pausenlos.

Und wenn die Spanier einen »Clasico« haben, dann müssen natürlich auch die Deutschen einen haben – und so nennen. Brav haben alle Medien hierzulande das PR-Ballyhoo mitgemacht und sich daran berauscht, wie toll und wie geil doch die Bundesliga ist und dass Dortmund gegen Bayern ja nun außer in Pakistan und Nordkorea auf der ganzen Welt und überhaupt. Keine Rede war im Vorfeld mehr davon, dass dem BVB drei Viertel der etatmäßigen Abwehr fehlen oder diverse Spieler weniger Schonung hatten als die des Gegners.

Schon allein das zeigt ja, dass es bis zu einem echten deutschen Klassiker noch weit hin ist. In Spanien käme nämlich niemand auf die Idee, das Duell zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid nach einer Länderspielwoche anzusetzen. Auch das Derby d’Italia oder das Old Firm in Schottland werden immer hübsch so terminiert, dass die Kontrahenten möglichst ausgeruht antreten können.

Gut, letztlich haben es die Dortmunder geschafft, das Spitzenspiel ausgeglichener zu gestalten, als es das Ergebnis von 0:3 aussagt. Aber machen wir uns mal nichts vor: Sie haben ihr Heimspiel gegen den FC Bayern München verloren. Das war’s mit der Meisterschaft. Klar, die Bayern haben auch schon mal acht Punkte auf den BVB verspielt. Klar, Bayer Leverkusen hat aktuell nur vier Punkte Rückstand. Klar, zum Auftakt der Rückrunde wird ein weiterer »deutscher Clasico« beschworen werden – der gegen Borussia Mönchengladbach, mag es auch vierzig Jahre her sein, dass sich die beiden Vereine auf Augenhöhe befanden. Nach den zwanzig Jahre alten Bildern vom an Stéphane Chapuisat vorbei fliegenden und Heiko Herrlich anknabbernden Oliver Kahn muss dann doppelt so tief in die Mottenkiste gegriffen werden, damit die Geschichte vom »deutschen Clasico«, den es nicht gibt, irgendwie rund wird.

Die Wahrheit ist, dass wir eine weitere total langweilige Saison bekommen werden, was die Meisterschaft betrifft. Diese Wahrheit verkauft sich nur nicht so gut, wie das ganze Gerede und Geschreibsel vom »deutschen Clasico«. Die Wahrheit ist ferner, dass es einen »deutschen Clasico« frühestens gibt, wenn Borussia Dortmund auch in zehn Jahren noch (und nicht zufällig mal wieder) so etwas wie ein Konkurrent für den FC Bayern München ist. Zum jetzigen Zeitpunkt war das Ganze jedoch nur Marketing, ohne Leben, ohne Tradition, ohne Substanz. Das Ergebnis mag zu hoch ausgefallen sein, spiegelt aber nichtsdestoweniger die Kräfteverhältnisse wider. Es gibt keinen Clasico in Deutschland, es gibt allenfalls immer mal wieder Mannschaften, die es eine Weile lang schaffen, dem FC Bayern München Paroli zu bieten. Dass ihm jemals dauerhafte Konkurrenz erwächst, wird der deutsche Rekordmeister stets durch den Einsatz von viel Geld zu verhindern wissen.

Nichts ist im Fußball so alt wie der Erfolg von gestern. Was in der vergangenen Saison war, zählt nicht mehr. Wer also glaubt, das einmalige Ereignis eines Champions-League-Finales mit zwei deutschen Mannschaften mache Borussia Dortmund schon nachhaltig zum deutschen FC Barcelona für das deutsche Real Madrid, könnte schon zur Winterpause ein böses Erwachen erleben, sollten die Westfalen dann auch aus der Königsklasse ausgeschieden sein.

Spielerberater Thomas Strunz scheint auch nichts davon zu halten, sich lange mit der Vergangenheit aufzuhalten. Jedenfalls gehörte er zu denjenigen, die es kritisierten, dass Mario Götze nach seinem Führungstor in Dortmund nicht gejubelt hat. Strunz fand sogar, dass Götze nach seinem Wechsel zu Bayern München quasi eine Art Angestelltenpflicht zum geflissentlichen Jubel mit den neuen Mannschaftskameraden hat. Auch das Küssen des Vereinswappens findet Strunz nicht gut. Da frage ich mich doch, was der Mann wohl seinen Schützlingen in Sachen Identifikation so rät.

Obendrein ist ja anzunehmen, dass aus einem Jubel Götzes ganz fette Schlagzeilen über »Provokation«, »Undankbarkeit« und »Söldnermentalität« gestrickt worden wären. Insofern hatte Götze also nur die Wahl zwischen zwei Übeln. In Anbetracht dessen kann ich verstehen, dass er sich für Strunz entschieden hat. Der ist eindeutig das kleinste.

Ansonsten gilt: Jeder Spieler hat das Recht, nicht zu jubeln, wenn er nicht will. Oder zu jubeln, wenn er will. Oder das Vereinswappen zu küssen. Einen großen Geist kümmert’s nicht. Und einen kleinen geht’s nichts an.

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2 Antworten auf Mario Götze: Kein Jubel nach Tor im neuen deutschen Clasico

  1. Franz sagt:

    Es kommt selten vor das ich Herrn Sammer zustimme, aber in seiner Aussage zu Götze hat er absolut Recht. In der Situation hat er eindrucksvoll seine Größe unter Beweis gestellt und gezeigt wuie weit er mit grade mal 21 Jahren schon ist. Er wird ein großer Fußballer.

    • Mario Nowak sagt:

      Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang schlicht noch an den ja noch nicht allzu lange zurück liegenden Wahlkampf, als es bei jedem noch so nebensächlichen Änderungsvorschlag hieß, das sei Bevormundung. Aber wenn es um den (Nicht-)Torjubel eines Fußballprofis geht, neigen anscheinend viele zur Bevormundung. Deshalb: Ob Mario Götze nun gejubelt hat, ob er nicht gejubelt hat, ob er halb gejubelt hat oder zurückhaltend gejubelt hat – völlig egal und allein seine Sache.

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