Matthias Sammer Interview Sport1

Außenklo am Elfenbeinturm

Matthias Sammer will glauben machen, dass die momentane absolute Dominanz des FC Bayern München allein das Ergebnis überlegenen Trainings ist. Auf den ersten Blick mag man geneigt sein, ihm Recht zu geben. Spätestens beim zweiten Blick aber wirken die Einlassungen des FCB-Sportvorstands, als würde er aus seinem Außenklo am Münchener Elfenbeinturm auf den Rest der Liga scheißen.

Es hat mal Zeiten gegeben, da war der deutsche Rekordmeister der »FC Hollywood«. Lothar Matthäus lieferte sich einen Kleinkrieg mit Jürgen Klinsmann, Stefan Effenberg spannte Thomas Strunz die Frau aus, Mario Basler und Sven Scheuer gerieten mit pöbelnden Pizzeriagästen aneinander und im Training gab es immer mal wieder Watschn und Keilereien.

Das haben sie inzwischen tatsächlich abgestellt beim FC Bayern. Vorbei die Zeiten, da Interna noch brühwarm an die Medien weitergegeben wurden (wie das wohl jetzt mit einer E-Mail des Stuttgarter Ex-Trainers Thomas Schneider geschehen sein soll) und private Trivialitäten das Sportliche überlagern und sogar den Erfolg gefährden konnten. Spannungen und selbst Trainingsschlägereien mag es auch heute noch geben, aber sie dringen nicht mehr nach außen. Für die Öffentlichkeit hat der FC Bayern seit einigen Jahren nur noch Schwiegersöhne.

Der Klub hat das Kunststück vollbracht, mit geräuschloser Beharrlichkeit einen Wandel vom Erfolgsverein hin zum Erfolgsunternehmen zu vollziehen. Dazu gehörte wohl auch eine professionellere Medienausrichtung. BILD und kicker werden zwar immer noch abgefüttert, aber es fällt auf, dass ZEIT und Süddeutsche inzwischen wesentlich bessere Karten zu haben scheinen, wenn sich die Herren Lahm, Schweinsteiger oder Hoeneß mal wieder äußern und/oder positionieren wollen. Ob die bisherigen Seilschaften dabei ganz friedlich gekappt wurden oder doch der eine oder andere Anruf mit Androhung der Überschreitung des Rubikon vonnöten war, ist nicht bekannt.

Ja, insofern ist der aktuelle Erfolg des FC Bayern tatsächlich ein Ergebnis über Jahre gewachsener Disziplin. Nur: Mit Matthias Sammer hat das alles herzlich wenig zu tun. Sammer ist da angekommen, wo für ihn paradiesische Zustände herrschen und seine Credos vom absoluten Leistungsgedanken gelebt werden. Er hat diese Zustände aber nicht geschaffen. Ob er überhaupt etwas zu ihnen beigetragen hat, bezweifelt offensichtlich nicht nur Jürgen Klopp.

Machen wir mal eine Rückblende: Matthias Sammer ist der jüngste deutsche Meistertrainer aller Zeiten. Geworden ist er das 2002 mit einer sündhaft teuren Mannschaft von Borussia Dortmund mit Routiniers wie Christian Wörns, Jürgen Kohler, Stefan Reuter, Fredi Bobic und anderen mehr. Als großer Talentförderer tat sich Sammer nicht hervor, sonderliche Nachhaltigkeit war seinem Erfolg beim BVB nicht beschieden. Beim VfB Stuttgart, dem zweiten Verein, mit dem er als Spieler deutscher Meister geworden war, übernahm Matthias Sammer die Mannschaft der »Jungen Wilden« von Felix Magath – mit Andreas Hinkel, Timo Hildebrand, Philipp Lahm, Aliaksandr Hleb, Kevin Kuranyi und Mario Gomez. Er erlebte das Ende seines Vertrags nicht, weil er es nicht schaffte, den Erfolg zu stabilisieren.

Sammer ging zum DFB – aber nicht, wie man hätte vermuten mögen, als Trainer für den Nachwuchsbereich, wo er junge Spieler hätte prägen können, sondern auf den Posten des Sportdirektors. Die Frage, was er dort eigentlich neben Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff und Jogi Löws sorgsam aufgebauter Schwaben-Connection gemacht hat, stellen sich manche bis heute. Zu Sammers Ehrenrettung sei indes gesagt, dass auch der heutige Bremer Trainer Robin Dutt die Tätigkeit in Frankfurt anscheinend nicht sonderlich erfüllend fand und nach nur einem Jahr den Abstiegskampf in der Bundesliga wieder vorzog.

Aber warum und wofür der FC Bayern Matthias Sammer nun aus seinem Vertrag beim DFB herausgeholt hat, ist allgemein schleierhaft. Gut, dass seit David Alaba und Thomas Müller kein Bayern-Nachwuchsspieler mehr den Sprung in den Edelkader des Triple-Siegers geschafft hat, ist ob der Kürze der Zeit kaum Sammer anzulasten. Aber dass er einst ein Typ sein könnte, der den allmächtigen Uli Hoeneß umstimmt und die aktuelle Transferpolitik des Leerkaufens von Konkurrenten in andere Bahnen lenkt, sehe zumindest ich nicht.

Dabei sollte man doch meinen, dass das die vorrangige Aufgabe eines Nachwuchskoordinators ist. Immerhin sind Vereine wie der FC Arsenal, Real Madrid oder der FC Barcelona dem deutschen Rekordmeister in Sachen Nachwuchsförderung und vor allem Durchlässigkeit zur Profimannschaft durchaus noch ein gutes Stück voraus.

Nun dauert es natürlich eine Weile, bis man ein Gegenstück zu La Masia, La Fábrica oder der Arsenal Academy geschaffen hat, zumal ja noch hinzu kommt, dass Vereine wie etwa Manchester United längst nicht mehr nur Fußballinternate im eigen Land haben sondern die halbe Welt damit überziehen. Doch in dem Exklusivinterview, für das sich Sport1 gerade ohne Ende feiert, hat Matthias Sammer nichts auch nur andeutungsweise Vergleichbares durchblicken lassen. Er will im Gegenteil weiterhin in großem Stil die besten Spieler anderer Vereine kaufen. Er, der so gern davon spricht, dass man es sich nicht bequem machen darf, gibt als Konzept den bequemsten Weg aus, der da heißt: Schatulle auf, Kohle raus, Ablösesummen hinblättern. Die Ironie daran ist, dass er sich damit beim FC Bayern in Grunde genommen zugleich für überflüssig erklärt hat. Denn Transfers sind beim FC Bayern längst wieder Chefsache – die von Uli Hoeneß nämlich.

Dass Matthias Sammer diesen einmal ersetzen könnte – noch dazu womöglich kurzfristig, sollte der FCB-Patron eine Gefängnisstrafe antreten müssen – erscheint ausgeschlossen. Zu eindimensional ist Sammer in seinem Auftreten. Wo Uli Hoeneß über Jahrzehnte Unberechenbarkeit zelebriert und perfektioniert hat, ist Sammer vollkommen überraschungsfrei. Uli Hoeneß beherrscht die ganze Klaviatur von umgänglich über jovial bis arrogant und sogar gefühlsduselig, wie die letzte Jahreshauptversammlung des FC Bayern gezeigt hat. Sammer dagegen kommt heute noch so rüber wie vor 20 Jahren: als ewiger Motzki. Und sonst nichts.

Die Mentalitätsunterschiede zeigen sich dabei besonders deutlich im Umgang mit Ex-Trainern. Uli Hoeneß duzt seinen früheren Chef (und Konkurrenten) Udo Lattek auch öffentlich und schreckte darüber hinaus nie davor zurück, sich mit ihm vor laufender Kamera zu zoffen – von den gefürchteten Abrechnungen mit anderen ehemaligen Bayern-Übungsleitern ganz zu schweigen. Sammer hingegen nennt seine Ex-Trainer auch heute noch nachgerade penetrant »Trainer«. Das mag aus seiner Sicht ein Zeichen von Respekt sein, hat aber just den muffigen DDR-Touch, dem Schlager-Fan Sammer mit seiner radikalen Hinwendung zur konservativ-kapitalistischen Leistungsgesellschaft eigentlich abgeschworen hat. Überhaupt haben Sammers Worte sämtlich so einen diffusen Sepiaton. Sammer ist irgendwie durch und durch vintage. Mit seinen gebetsmühlenartig vorgetragenen Mahnungen einerseits und den eifrigen Lobeshymnen auf seinen neuen Arbeitgeber mit seiner tollen familiären Atmosphäre andererseits wirkt er wie ein Nachrichtensprecher im nordkoreanischen Staatsfernsehen. Er will Identifikation vorleben, kommt dabei aber eher rüber wie ein Söldner – zu glatt, zu angepasst, zu professionell, zu sehr wissend, was man von ihm hören will. Dem Funktionär Sammer fehlen die Ecken und Kanten, die den Spieler Sammer ausgezeichnet haben, der kahle Schädel hat da beinahe Symbolcharakter. Feuerkopf war gestern. Vor lauter Loyalität zu den Bayern-Bossen bleibt von Sammer nur Sparflamme und Strohfeuer. Sammer geht vielleicht kurzzeitig in die Extreme, aber er polarisiert nicht.

In dieses Bild passt letztlich auch das Interview, das Sammer Sport1 gegeben hat. Darin machte es Sammer wie der von ihm verehrte Ex-Kanzler Helmut Kohl und ließ sich von einem ihm genehmen Journalisten ihm genehme Fragen stellen – von seiner früheren Forderung, Reporter mögen doch bitte kritisch nachbohren, war beim besten Willen nichts zu spüren. Derart unbedrängt, sagte Sammer dann schließlich jene ominösen Sätze über die Trainingsintensität beim FC Bayern, mit denen er die Schleusen seines stillen Örtchens am Elfenbeinturm Säbener Straße öffnete.

Inhaltlich ist die Sache, weil völliger Mumpitz, schnell gekontert: Wer die meiste Kohle hat, kann sich auch die meisten und besten Trainer und den größten und besten Betreuerstab leisten. Wer die meiste Kohle hat, kann sich die modernste Technik zur Spielanalyse leisten. Und last but not least: Wer sich einen Kader mit 20 Spielern auf Weltklasseniveau leisten kann, der kann natürlich auch intensiver trainieren als ein Verein mit dünnerem Kader. Schließlich macht es bei Bayern nichts, wenn mal drei oder vier Leute ausfallen.

Inhaltlich war Sammers Interview also schon mal kein sonderlich großer Wurf. Aber auch sonst wirkte er allenfalls wie ein müder Abklatsch der »Abteilung Attacke« von Uli Hoeneß – vor allem, weil er nicht durchzog, als Gegenwind von Jürgen Klopp kam. Sammer brach den Angriff ab. Offiziell begründete er das damit, er wolle nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Man könnte aber auch sagen: Er hat gekniffen.

Aber vielleicht braucht es tatsächlich einen wie Sammer, um den Erfolg zu haben, den der FC Bayern gerade hat. Dennoch macht es einfach nicht den Eindruck, als habe der neue Sportvorstand dem Klub irgendein Extra hinzugefügt, das dieser vorher nicht hatte. Einen Sammer-Faktor, eine Sammer-Handschrift, diese eine proprietäre Sammer-Stellschraube – man sucht sie vergeblich. Wäre der FC Bayern München ein Formel-1-Rennstall, Matthias Sammer wäre der, der an der Strecke steht und so tut, als würde er den einmal pro Runde an ihm vorbeirasenden Boliden anschieben.

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