Mehr Geld für die Bundesliga?

Ende der Fahnenstange

Kaum dass die englische Premier League einen neuen Deal abgeschlossen hat, der ihr über drei Jahre 6,7 Milliarden Euro bringen soll, bildet sich hierzulande in Windeseile ein bizarres Bündnis aus Journalisten und Vereinsfunktionären, die nach mehr Geld rufen. Abwägung? – Fehlanzeige. Dabei ist doch gerade die englische Premier League das Paradebeispiel dafür, dass viel Geld nicht gleichbedeutend ist mit gutem Fußball.

Wagen wir doch zunächst mal einen kurzen Rückblick in die jüngere Vergangenheit: Gerade mal ein Jahr und neun Monate ist es her, da wähnten die Sportberichterstatter landauf, landab den deutschen Fußball noch auf dem Gipfel Europas, weil mit dem FC Bayern München und Borussia Dortmund zwei Bundesligaklubs im Finale der UEFA Champions League standen. Das war natürlich damals schon Quatsch, aber DFB, DFL und Medien frohlockten ob der Momentaufnahme. Überall stand zu lesen, dass der Abstand der höchsten deutschen Spielklasse zu den Ligen in Spanien und England nun schmelze wie Eis in der Sonne. Die 5-Jahres-Wertung der UEFA diente als Beleg. Die »Marke Bundesliga«, das »Produkt Bundesliga« boome, hieß es.

Gerade mal etwas mehr als ein halbes Jahr ist es her, dass die deutsche Nationalmannschaft in Brasilien zum vierten mal Fußball-Weltmeister geworden ist. Sie spielte dabei weniger schön als bei den Turnieren zuvor, aber was zählte, war der Titel. Alles war gut. Aber schon sieben Monate später ist davon nichts mehr zu spüren. Wo 1990 nach dem WM-Titel noch Euphorie herrschte und die Bundesliga eine Sogwirkung für Stars aus aller Welt entfaltete, herrscht 2015 einfach Alltag. Und wo vorher noch auf Jahre hinaus angeblich Sorglosigkeit garantiert war, ist jetzt auf einmal der Untergang unausweichlich, wenn nicht schleunigst von irgendwoher die fette Geldspritze kommt. Der Preis dafür ist laut einigen Vereinsfunktionären und Journalisten klar: Noch überdehntere Spieltage, noch mehr Bezahlfernsehen.

Okay, kann man vielleicht machen, auch wenn es nach den ganzen Jubelarien zuvor eine bemerkenswerte Kehrtwende ist. Aber wenn wir noch ein wenig weiter in die Vergangenheit blicken fällt auf, dass die Regelungen zu den Spielansetzungen immer eine recht kurze Halbwertzeit hatten. Früher, da gab es mal zwei Spiele am Freitagabend und den Rest am Samstagnachmittag. Und was war das geil, wenn eines der Freitagsspiele in Kaiserslautern war! Flutlicht am Betzenberg, da hörte man mit Begeisterung im Radio die Zweierkonferenz, denn da war eigentlich immer was los.

Dann gab es irgendwann auch noch Bundesliga am Sonntag. Der Bestandsschutz, der bis dahin für die zweite Liga bzw. den Amateurfußball immer gegolten hatte, war damit aufgehoben. Ja, es hat den unteren Spielklassen nicht geschadet, und, ja, es war nötig, um den donnerstags im Europapokal aktiven Mannschaften die nötige Erholung zu verschaffen. Aber das ändert nichts daran, dass mal etwas anderes versprochen worden ist: Keine weite Anreise für Auswärtsfans zu den Sonntagsspielen nämlich. Diese Zusage wurde sukzessive aufgeweicht. Heute kann es sein, dass Freiburg am Sonntag gegen Berlin spielen muss oder Bayern gegen Hamburg.

Was also soll mich glauben lassen, dass eine weitere »Entzerrung« der Spieltagstermine nicht stattfindet, dass weitere Versprechen der Rücksicht auf Tradition nicht gebrochen werden? »Einen Salami-Spieltag wird es nicht geben!«, hat es mal geheißen. Das hat sich als bloße rhetorische Beruhigungspille entpuppt. Die Taktik damals war klar: Wir erzählen das eine und machen das andere. Wir setzen auf Gewöhnung. Wir werfen den Frosch nicht ins kochende Wasser. Wir erhöhen die Temperatur ganz langsam. Und so wird es wieder sein.

Überhaupt, wann sollen denn noch Spiele stattfinden? Schon jetzt kann ich die ganze Woche über Fußball gucken, wenn ich will: Freitag, Samstag und Sonntag erste und zweite Liga, Montag das sogenannte »Spitzenspiel« der zweiten Bundesliga (das es oft genug nur den Namen nach ist), Dienstag und Mittwoch Champions League oder DFB-Pokal, Donnerstag Europa League. Sonderlich viele Möglichkeiten, noch weitere Exklusivspiele anzubieten, gibt es einfach nicht. Schon jetzt soll ja das Freitagabendspiel etwas Besonderes sein und das Samstagabendspiel auch und irgendein Derby am Samstagnachmittag auch. Aber wenn alles besonders ist, ist bekanntlich gar nichts besonders.

Die dämliche Relegation wurde wieder eingeführt, nur um mehr Spiele zu haben, die man vermarkten kann. Polizei und Ordnungskräfte kotzen im Strahl deswegen. Die Partien sind allenfalls spannend für die Fans der involvierten Mannschaften, aber sportlich ein einziges Gewürge. Kurz, die Relegation ist ein weiterer trefflicher Beleg dafür, dass mehr Spiele und mehr Geld allein nichts bringen. Ein mehr an Quantität verwässert vielmehr immer die Qualität.

»Die Flut hebt alle Boote«, sagt Eintracht Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen gern. Recht hat er. Durch mehr Geld würden in der Summe vor allem die Gehälter der sogenannten »Durchschnittskicker« steigen – und die ihrer Berater. Außerdem: Welche Stars würden denn künftig in die Bundesliga kommen, die jetzt womöglich woanders spielen? Und wo würden sie hingehen, wenn nicht zum FC Bayern oder dem VfL Wolfsburg – dorthin also, wo Geld schon jetzt keine Rolle spielt? Es wäre mehr im Topf, aber die Verhältnisse blieben die selben. Und, machen wir uns doch mal ehrlich: Die Diven des internationalen Spitzenfußballs, die Cristiano Ronaldo, Mario Balotelli oder Zlatan Ibrahimovic, die würde unsere spießbürgerliche, glattgebügelte Medien-Bundesliga doch gar nicht aushalten. Wir wollen Bubis, keine Paradiesvögel, keine Kerle.

Interessant ist auch, wer da gleich an die vorderste Front der schwarzmalenden Geldforderer prescht: der kicker zum Beispiel oder Alfred Draxler von der Sport Bild. Im kicker schaltet der Bezahlsender Sky oft ganzseitige Anzeigen. Die BILD bietet Bundesliga-Content im Bezahlformat an. Damit dürfte alles gesagt sein.

Um mehr Geld zu generieren, müsste es mehr Werbung geben – also noch mehr Termine für die Fußballer, noch mehr Stress, noch weniger Kerngeschäft. Ich bezweifle, dass dies dem sportlichen Niveau des deutschen Fußballs oder dem der Berichterstattung darüber gut täte. Schon jetzt wird die Schraube doch im Grunde genommen völlig überdreht. Da schießt mal ein Torwart in der Nachspielzeit ein Tor aus dem Spiel heraus und eine Woche lang gibt es die Szene flächendeckend zu sehen und zu hören, mit multilingualen Audiokommentaren – muy histérico/very hysterical.

Der Fußball, und mit ihm die Bundesliga, ist längst auf Marktschreierniveau angekommen. Da bekommt so manches tote Pferd noch die Sporen, obwohl es die Logik gebieten würde, einfach abzusteigen. Die Weltmeisterschaft war das beste Beispiel. Es gab keine Reporter, es gab nur noch peinliche Fanboys und Fangirls mittleren Alters. Die Stars waren entweder verletzt nicht dabei oder hoffnungslos überspielt, das Niveau der Spiele überschaubar. Aber jeder Abstauber wurde angepriesen wie Makrelen auf dem Hamburger Fischmarkt.

Tatsache ist: Die englische Premier League hatte schon immer mehr Geld als die Bundesliga. Dieses Geld stammt im Übrigen auch von deutschen Fernsehanstalten, aber das nur am Rande. Jedenfalls wird sich diese Lücke nicht mehr schließen lassen. Trotzdem ist der englische Fußball nicht besser als der deutsche. Im Gegenteil, die englische Nationalmannschaft läuft der Musik derart hinterher, dass Nationaltrainer Roy Hodgson nach der WM in Brasilien sogar erklärte, die FA müsse sich an Deutschland orientieren – was angesichts der traditionellen Rivalität zwischen beiden Ländern ja eigentlich eine Aussage ist, die man sich mal auf der Zunge zergehen lassen muss. Aber sie trifft den Kern: Nicht das Geld macht den Unterschied sondern die Konzepte.

In der Premier League wird viel Geld nach dem Gießkannenprinzip verteilt und versickert entsprechend häufig. Die Bundesliga ist zum Haushalten gezwungen und investiert deshalb intelligenter. Spieler, die aus der Bundesliga nach England gewechselt und tatsächlich besser geworden sind, kann man an einer Hand abzählen. Edin Dzeko hat die Bilanz des ansonsten arg defizitär wirtschaftenden Felix Magath beim VfL Wolfsburg kräftig aufgehübscht, ist aber bei Manchester City nur noch ein Stürmer unter vielen. Marko Marin wird seit seinem Wechsel zum FC Chelsea von einem Verein zum nächsten weiterverliehen und wünscht sich vermutlich nach Gladbach oder Bremen zurück. Die Herren Schürrle und Holtby sind längst wieder in Deutschland.

Hinzu kommt, dass das von den Vereinen der Premier League erwirtschaftete Geld oft abfließt. Schließlich sind Eigentümer und Aktionäre zufrieden zu stellen. Arsenal-Trainer Arsène Wenger etwa wird von Fans nicht nur vorgeworfen, bei der Kaderplanung nach dem Motto »Strictly no English players!« vorzugehen sondern vor allem auf (Transfer-)Gewinne versessen zu sein, die er den Anteilseignern des Londoner Klubs präsentieren kann. Wenger selbst hat davon profitiert. Gemocht wird er bei Arsenal längst nicht mehr, aber er kann sich nur noch selbst entlassen.

Die Premier League mit ihren für zig Wettbewerbe aufgeblähten Kadern rekrutiert Spieler mit dem Schleppnetz – was im Umkehrschluss bedeutet, die Bundesliga profitiert doppelt: Von den in großer Zahl auf Leihbasis abgegebenen Fußballern (de Bruyne, Holtby, Piazón, Hazard, Rajkovic) und von der Möglichkeit, Spieler nach England zu verkaufen. So wurde Werder Bremen seine Ladenhüter Marko Arnautovic und Eljero Elia an Stoke City und den FC Southampton los. (Stoke ist übrigens Tabellenzehnter der Premier League und hat ganze sechs englische Spieler im gesamten Kader.)

Um es zum Schluss noch mal ganz klar zu sagen: Ich halte das Ende der Fahnenstange in Sachen Inlandsvermarktung der Bundesliga für erreicht und kann nur vor einem riesigen Eigentor all derer warnen, die Geld für ein Allheilmittel halten. Wenn sich im Ausland noch etwas verdienen lässt, gut und schön, aber der Fan hierzulande wird sich nicht mehr groß melken lassen. Denn achtzig Prozent des Fernsehprogramms sind Mist – Mist, den ich nichtsdestoweniger trotzdem bezahlen muss: über Rundfunkabgabe, GEMA-Gebühren, Werbekonsum und den monatlichen Obolus für meinen Kabelnetzbetreiber. Und ich werde garantiert nicht noch mehr Geld ausgeben, um mir noch mehr achtzigprozentigen Mist ins Haus zu holen.

Ich muss Miete zahlen und Steuern und Versicherungen – und immer, wenn ich mal ein paar Kröten übrig habe, kommt ein Energiekonzern oder ein Verkehrsbetrieb oder eine Krankenkasse um die Ecke und erhöht für irgendwas die Preise. Wenn es die Bundesliga also irgendwann nur noch im Bezahlfernsehen gibt oder frei empfangbar nur noch zu später Stunde irgendwo, dann werde ich sie mir schlicht und ergreifend nicht mehr oder nur noch dann ansehen, wenn es sich eben so ergibt.

So einfach ist das!

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