Mein letzter Artikel: Die Gründe und ein Fazit

Ein letzter Rant

Ich würde ja irgendwie gern sagen, dass ich lange mit mir gerungen habe. Dass es mir schwer fällt. Dass ich wehmütig bin. Aber Tatsache ist schlicht und ergreifend: Die Luft ist raus, der Elan ist weg (so er denn je wirklich da war), ich habe keine Lust mehr. Dies ist mein letzter Artikel in diesem Blog. Vielleicht belebe ich ihn irgendwann wieder, vielleicht tue ich irgendwann in Gastbeiträgen mit. Aber wahrscheinlich ist, ich höre einfach auf. Zum Abschied hier also noch mal ein Einblick, ein Rückblick und ein Fazit.

Ich gestehe, es war nie eine Liebesbeziehung zwischen mir und diesem Blog. Er wurde mir angetragen und ich weiß ehrlich gesagt bis heute nicht, wie es dazu kam und wann und wo ich mich in welchem Zusammenhang dahingehend geoutet habe, mich intensiver mit Fußball zu befassen.

Tatsache ist: Ich war nie der Meinung, »Ahnung von Fußball« zu haben. Ich habe allenfalls Ahnung davon, wie man über Fußball schreibt. Und ich war stets der Meinung, dass es nicht noch einen weiteren Fußball-Blog braucht. Bei dieser Meinung ist es im Grunde genommen bis heute geblieben. Gefühlt war ich immer der, der in diese Sache nur irgendwie reingerutscht ist. Gemessen daran muss ich zwar sagen, habe ich wohl verflixt lange durchgehalten. Aber es mag zugleich ins Bild passen, dass ich wenigstens das Ende gestalten will, wenn ich schon sonst stets eher nur der blinde Fährmann war auf einem Boot, das irgendwie nicht meines ist.

Als Erkenntnis kann ich heute festhalten, dass ich mir zumindest nie Themen suchen musste. Der Fußball hat immer welche produziert und ich musste mich nur von Zeit zu Zeit bedienen. Trotzdem stand der Aufwand für die Artikel (erheblich) nie im Verhältnis zum Ertrag (keiner). Ich muss feststellen, dass das, was an Energie und Wörtern in diesen Blog fließt, mir an anderer Stelle etwa für schriftstellerische Arbeit fehlt.

Natürlich hat es auch schöne oder zumindest interessante Erlebnisse gegeben. Mit meinem Artikel über Waldemar (»Voldemort«) Hartmann irgendwie bei 11 Freunde zu landen und so unvermutet eine gewisse Würdigung zu erfahren, war so eines. Welchen Regeln das alles folgt, habe ich allerdings nie begriffen. Vielleicht ist das ganz gut so, weil ich auf diese Weise nie auch nur in die Versuchung gekommen bin, selbst den Hartmann zu machen.

Eines scheint mir außerdem festzustehen: Ich kann nicht kurz und knackig, ich kann nicht bunte Bildchen und ich kann nicht coole Videos – nichts von alledem also, was man augenscheinlich können sollte, um »im Netz« erfolgreich zu sein. Und ich verspüre ehrlich gesagt nicht die geringste Lust, mich in dieser Hinsicht weiterzubilden.

Es war auch nie geplant, die »Flankengötter« zu einem medienkritischen Blog zu machen. Wie seine ganze Entstehung hat sich auch das eher spontan so ergeben, ohne dass ich heute noch sagen könnte, wie und warum. Auch der Name und der Slogan waren eher Eingebungen als ausgefeilte Ideen – was, in aller Bescheidenheit, verdeutlichen mag, wozu ich als kreativer Kopf erst fähig bin, wenn ich mich mal wirklich anstrenge und einen echten Anreiz habe, aber das soll hier nicht das Thema sein.

Vielleicht wollte ich den »Flankengöttern« mit dem Schwerpunkt Medien und Medienkritik wenigstens andeutungsweise so etwas geben wie ein Alleinstellungsmerkmal, um diesem Blog in meinen Augen eine Existenzberechtigung zu geben. Ob mir das gelungen ist, weiß ich indes nicht.

Das wiederum führt mich zu einem der Gründe, warum ich nun aufhöre. Ich weiß nämlich auch nach fast sechs Jahren so gut wie nichts über diesen Blog. Ich weiß nicht, wer ihn liest oder wie er ankommt. Ich schreibe meist im luftleeren Raum, ohne jede Rückmeldung. Ab und zu kommentiert zwar jemand (und das bislang sogar ausschließlich positiv, wofür ich dankbar bin), aber das ändert nichts daran, dass ich im Großen und Ganzen nur so vor mich hinschreibe. Kurz: Ich weiß nicht, wofür oder für wen ich das hier tue. Ich weiß nur: Für mich muss ich es nicht tun.

Ein weiterer Grund, warum ich aufhöre, ist der, dass ich eigentlich grundsätzlich keine »Fußballverrückten« des Kalibers Pep Guardiola und Co. mag. Diese Typen, die erst Spieler waren und dann Trainer wurden, die sich also ihr Leben lang in dieser Seifenblase von Parallelwelt aufhalten und trotzdem so tun, als sei dieses banale Spiel Fußball wahnsinnig wichtig, wahnsinnig komplex und wahnsinnig wissenschaftlich, von denen man aber eigentlich sagen muss: »Junge, du bist jetzt Mitte, Ende vierzig und kommandierst hauptberuflich unreife Jungs herum!« – mir graut vor ihnen. Und fast sechs Jahre über sie zu schreiben, ist einfach genug. Sollen sie an der Seitenlinie herumhampeln und narzisstisch, prollig und kindisch ihre »Feindschaften« zu Kollegen ausleben oder sich über Schiedsrichter aufregen, es ist einfach nicht meine Welt.

Ich möchte mich – nächster Grund – auch nicht mehr mit diesen Wahllos-Werbern herumschlagen, die mir erzählen wollen, dass ihr absolut nichts mit Fußball zu tun habendes Produkt doch ganz toll zu den »Flankengöttern« passt. Natürlich kann man Drogenbesteck bestimmt auch zum Doping benutzen, mit Holzlasur Torpfosten streichen und mit Dreirädern zum Auswärtsspiel fahren. Aber ich habe schlicht keine Zeit und keine Lust, dieses ewig gleiche intelligenzbeleidigende Geschwafel auch nur noch einmal lesen zu müssen.

Und wo ich gerade dabei bin:

Ich habe auch keine Lust mehr auf eine als »beste Liga der Welt« gehypete Bundesliga, in der sowieso Bayern München Meister wird, weil die Champions-League-Teilnehmer künftig noch mehr Schotter bekommen und weil sich bis auf einen oder zwei Gegner alle Mannschaften zum Sterben hinlegen, wenn es gegen den FCB geht. Und ich habe auch keine Lust mehr auf eine als »beste Liga der Welt« gehypete Bundesliga, in der Mannschaften über den grünen Klee dafür gelobt werden, dass sie in einem Heimspiel nur knapp gegen Bayern verlieren oder mal einen Punkt holen.

Die Bundesliga ist langweilig. Sie geht gerade aber mal so richtig in den Arsch. Sie mag noch nicht tot sein, aber sie siecht. Und ich habe keine Lust darauf, sie sterbebegleitend zu kommentieren, als sei sie das blühende Leben.

Ich habe keine Lust mehr auf eine Liga mit Brause- und Pillenklubs, in der eine der ganz wesentlichen, definierenden Grundlagen des sportlichen Wettkampfs – dass für alle die selben Regeln gelten nämlich – immer mehr ausgehöhlt wird. Ich habe auch keine Lust mehr auf eine Liga mit Investoren, Mäzenen und Nussknackergesichtern (erst recht dann nicht, wenn die ihr Geld nicht mal so einzusetzen wissen, dass es den jeweiligen Vereinen auch hilft), für die dann gewichtige rheinische Geldsäcke in Fußballsendungen anrufen, um wortgewaltig zu erzählen, dass »Jeld joot« ist und grundsätzlich joot und ehrenhaft, wer Jeld hat und davon möglichst viel. Und die sich natürlich nicht ins operative Geschäft einmischen, weil sie es nicht dürfen, ha, ha.

Ich habe keine Lust mehr auf geleckte Typen wie Oliver Bierhoff, die sich abfeiern lassen für ihre »akribische Planung«, wenn Titel gewonnen wurden, aber keine Fragen nach eben ihrer Planung und ihren möglicherweise von Geschäftsbeziehungen beeinflussten Entscheidungen zulassen, wenn das Turnier-Aus zwei Jahre später »schon« im Halbfinale kommt. Und ich habe keine Lust auf geleckte Typen wie Christian Seifert als Gesicht einer DFL, die die Fans schon seit Jahren und Jahrzehnten kalt lächelnd verarscht und belügt, weil sie sich schlicht sagt, es wachsen ständig Fußballanhänger nach, für die nicht nur ein Salami-Spieltag normal ist sondern demnächst dann auch regelrechte Hackfleisch-Spieltage mit immer mehr und immer neuen Anstoßzeiten.

Ich habe keine Lust mehr auf eine Liga, deren Partien demnächst womöglich in Fernost ausgetragen werden und deren einzige Antwort in Kopieren, Imitieren und Nachmachen besteht. Ich habe keine Lust mehr auf eine Liga, die monothematisch immer mehr Spiele in einen längst übersättigten Markt pumpt, selbst wenn es sich um das Finale im Breitner-Paule-Pisspottpokal handelt. Und ich habe keine Lust mehr auf das Gejammer über das »Geld aus England«, wenn gleichzeitig Sport1 und ARD und ZDF munter Geld für Berichte über Spiele der Premier League auf die Insel überweisen.

Ich habe keine Lust mehr auf eine Bundesliga, die alle paar Wochen für zwei langweilige Länderspiele unterbrochen wird, die man sich dann nach alter Väter Sitte obendrein nur vor dem Glotzophonium ansehen kann, weil, wenn man das Spitzenspiel gegen Gibraltar im Neuland des Internets sehen will, man dafür auch noch zusätzlich zahlen soll.

Ich habe auch keine Lust mehr auf eine schwabisierte Nationalmannschaft und einen »Schon au«-Schalträger, der auffallend häufig die Spieler seiner Ex-Vereine Freiburg und Stuttgart nominiert, auf dass diese Akteure teurer werden und den besagten Klubs mehr Geld bringen. Und ich habe keine Lust mehr auf Leute, die nicht in dieser Nominierungspraxis und Übersättigung den Grund sehen für eine von der Stimmung her blutleere Europameisterschaft sondern in »Danke, Merkel!«, der Sorge wegen Flüchtlingen oder der angeblichen Aufforderung zur Zurückhaltung beim Fahnenschwenken seitens des Landesjugendverbands einer Zehn-Prozent-Partei.

Ich habe keine Lust auf Weltmeisterschaften in undemokratischen Ländern und keine Lust mehr auf Nationalspieler, die zwar ansonsten über alles und jedes wunderbar parlieren können, aber nicht die Fresse aufkriegen, um zu sagen: »Das macht mal schön ohne mich!«

Ich habe aber auch keine Lust mehr auf DFB und Doppelmoral, nach der Russland und Katar schon igitt und pfui sind, bevor irgendwelche Beweise für Missstände vorliegen, aber alles halb so wild, wenn deutsche Lichtgestalten und Funktionäre just dieses Spiel mitspielen. Und ich habe keine Lust mehr auf die Doppelmoral, mit der Fans und Vereine für Fehlverhalten sanktioniert werden, während der oberste Verband zugleich mauschelt und vertuscht und schwarze Kassen betreibt.

Ich habe keine Lust mehr auf Spieler und Spielerberater, die, obwohl ohnehin schon stinkreich, den Hals nicht voll bekommen und sich nicht an Verträge halten wollen. Und ich habe keine Lust auf 68-Tage-Nationaltrainer, die, obwohl ohnehin schon stinkreich, heimlich auch noch Honorare dafür auskungeln wollen, dass sie in die Hand scheißen, die sie füttert.

Und ich fürchte, diese Liste ist nicht einmal vollständig.

In diesem Sinne: Ich danke meinen mir weitestgehend unbekannten und größtenteils verborgen gebliebenen Leserinnen und Lesern und möchte betonen, dass ich mit diesem letzten langen Rant niemandem seinen geliebten Fußball madig machen will. Nur ist für mich die Zeit gekommen, Fußball wieder einfach nur die schönste Nebensache der Welt sein zu lassen – so lange er das noch irgendwie ist.

Herzlichst,

Ihr und euer

Mario Nowak

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4 Antworten auf Mein letzter Artikel: Die Gründe und ein Fazit

  1. Max Medusa sagt:

    Da kann ich nahezu alles nachvollziehen, auch ich habe mich in den letzten Jahren gigantisch vom “Produkt Bundesliga” entfernt.

    Zum Abschluss dann auch von mir als regelmäßigen Leser ein Dankeschön für viele interessante und lesenwerte Blogbeiträge.

  2. Vjeko sagt:

    Hab den Blog (als passiver) Leser sehr gerne verfolgt…sehr, sehr Schade…

  3. Ein sehr schöner (letzter) Rant!

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