Nach dem Dortmunder Aus in der Champions League

Dortmunder Fußball-Schädlinge

Ich will Thomas Hennecke ja zugestehen, dass er beim kicker nicht nur der »BVB-Experte« ist sondern in gewisser Weise auch Fan des Vereins und als solcher enttäuscht vom Abschneiden des immer noch amtierenden deutschen Meisters in der diesjährigen Champions League. Aber der Rundumschlag, zu dem der Redakteur des Blattes in der Ausgabe vom Donnerstag (8. Dezember) ausholt, ist dann doch reichlich übertrieben.

Es geht schon damit los, dass Hennecke in seinem Einwurf titelt: »So schadet der BVB dem deutschen Fußball«. Zunächst gruselt es mich schon mal grundsätzlich immer, wenn (in Sachen Fußball und generell) gleich deutschnationales Vokabular bemüht wird. Ich persönlich denke dann immer an Leute, denen zur Begrüßung das rechte Ärmchen zuckt. Aber es sei. Eine Nummer kleiner könnte das pauschale Verdammen der Dortmunder Fußball-Schädlinge aber dennoch ausfallen, finde ich.

Weiter führt Hennecke dann aus: »Vor nicht einmal einem halben Jahr verneigten sich auch internationale Beobachter vor dem für Dortmund typischen Spielmix (…).« Die »Chance«, »diesen Fußball (…) nun auch in Europa zu verankern« sieht Hennecke »leichtfertig und dilettantisch vertan«.

Wow. Das ist starker Tobak. Fragt sich nur, wer es war, der die Dortmunder seinerzeit so hochgejubelt und sogar bisweilen mit Barcelona verglichen hat. Doch nicht zufällig vielleicht auch der kicker?

Natürlich, für sich genommen mag es eine Enttäuschung sein, dass Mannschaften wie der FC Basel und APOEL Nikosia im Achtelfinale der Champions League stehen und Dortmund nicht. Aber genau daran erkennt man doch, dass nicht nur Dortmund bereits in der Vorrunde gescheitert ist. Dieses Schicksal teilen auch noch ganz andere, international viel erfahrenere und reichere Vereine: Manchester United und Manchester City, der FC Porto und Ajax Amsterdam nämlich.

Ich frage mich, worin die angebliche Leichtfertigkeit des BVB bestanden haben soll. Sind die Dortmunder etwa irgendwann im Verlauf der Vorrunde mutwillig mit lauter Nachwuchskräften aufgelaufen? Haben sie Spieler eingesetzt, die nach Verletzung noch nicht wieder fit waren oder wegen Verletzungen eigentlich nicht hätten spielen dürfen? Haben sie taktisch blauäugig experimentiert und sind sie in einer vogelwild zusammengemischen Aufstellung aufgelaufen?

Nein. All das war nicht der Fall. Was also war so dilettantisch?

Natürlich, Piräus und Marseille sind grundsätzlich Mannschaften, die für Dortmund à la portée sind. Aber mehr eben auch nicht. Es sind Mannschaften, die Dortmund schlagen kann, jedoch keinesfalls schlagen muss. Und Olympique als »fußballerisch minderbemitteltes Team« zu bezeichnen, zeugt schlicht nicht von Sachverstand. Der französische Meister von 2010, aktuelle Vizemeister der Ligue 1, mit Leuten wie Mandanda, den Ayew-Brüdern, Diarra, Lucho Gonzalez, Fanni, Cheyrou, Gignac und Remy eine in der Königsklasse nicht konkurrenzfähige Durchschnittstruppe?

Das ist natürlich Quatsch. Marseille ist im Gegenteil so etwas wie das Werder Bremen Frankreichs – vorne hui und hinten pfui. Ex-Trainer Eric Gerets ging sogar einmal so weit zu sagen, er suche deshalb sein Heil in der Offensive, weil Marseilles Abwehr keine andere Spielweise zulasse. Trotzdem war OL in den vergangenen Spielzeiten regelmäßig in der Champions League vertreten. In der vergangenen Saison mischte Marseille im Rennen um die französische Meisterschaft mit und schoss dabei 62 Tore und kassierte nur 39 (in 38 Ligaspielen). Laufkundschaft sieht irgendwie anders aus.

In seinem Bestreben, »die wahren Gründe« für Dortmunds Ausscheiden aufzuführen, widerspricht sich Hennecke gleich völlig. Jugend und mangelnde Erfahrung will er als Erklärung nicht gelten lassen (und findet für diese These mit Mario Götze auch einen vermeintlichen Kronzeugen in der Mannschaft) – um zwei Absätze weiter »ein Problem fehlender Reife (…) in der Innenverteidigung« festzustellen. Überhaupt beschränkt sich die Fehleranalyse des kicker-Redakteurs letztlich nur auf das Aufzählen jener Patzer von Hummels, Subotic und Kehl, die ohnehin jeder gesehen hat. Erhellendes, Tiefergehendes oder Verweise auf weniger Offensichtliches sucht man in Henneckes Artikel vergeblich – von »wahren Gründen« keine Spur.

Den Außenverteidigern Piszczek und Schmelzer bescheinigt Hennecke, in der Champions League an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Der Witz freilich ist, dass der kicker just Piszcek vor einem knappen halben Jahr noch zur Nummer 1 unter den Außenverteidigern der Bundesliga gewählt hat. Schmelzer (»überragender Durchschnittswert von 2,68 in der Liga«) landete in dieser Einstufung des Blattes auf Platz 3 …

Fazit: Irgendwie sind Henneckes Artikel ein larmoyantes Greinen über das Ausscheiden seiner Lieblinge aus der Champions League, ein verschnupft-schnippischer Liebesentzug aus der Enttäuschung heraus … aber nichts, was die Dortmunder von ihrem Weg abbringen oder ins Grübeln kommen lassen müsste. Der Untergang des fußballerischen Abendlands steht nicht bevor. Beim BVB wird man es machen wie bisher auch: die Lehren aus dem frühzeitigen Aus in der Champions League ziehen und gestärkt daraus hervorgehen. Und wenn die Westfalen dann nächstes Jahr wieder Champions League spielen und die Gruppenphase überstehen, ist alles vergeben und vergessen.

Wetten?

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2 Antworten auf Nach dem Dortmunder Aus in der Champions League

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