Nachruf auf Udo Lattek

Udo Lattek: Abschied von einem Großen

Am vergangenen Wochenende ist Meistertrainer Udo Lattek – je nach Zählweise der nach Titeln erfolgreichste deutsche Trainer – verstorben. Mit ihm geht ein Charakterkopf und Aushängeschild des deutschen Fußballs, ein Kind der Bundesliga und überhaupt einer, wie es ihn wohl nie wieder geben wird. Lattek war ein klassisches Alphatier. Er war erfolgreich, er war streitbar, manchmal arrogant und manchmal eitel. Aber er konnte sich all das eben auch leisten.

Um Latteks Bedeutung für den deutschen Fußball einordnen zu können, muss man sich meiner Meinung nach vergegenwärtigen, wie viel heute Selbstverständliches ihm als erstem gelungen ist. Lattek war der erste, der drei mal in Folge Meister in der Bundesliga wurde. Er machte den FC Bayern zum ersten deutschen Sieger im Europapokal der Landesmeister, und erst unter ihm lösten die Münchener 1987 den 1. FC Nürnberg als deutschen Rekordmeister ab. Lattek, der studierte Lehrer für Mathematik und Physik, feierte die historische Meisterschaft damals in Unterwäsche. Seine Hose hatte er ins Publikum geworfen.

Insgesamt acht deutsche Meisterschaften holte Lattek als Cheftrainer, sechs mit den Bayern, zwei mit Borussia Mönchengladbach. Zudem gewann er alle drei Europapokale: den Landesmeister-Pokal mit Bayern München (1974), den UEFA-Pokal mit Borussia Mönchengladbach (1979) und den Europapokal der Pokalsieger mit dem FC Barcelona (1982).

Dem Mythos der jugendlichen Fohlenelf mit ihrem gnadenlosen Angriffsfußball hielt Lattek stets seine realistischere Version entgegen, dass die Mannschaft erst durch die Verpflichtung gestandener Abwehrspieler wie Klaus-Dieter Sieloff und Luggi Müller ein Meisterschaftsanwärter geworden sei. Dabei war er eigentlich ein richtiger »Spieler-Macher«. Auch wenn ihm nie das Etikett des Talentförderers angeheftet wurde, darf Lattek getrost als der Entdecker von Uli Hoeneß, Wilfried Hannes, Paul Breitner, Winnie Schäfer, Ewald Lienen oder Sören Lerby gelten.

Aber Lattek war nicht nur »Spieler-Macher«, er war auch »Trainer-Macher«. Allein zwei mal folgte ihm sein ehemaliger Zögling Jupp Heynckes als Cheftrainer nach. Als Sportdirektor in Köln war Lattek der Mann, hinter dem und neben dem der junge Christoph Daum die Bühne Bundesliga stürmte. Und beim »Rettungseinsatz« für Borussia Dortmund 2000 schließlich ließ Lattek seinen Assistenten Matthias Sammer so gut aussehen, dass dieser die Mannschaft anschließend übernehmen und zwei Jahre später der jüngste deutsche Meistertrainer aller Zeiten werden konnte.

Es mag bezeichnend sein, dass Lattek gern mit romantisierten Vorstellungen aufzuräumen versuchte und auch andere Personen zu entzaubern trachtete. So grollte er über Jahrzehnte hinweg mal lauter und mal leiser über seinen ehemaligen Co-Trainer Jupp Heynckes, dem er mehr oder minder deutlich vorwarf, sich zu gemeinsamen Gladbacher Zeiten nicht loyal genug in die Rolle des Assistenten gefügt zu haben. Auch seine Abneigung gehen Erich Ribbeck hegte, pflegte und lebte Lattek offen. Die kräftig begossene »geistreiche« Versöhnung unter Männern ging später durch die Medien. (Zum Vergleich: Leverkusens Trainer Roger Schmidt muss heute schon wegen einer im Derby gegen den 1. FC Köln getätigten leidlich kontroversen Aussage gleich eine Aussprache mit dem Kollegen Peter Stöger anstreben.)

Überhaupt war Udo Lattek nicht konfliktscheu. Er kabbelte sich mit seinem ewigen Rivalen Otto Rehhagel ebenso wie mit Hennes Weisweiler, mit dem jungen Diego Maradona, mit Paul Breitner oder Bernd Schuster bzw. dessen Ehefrau und Managerin Gabi. Wie so viele seines Schlages im Machogeschäft Bundesliga tat sich auch Lattek mit einem geschäftstüchtigen weiblichen Gegenüber schwer. Aber er blieb bei allen gelegentlichen Sticheleien stets fair – und, wichtiger vielleicht noch, er ließ sich nie aus alter Verbundenheit vereinnahmen.

Unvergessen der Auftritt im Aktuellen Sportstudio, als Lattek zusammen mit Kölns damaligem Trainer Christoph Daum zur Attacke gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Bayern München blies und dabei dessen Trainer Jupp »Osram« Heynckes zum Glühen und Manager Uli Hoeneß zum Kochen brachte. Beim ZDF dürften sie dieses Duell heute noch als Sternstunde feiern.

Später legte sich Lattek vor laufenden Kameras im Doppelpass noch einmal mit Hoeneß an, dem er vorwarf, nur austeilen und nicht einstecken zu können. Der Applaus des Publikums wogte hin und her, aber es war Lattek, der bewies, wer von beiden mit Gegenwind besser umzugehen vermochte. Hoeneß war es, der schließlich die Augen niederschlug und maulend wie ein vom Vater gerüffelter kleiner Junge nur noch etwas vor sich hin murmelte, um das letzte Wort zu haben.

Als einer der ersten hatte Lattek eben begriffen, dass die Bundesliga auch Show ist. Sein blauer Pullover wurde Kult, seine markigen Sprüche als Kolumnist und späterer Fernsehexperte die beste Eigenwerbung. Aber Lattek wusste auch, wann es genug war. Als er bei Sport1 vom Publikum für jede noch so banale Äußerung mit »Udo! Udo!«-Sprechchören gefeiert wurde, hörte er lieber auf, statt womöglich noch der Versuchung zu erliegen, des Beifalls wegen Sprüche zu klopfen. Denn ein reiner Sprücheklopfer war er nie.

Udo Lattek war eine Person des öffentlichen Interesses, doch er trug sein Privatleben nie in die Öffentlichkeit. Seine Ehe mit Frau Hildegard soll glücklich gewesen sein, sein eigenes Schicksal etwa als Vertriebener machte Lattek ebenso wenig zum Gegenstand öffentlicher Debatten wie den frühen Krebstod seines Sohnes Dirk.

Es ist diese aufgeräumte Art, eine Haltung zu haben und Haltung zu wahren, die mich an Udo Lattek beeindruckt hat – seine Art, Dinge anzunehmen, mit sich auszumachen und nicht öffentlich auszubreiten. Seine Eigenwilligkeit, die er sich immer bewahrt hat, und seine Art des engagierten und doch letztlich fairen Streitens mit offenem Visier, die heute mehr und mehr verloren geht, werden mir fehlen.

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