Nationalhyme singen oder nicht

Hand auf’s Herz

Ehrlich, dass wir heutzutage noch (oder wieder) über das Mitsingen der deutschen Nationalhymne diskutieren würden, hätte ich nicht gedacht. Aber es ist offensichtlich ein Thema. Darauf gekommen bin ich durch einen Artikel von Martin Hyun, der zu wissen glaubt, »Warum Özil die Hymne nicht mitsingt« – und leider wohl Recht hat.

Ich sehe Hyuns Beitrag nach wie vor kritisch, weil er sicherlich die Erfahrungen des Autors widerspiegelt, ihn das aber meiner Meinung nach nicht dazu befähigt oder berechtigt, pauschal für jeden deutschen Fußballer ausländischer Herkunft (an dieser Stelle bitte den wahlweise opportunen politisch korrekten Begriff einsetzen) zu sprechen oder über die Motive zu urteilen, die Özil, Khedira und Boateng für ihr Schweigen während der Nationalhymne haben.

Fakt ist: Deutschland hat eine sehr schöne, melodiöse Nationalhymne – wenn sie nicht gerade von irgendeinem Bundeswehr-Musikkorps mit viel Tschingderassabumm wagnerianisch verblecht wird zumindest, oder wenn man nicht gerade Berti Vogts’ Wunsch erfüllt, seine Lieblingssängerin auf das Werk anzusetzen. Und angesichts dieser grundsätzlich schönen und melodiösen Nationalhymne bin ich persönlich immer froh, wenn ich mir nicht anhören muss, wie Fußballer versuchen, ihr gerecht zu werden.

Fakt ist ferner: Ich selbst bin – trotz italienischem Vor- und tschechischem Familiennamen – völlig migrationshintergrundlos deutsch und würde die Nationalhymne auch nicht mitsingen – so wie es immer schon Leute gegeben hat, die das nicht getan haben. (Und bei Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald und Lothar Matthäus hätte ich es mir unter musikalischen Gesichtspunkten wahrlich gewünscht!) Bei mir persönlich hätte es den völlig unspektakulären Hintergrund, dass mir aus berufenen und unberufenen Mündern versichert wurde, mein Gesang erinnere an ein verendendes Nilpferd. Deswegen reicht es bei mir – wenigstens in Augenblicken fieberhafter Inspiration – ja auch nur zum Texter und nicht zum Interpreten. Also würde ich schweigen, weil ich Hemmungen habe – und Respekt.

Will sagen: Es kann viele Gründe haben, warum Özil, Khedira und Boateng die Nationalhymne nicht mitsingen. Fokussierung kann einer sein, Ergriffenheit ein anderer, und es kommen sicherlich noch sehr viel mehr Möglichkeiten in Betracht. Angesichts dessen würde ich mir nicht zutrauen, in die Köpfe der betreffenden Spieler gucken und für sie sprechen zu können. Hyuns Artikel jedenfalls lässt für mich nicht erkennen, dass er mit ihnen geredet hat und sie ihm seine Interpretation bestätigt haben. Überhaupt wird die Geschichte ja auch nur rund, wenn man außer acht lässt, dass der gebürtige Brasilianer Cacau die deutsche Nationalhymne immer sehr inbrünstig mitgesungen hat.

Andererseits wiederum bin ich massiv ins Grübeln gekommen, als ich von den Anfeindungen gegen Tagesschau-Sprecher Ingo Zamperoni gelesen habe. Zwar bin ich persönlich auch genervt davon, dass seit Beginn der Europameisterschaft so ziemlich jedes politische Thema unoriginell und krampfhaft in Bezug zum Fußball gesetzt wird (Stichwort »der Euro und die EURO«) und habe es in diesem Sinne als Zeitverschwendung empfunden, von Zamperonis »Zerrissenheit« zu erfahren. Mir wäre es lieber gewesen, an dieser Stelle noch die eine oder andere Kurzmeldung zum Weltgeschehen zu hören. Dass Zamperoni Kind italienischer Einwanderer ist, habe ich mir zwar gedacht, finde es aber völlig belanglos.

Einige Kleingeister sehen das jedoch offensichtlich anders. Wenn ich die Kommentare einiger Leute dazu lese, falle ich vom Glauben ab. Vor allem auf den einschlägigen Kommerzportalen, auf die ich hier bewusst nicht verlinke, bricht sich eine dumpfe Ignoranz Bahn, die bei mir nur noch das Bedauern weckt, den Verfassern nicht in ihr E-Mail-Postfach kotzen zu können.

Das zeigt wohl leider, dass Martin Hyun in der Sache doch Recht hat. Ein Fußballer mit ausländischen Wurzeln, der sich für das Land seiner Eltern oder Großeltern entscheidet, ist undankbar, weil er nicht für Deutschland spielt, das im seine fußballerische Laufbahn ermöglicht hat. Und ein Fußballer mit ausländischen Wurzeln, der sich für Deutschland entscheidet, ist trotzdem kein Deutscher – oder zumindest nur so lange, wie er das Trikot trägt und gut spielt.

Dabei hat doch gerade Mesut Özil während der Pressekonferenz des DFB vor dem Halbfinale gegen Italien ganz selbstverständlich von »wir Deutschen« gesprochen. Zwei Wörter nur, beiläufig ausgesprochen, aber für mich eben deshalb von größerer Aussagekraft als jedes Mitsingen einer Nationalhymne – und mir persönlich auch allemal sympathischer als jede nachahmerisch pathetisch aufs Herz gelegte Hand, wie man sie bei manchen deutschen Fans während der Hymne gesehen hat.

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2 Antworten auf Nationalhyme singen oder nicht

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  2. Manuel sagt:

    Du hast so Recht. Da habe ich mich auch heute Morgen im Videoblog drüber geärgert!

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