Netzradio, missglückte Satire, angebliche Demütigungen

Zu viel Schnack um »Schnick, Schnack, Schnuck«

Toni Kroos und Franck Ribéry haben bei der 6:0-Demontage der Bayern per »Schnick, Schnack, Schnuck« ausgeknobelt, wer von beiden einen Freistoß schießen darf. Eine Episode, die es bis in die ehrwürdige FAZ und in Raphael Honigsteins Blog im nicht minder ehrwürdigen Guardian geschafft hat, mir aber ehrlich gesagt ohne die anschließende Diskussion um die angebliche »Verhöhnung des Gegners« komplett entgangen wäre.

Die Frage, warum es trotz der sattsam bekannten Kamerapräsenz immer noch zu solchen harmlosen Aktionen oder auch Aussetzern wie der Ohrfeige von Claudio Pizarro für Emanuel Pogatetz kommt, ist indes leicht beantwortet: die Spieler denken offensichtlich nicht daran, dass sie beobachtet werden – und für sich genommen ist das auch gut so, denn beim Fußball sollte es darum gehen, das Runde ins Eckige zu befördern, und nicht darum, wie man im Fernsehen rüberkommt.

Entsprechend sollte die Frage also nicht lauten, warum machen Spieler so etwas, obwohl sie wissen müssten, dass Kameras auf sie gerichtet sind, sondern die eigentliche Frage bzw. Erkenntnis müsste sein, dass Kameras vielleicht das Ahnden von Vergehen erleichtern, Überwachung an sich Vergehen aber nicht verhindert. Wenn man das aber mal konsequent zu Ende denkt und vor allem auf größere politische Kontexte überträgt, dann rührt das freilich eventuell an Denkverboten.

Toni Kroos staunte jedenfalls nicht schlecht, als er nach dem Spiel gegen Berlin auf die Knobelei mit Franck Ribéry angesprochen wurde. Es war ihm regelrecht anzusehen, dass ihm diese nur Sekunden dauernde Miniepisode aus neunzig Minuten Fußballfest schon wieder entfallen war. Auch die unterlegenen Herthaner thematisierten das Haar in der Suppe des Bayern-Siegs nicht. Sechs Gegentore und eine grottenschlechte Leistung waren »Demütigung« genug. Der Schnack um »Schnick, Schnack, Schnuck« war ein reines Medienthema.

Und a propos »Demütigung«: Viel, viel blöder als die Gedankenlosigkeiten oder Affekthandlungen von Spielern finde ich das, was sich Norbert Dickel bei der Kommentierung des Pokalhalbfinales gegen Greuther Fürth für das BVB-Netzradio geleistet hat. Die Idee, die Einwechslung von Ersatztorwart Jasmin Fejzic als Demütigung zu sehen, ist an sich schon nur mit Überspanntheit zu erklären. In einem Spiel darf drei mal ausgewechselt werden und es ist völlig legitim, wenn sich ein Trainer entscheidet, kurz vor einem sich abzeichnenden Elfmeterschießen den Torwart zu bringen, den er für den sowohl als Schlussmann als auch als Schütze Geeigneteren in dieser Situation hält. Wenn die Begegnung dann anschließend durch die letzte Aktion im Spiel entschieden wird und es nicht zum Elfmeterschießen kommt, ist die taktische Maßnahme des Trainers nicht aufgegangen. Thema durch. Auf einen ohnehin schon am Boden Liegenden auch noch draufzutreten, ist da ganz schlechter Stil.

Gut, Dickel macht Fanradio und Fanradio braucht weder objektiv noch sachlich zu sein. Aber sein gehässiges Gelächter und sein wirklich saudämlicher Namenswitz mussten nun echt nicht sein. Vielleicht spendiert ihm der BVB ja demnächst mal einen Crashkurs Journalismus. Das Geld wäre bei Dickel offensichtlich gut angelegt.

Witzig sein wollte wohl auch Horst aus der »Radio Hamburg Morning-Show« – aber auf dessen Ausrede für seinen Texttiefflug wäre ich echt mal gespannt. Norbert Dickel kann immerhin noch für sich geltend machen, aus der Emotion heraus daneben gegriffen zu haben. Aber was für eine Erklärung haben professionelle Medienschaffende für eine reguläre und damit ja wohl auch redaktionelle »Programmaktion«, die so schlecht gerät? – Dieser Clip ist ja keine Impro, die mal eben spontan im Studio entsteht und versehentlich ungefiltert über den Äther geht. Da haben sich Leute hingesetzt und einen Text geschrieben, geprobt, eingesungen, geschnitten und abgemischt. Das dauert doch. Da kann mir doch niemand mit einem spontanen Lapsus kommen.

Ja, das ist eine Parodie, Parodie ist Satire, Satire ist Kunst und Kunst darf das. Und, nein, selbstverständlich ist es nicht okay, wegen so einem Liedchen steil zu gehen und den Sänger nun zu bedrohen. Aber wenn sich schon Spieler in jeder Sekunde eines Spiels des Echos auf ihre Handlungen bewusst sein sollen, dann gilt das für Medienschaffende und Medienwirkende wie Dickel und Horst erst recht.

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Eine Antwort auf Netzradio, missglückte Satire, angebliche Demütigungen

  1. Also das mit dem “Schnick, Schnack, Schnuck” würde ich nun wirklich nicht so eng sehen. Das ist einfach der Spaß, den man hat, der gehört doch auch zum Fußball dazu. Das gleich als Respektlosigkeit gegenüber dem Gegner auszulegen halte ich für überhöht.

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