Olympia-Referendum in Hamburg

Hanseatisch und nüchtern

Die Hansestadt Hamburg hat sich gegen Olympia 2024 entschieden – was mich angesichts der unausgewogen positiven Berichterstattung der reichweitenstarken Medien im Vorfeld durchaus überrascht. Nun wäre es mein Verständnis von Sport, von Demokratie und auch des Olympischen Mottos »Dabeisein ist alles«, diese Entscheidung mit Anstand zu akzeptieren. Doch der Nachhall ist fast unisono despektierlich. Motto: Da sind wir so großzügig, das dumme Volk abstimmen zu lassen und dann erdreistet es sich, Nein zu sagen.

Zunächst einmal gilt festzuhalten: Bis auf die LINKE waren alle in der Hamburgischen Bürgerschaft aktuell vertretenen Parteien (einschließlich der für eine Verschiebung des Referendums plädierenden AfD) für Olympia. Der Bürgerentscheid in der Hansestadt war kein von einem vergleichsweise kleinen Kreis initiiertes Volksbegehren, an dem sich dann am Ende nur 25 Prozent aller Wahlberechtigten beteiligt haben, von denen wiederum lediglich etwas über die Hälfte pro oder kontra votiert hat. Es war eine reguläre demokratische Abstimmung. Die Wahlbeteiligung war vergleichsweise hoch. Hier diktiert nicht eine Minderheit von vielleicht zwölf oder 13 Prozent dem Rest der Bevölkerung ein Rauchverbot in Restaurants und Kneipen.

Eine knappe Mehrheit der Hamburgerinnen und Hamburger hat sich gegen dieses breite Bündnis aus Parteien, Medien, Wirtschaft und Prominenz entschieden. Und das können schon rein rechnerisch nicht alles nur »linke Spinner« gewesen sein. Dennoch wird das Ergebnis des Hamburger Referendums nun fast einhellig abqualifiziert: Als ängstlich, mutlos, zu kleinteilig gedacht, als Votum einer verzagten Rentnerrepublik gegen alles, was neu ist. DHB-Präsident Andreas Michelmann beispielsweise kommt im dpa-Interview zu der »bitteren Erkenntnis«, die Bevölkerung sei leichter einzuschüchtern als mit Visionen für die Zukunft zu begeistern.

Im großen oder gar weltmännischen Maßstab gedacht ist freilich auch das nicht. Es zeugt vielmehr auch nur vom verengten und egoistischen Blick eines weiteren Sportfunktionärs. Würden Michelmann und Co. wirklich groß, weit und visionär denken, wären sie sich nämlich bewusst, wie verheerend solche Aussagen gerade in Zeiten der Politikverdrossenheit sind. Sie sagen damit nämlich im Grunde genommen nichts anderes als: Demokratie ist Scheiße.

Mich wundert aber vor allem, dass das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids tatsächlich so viele wundert. Da erzählen Politiker seit Jahren und Jahrzehnten, wie schlimm doch Staatsverschuldung ist. In den Nachrichten ist das Schreckgespenst zahlungsunfähiger Städte und Gemeinden allgegenwärtig. Permanent werden Belastungsgrenzen herbeigeredet. Ständig ist davon die Rede, was wir uns »auf die Dauer« und »wenn das so weiter geht« nicht mehr leisten und was wir nicht mehr verkraften können. Schwarzmaler haben Hochkonjunktur in Talkshows. Wer hingegen an die Kraft dieses Landes mit seinen Menschen glaubt und zu bedenken gibt, dass die Zukunft noch nicht geschrieben steht und sich positiv gestalten lässt, wird als Schönfärber abgetan.

Das, so scheint es, ist die einzige Zukunftsvision, die die Politik in Deutschland und für Deutschland hat. Und in dieses Trommelfeuer des Pessimismus und Negativismus hinein soll sich eine Stadt dann entscheiden und sagen: »Yay, lasst uns mal Milliarden verpulvern!«? Echt jetzt?

Ich frage mich, wie man sich über eine ablehnende Stimmung im Lande wundern kann, die man selbst erzeugt hat und wieder und wieder befeuert. Unsere Kanzlerin hat das Bild von der schwäbischen Hausfrau zum Mantra erhoben, die nicht mehr ausgibt als sie einnimmt. Dass die schwäbische Hausfrau unter Umständen so viel wirtschaftlichen Sachverstand hat zu sagen, so billig wie heute kann sie angesichts historischer Niedrigzinsen nie wieder Schulden machen, kommt in diesem Narrativ nicht vor.

Straßen, Schienen und Brücken verfallen. Polizei, Kindertagesstätten und Bildungswesen sind unterbesetzt. Aber Hauptsache, hinten steht – noch so ein Mantra – die vielbesungene schwarze Null.

Außerdem, liebe Leute, reden wir hier von Hamburg. Von Hammurch. Von einer nordisch-kühlen Hansestadt, einer Stadt mit langer kaufmännischer Geschichte und einem traditionell stolzen Bürgertum. Ist es da wirklich verwunderlich, dass der Hamburger an sich nicht die Katze im Pfeffersack kaufen will? Dass er Großprojekte mit spitzer Feder durchrechnet? Anders gefragt: Ist die Hamburger Entscheidung tatsächlich eine so gefühlige, irrationale, wie es jetzt dargestellt wird? Oder kann man sie nicht vielleicht auch als hanseatisch und nüchtern und mithin als typisch hamburgisch betrachten?

Oh ja, Trotz wird auch mit hineingespielt haben in die Entscheidung. Aber auch das war abzusehen. Die gesamte Hamburger Olympiakampagne war von vornherein aufdringlich optimistisch. Sie war darauf ausgelegt, Hamburg gegen den Rest der Republik auszuspielen, wie das in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens inzwischen versucht und praktiziert wird. Hamburg sollte also den grantigen Münchenern und den muffeligen Berlinern eine Lektion erteilen und fröhlich Ja zu Olympia sagen.

Zu diesem Behufe färbten ZDF und ARD (und hier natürlich insbesondere der zuständige NDR) ihre Berichterstattung kräftig positiv; die stets auf der Seite von Geld und Macht stehende BILD trommelte sowieso, das Abendblatt nahm die Entscheidung gar völlig vorweg mit einem fiktiven Rückblick auf Spiele und Abschlussfeier 2024.

Kurz: Das Ganze war fürchterlich plump gemacht. Wenn das in der Schule aufgeschnappte Achtelwissen über PR und Manipulation durch Werbung ausreicht, um das Hamburger Olympiamarketing zu durchschauen, muss man sich für meine Begriffe nicht wundern, wenn man Trotz herausfordert. Das kollektive Greinen über das Nein zu Olympia ist mithin also auch ein Ablenken vom Versagen der Verantwortlichen, die sich nicht genug bemüht haben.

Tom Hillenbrand hat schon 2010 einen Abschiedsbrief an Hamburg geschrieben. Dessen Inhalt dürfte fünf Jahre später aktueller sein denn je. Und jeder, der diesen Brief gelesen hat, der die norddeutsche Mentalität kennt oder sich auch nur ein wenig damit befasst hat, wie Hamburg tickt, hätte wissen können, dass es mit Imagefilmen voller fröhlicher Menschen und Motivationsmusik nicht getan ist.

Die Hamburger haben gerade einen ihrer geschätztesten Ehrenbürger zu Grabe getragen – einen Mann, der bundesdeutsche Orden und Auszeichnungen stets mit Verweis darauf abgelehnt hat, Hanseat zu sein. Wer da trotzdem glaubt, die Kölnerin Britta Heidemann ins Rennen schicken zu können, die den Menschen an Alster und Elbe dann von einer tollen Stimmung wie bei der WM 2006 erzählt, hat irgendwas grundlegend nicht verstanden.

Da war die Tennisspielerin Andrea Petkovic am Samstag vor dem Referendum im aktuellen sportstudio des ZDF wesentlich authentischer. Sie sprach davon, sich als Sportlerin Olympia im eigenen Land durchaus zu wünschen, räumte aber eben auch ein, in dieser Frage aus just dem genannten Grund nicht objektiv zu sein. Ich glaube, diese Natürlichkeit und Ehrlichkeit hätte Hamburg und hätte auch Berlin und zuvor München weit besser zu Gesicht gestanden als etwa das Dauerfleischlächeln üblicher Sportprominenz-Verdächtiger wie Kati Witt.

Überhaupt, die Stimmung: Die angeblich von ängstlicher Stimmung getriebenen Hamburger hätten also mit Stimmung geködert werden sollen? Und was nun, wenn das Nein der Hamburger auch ein Nein dagegen war?

Vielleicht haben die Hamburger mit ihrem Votum ja auch gesagt: »Bleibt mir fern mit der Aussicht auf schwarz-rot-goldene Jubelperserei. Kommt mir nicht mit Stimmung, kommt mir mit Fakten!«

Vielleicht sehen die Hamburger ja im Gegensatz zu dem, was ihnen jetzt unterstellt wird, doch mehrheitlich das Große und Ganze und sind genau deshalb zu der Erkenntnis gekommen, dass tolle Stimmung kein Schlagloch füllt, Wohnraum nicht bezahlbarer macht und Unterrichtsausfall nicht kompensiert.

Vielleicht war die nun als so irrational geschmähte Hamburger Entscheidung ja in Wahrheit eine ausgesprochen rationale, sich allen Appellen an Emotionen verweigernde, die zu dem nüchternen Ergebnis geführt hat, dass sich seit dem Sommermärchen 2006 unterm Strich nicht sonderlich viel zum Positiven verändert hat. Das Land ist nicht freundlicher, geeinter, friedlicher oder weltoffener geworden. Im Gegenteil.

Vielleicht überblicken die angeblich so unverständigen Hamburger ja doch so viel, dass sie sich noch daran erinnern, dass die Elbphilharmonie ursprünglich nicht mal einen dreistelligen Millionenbetrag kosten sollte. Wer das je geglaubt hat, der wollte es glauben. Die schwäbische Hausfrau jedenfalls hätte vermutlich Zweifel angemeldet.

Klar, der Eiffelturm und der Kölner Dom haben auch weit mehr gekostet als veranschlagt und sind heute die Wahrzeichen schlechthin in ihren Städten. Aber was erwartet man denn von einer Bevölkerung, der man erfolgreich eingetrichtert hat, dass Geld alles ist, dass sich alles rechnen muss und dass alles – auch Kunst, Kultur, Bildung und Gesundheitswesen – tunlichst Gewinn abzuwerfen hat?

Wenn nun also die Sportstätten auch weiterhin verfallen und der Breitensport unterfinanziert bleibt, kann ich nur sagen: Sorry, Trimmdichpfad in Hamburg! Sorry, Ruderverein in Kiel! Sorry, Volleyball! Sorry Bogenschießen und Ausdruckstanz! Aber wenn ihr euch nicht selbst finanzieren könnt, dann müsst ihr eben untergehen. Das nennt sich freier Wettbewerb und so ward es uns gelehrt, dass es gut ist.

Auch sonst gibt es schlicht Fakten, die gegen Olympia in Hamburg und wahrscheinlich auch gegen Olympia sonstwo sprechen. Eine von Korruption und Doping durchzogene Leichtathletik ist nur einer davon. Und es ist nicht das schlechte Timing, das der Bewerbung von Hamburg zum Verhängnis geworden ist. Vielmehr wäre es glückliches Timing gewesen, wenn es bis zum Referendum mal keine Skandale gegeben hätte. Die Affären bei FIFA, DFB und IAAF sind kein zufällige statistische Häufung; sie sind Ausdruck veralteter und verfilzter Strukturen. Auch in diesem Punkt war die Hamburger Entscheidung also durchaus nicht impulsiv.

So oder so sollte nicht mit Steinen werfen, wer im Glashaus sitzt. Die Reaktionen der Unterlegenen des Bürgerentscheids sind nämlich auch nicht gerade sachlich. Noch am Abend der Entscheidung etwa verwiesen die heute-Nachrichten im ZDF darauf, dass es in den anderen Bewerberstädten überhaupt keine Volksbefragung gegeben habe. Zur Sache tut das nichts, es sei denn, man möchte dem dummen Stimmvieh damit dezent drohen.

Von »als allen Träumen gerissenen Visionären« schreibt der NDR, vom Sport, der nun »vor einem Scherbenhaufen steht«, von einem »leider unverändert« bleibenden Hamburger Stadtplan aufgrund fehlenden Handlungsdrucks. Nun ja. Sagen wir einfach: Es wäre schade, wenn sich städtebauliche Projekte tatsächlich nur noch über den Aufhänger sportlicher Großereignisse vermitteln ließen, einzig der Termindruck feststehender Eröffnungsfeiern eine fristgerechte Fertigstellung garantierte und ansonsten alles Flughafen BER wäre.

Andere Medien kamen mit emotionaler Erpressung und erklärten, Hamburg und Deutschland trügen nun eine Mitschuld daran, dass Olympische Spiele auch künftig in autoritär oder diktatorisch regierten Staaten ausgetragen würden. Ja, genau. Warum nicht gleich: »Wenn ihr nicht mit Ja stimmt, werden alle flauschigen weißen Häschen in ganz Norddeutschland an Kampfhunde verfüttert?«

Dass Olympische Spiele und Fußball-Weltmeisterschaften auch und sogar bevorzugt an Länder mit eher unterentwickelten demokratischen Strukturen gehen, weil sich die Organisatoren mit den dortigen Verantwortlichen so leichter einigen können, ist ein Grund für das Hamburger Nein und nicht etwa das Ergebnis dessen. Deshalb ist es auch um so peinlicher, dass sich Hamburgs zuständiger Senator Michael Neumann dieser kruden Argumentation angeschlossen hat. Vergrätzt und unsachlich sprach er davon, dass Olympia nun an »obskure Städte« gehe – an Rom etwa im hinterwäldlerischen Italien oder das gerade erst vom Terror erschütterte Paris. Kein Wort hingegen davon, dass in Neumanns Finanzkonzept sechs Milliarden Euro offen waren, die der Bund hätte zuschießen sollen (oder eben auch nicht).

Das Nein zu Olympia in Hamburg ist keine Überraschung, es ist eine logische Folge. Wer seiner Bevölkerung konsequent alle Illusionen austreibt, muss sich nicht wundern, wenn sie gegen Visionen stimmt.

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