Olympische Winterspiele in Sotschi, Fußball-WM in Katar

Akte der Reinwaschung

Am Freitag beginnen die Olympischen Winterspiele in Sotschi – und dann wird es schlagartig vorbei sein mit den Hintergrundberichten und den kritischen Reportagen über das autoritäre Russland, die Umweltzerstörung, die miserablen Arbeitsbedingungen und die Korruption. Zwei Wochen lang wird es nur schöne Bilder von Eröffnungsfeier, Wettkämpfen und Siegerehrungen geben. Zwei Woche lang werden Rundfunkgebühren in Millionenhöhe zurück fließen in die Taschen derer, die zuvor angeprangert wurden – was letztlich nur beweist, dass das System funktioniert.

Was das alles in diesem Blog zu suchen hat?

Eine ganze Menge, denn bekanntlich findet in nicht allzu ferner Zukunft auch eine Fußball-Weltmeisterschaft in Russland statt. Zudem lassen sich die medialen Abläufe eins zu eins auf die WM in Katar übertragen. Noch werden große Reden geschwungen über die Ungeheuerlichkeit der Ausbeutung der Arbeiter im Wüstenstaat, aber je näher das Turnier rückt, desto leiser werden diese Töne werden.

ARD, ZDF und selbst Privatsender wie Sport1 haben sich nun über Monate in Akten der Reinwaschung ergangen und mannigfaltig über die Schattenseiten der Olympischen Winterspiele in Sotschi berichtet. Nachdem diese lästige Pflicht jetzt erledigt ist, werden sie ab Freitag aber brav die Jubelperser geben und ihr Programm von vor bis hinten zukleistern mit Olympia, Olympia und noch mal Olympia. Wer etwas anderes sehen will, wird lange in die Röhre gucken müssen, bis er etwas findet.

Den zuvor in den zahlreichen Reportagen Angeprangerten kann es also herzlich egal sein, was über sie berichtet wurde, bekommen sie doch, was sie wollen: Prestige und reichlich Geld – aus Werbeeinnahmen und Rundfunkgebühren. (Derweil machen die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in ihren Hauptnachrichten allen Ernstes Platz für die sensationelle Meldung, dass die Haushaltsabgabe vielleicht, eventuell und unter Umständen demnächst irgendwann um ein paar Groschen gesenkt werden könnte.)

Mit Näherrücken der Spiele sind zuletzt verstärkt Sportler vors Loch geschoben worden und mussten sich fragen lassen, wie sie denn nun zur politischen Lage in Russland stehen und welche Zeichen sie zu setzen gedenken. Dieses Abschieben von Verantwortung nenne ich gern den »deutschen Lichterkettenreflex«.

In der Regel ist der deutsche Lichterkettenreflex dabei nicht so medial verordnet wie jetzt im Fall der Olympischen Winterspiele in Sotschi. Er tritt bevorzugt dann auf, wenn es irgendwo in diesem Land mal wieder einen Übergriff Rechtsradikaler gegeben hat und dieser Vorfall es aus irgendeinem Grund in die überregionalen Nachrichten schafft. Dann versammeln sich betroffene Bürgerinnen und Bürger und »setzen Zeichen« mit Spruchbändern, Transparenten und eben Lichterketten.

Das ist schön und gut, weil es demokratisches Engagement zeigt. Der Haken an der Sache ist allerdings: Kein Nazi wird beim Anblick einer Lichterkette Pipi inne Augen kriegen und seine Taten bereuen. Schlimmer noch: die Politik kann sich einen schlanken Fuß machen und selbstgefällig sagen: »Seht her, unser Volk (oder zumindest 75 Prozent davon) ist nicht rechtsextrem!«

Das Problem ist allerdings, dass es just Aufgabe der Politik wäre, rechtsradikale Umtriebe besser zu bekämpfen. Die guten deutschen Bürgerinnen und Bürger nehmen den staatlichen Stellen jedoch nicht nur die Arbeit ab, sie sägen obendrein auch noch weiter an dem Ast, auf dem sie sitzen. Denn, machen wir uns mal nichts vor, jedes Lämpchen in einer Lichterkette wird letztlich als Alibi dafür missbraucht, Aussteiger- und Präventionsprogrammen, Jugendtreffs oder sonstigen Anlaufstellen Mittel zu streichen.

Genau so verhält es sich mit Blick auf Sotschi oder Katar. Wo – weil mit Befugnissen, mit Möglichkeiten, mit Macht ausgestattet – Politik und Verbände gefordert wären, sollen nun Sportlerinnen und Sportler irgendwelche Zeichen setzen. Frauen und Männer, die ihren Lebensunterhalt mit saisonalen Randsportarten verdienen und froh sein können, wenn sie vom reichen Tisch der Herren ein paar Brosamen abkriegen, sollen als Feigenblatt für Demokratie, Menschenrechte und Transparenz herhalten.

Fußballer haben es zwar besser, was ihre finanzielle Situation angeht, aber auch hier ist es natürlich mit schönen Reden nicht getan, die bis zur WM in Russland oder Katar längst verhallt sind. Konsequent wäre es, seitens des DFB die Qualifikation nicht zu spielen und sich der Teilnahme zu verweigern. Natürlich wäre das eine schwierige, kontroverse und folgenreiche Entscheidung, für die es viel auf die Mütze gäbe und die im wahrsten Sinne des Wortes teuer bezahlt werden müsste.

Wenn man diese Entscheidung nicht treffen will, okay. Auch dafür gibt es Gründe. Aber Politik, Verbände und Medien sollten endlich aufhören, Sportlerinnen und Sportlern etwas aufzubürden, das zu tun sie sich selbst nicht trauen.

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