Paul Breitner: Das Russia Today des Fußballs

Ach, Paul …

Was habe ich den Breitner Paul als Kind nicht geliebt! Wie er bei der WM ’82 durchs Mittelfeld gepflügt ist, den Wuschelkopf wie eine Sturmhaube gesenkt! Wie er angeeckt ist, der Mao-Bibelschüler, aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, kein Blatt vor den Mund genommen hat – so ganz anders als die heutigen deutschen Fußballer. Paul Breitner in Potato Fritz war Deutschlands erster Scripted-Reality-Laiendarsteller und ein Wanderer zwischen den Welten. Und er war immer seine eigene PR-Maschine, stets darauf bedacht, im Gespräch zu bleiben und dabei gut auszusehen. Das zumindest hat sich bis heute nicht geändert.

Heute will Paule Breitner von der Geschichte mit der Mao-Bibel nichts mehr wissen. Wie so vieles andere nennt er sie »a Schmarrn« und will am liebsten nicht daran erinnert werden. Ein missgedeutetes Foto, eine moderne Legende, ein sich hartnäckig haltendes Gerücht, von der Presse aufgebauscht – so stellt Breitner selbst es bevorzugt dar. Dass ihm die Jugendsünde peinlich ist, er reifer ist und es besser weiß, als einen Menschenschlächter zu verehren: Geschenkt.

Es ist die Klitterung der eigenen Biografie, die mich stört, dieser vollkommene Umschwung vom einen Extrem ins andere. Breitner will schon immer der stramm Konservative gewesen sein. Damit ist er natürlich nicht allein; schließlich sind auch Deutschlands umtriebigste Anschreiber gegen ein angebliches »linkes Establishment« häufig solche politischen Konvertiten, die päpstlicher sind als der Papst.

So gesehen ist Breitners Vita also eine typisch deutsche Nachkriegsbiografie von einem 68er, der den – ha, ha – langen Marsch durch die Instanzen hinter sich hat: Erst Berufsrevoluzzer mit eigenen Werbeverträgen, dann Populismuslehre bei Axel Springer, heute Chefpropagandist in der freien Wirtschaft.

Paul Breitner tut im Grunde genommen das, was er schon immer getan hat. Breitner war schon als Aktiver ein Cleverle, bei dem im Zweifelsfalle für ein Rasierwasser und einen sechsstelligen D-Mark-Betrag der Bart ab war. Er machte (als Sportler!) Werbung für Tabak. Er ging in die norddeutsche Provinz, als Günter Mast dort mit Moneten wedelte. Er folgte stets der Spur des Geldes.

Noch heute macht Breitner Werbung, wenn auch altersgerechter und gediegener, für Gesundheitsvorsorge und cholesterinsenkenden Brotaufstrich etwa. Leider wirken viele seiner Äußerungen dennoch, als sei der Genuss der fraglichen Margarine zu spät gekommen, um Durchblutungsstörungen noch zu verhindern. Denn wenn Breitner vom FC Bayern München spricht, dann erinnert er an den ehemaligen irakischen Verteidigungsminister unter Saddam Hussein, der noch kurz vor dem Fall Bagdads standhaft behauptete, die amerikanischen Soldaten verübten aus schierer Verzweiflung vor den Toren der Stadt Selbstmord.

Paul Breitner ist das Russia Today des Fußballs. Er verteidigt seine Bayern, die genau das als Verein frühzeitig getan haben und bis heute tun, was Breitner als Spieler getan hat und bis heute tut. Das ist legitim. Die Münchener waren eben in vielerlei Hinsicht früher dran als andere Vereine und sind heute too big to fail. Sollte demnächst ein Verbot von Mehrfachbeteiligungen von Investoren kommen, wird das den deutschen Rekordmeister nicht treffen, weil dessen Geldgeber dann Bestandsschutz genießen. Die Schere, die es laut Breitner nicht gibt, dürfte dann noch weiter auseinander gehen.

Das Traurige am Breitner Paul ist nicht, dass er älter und weiser geworden ist und seine Pavianmähne in Ehren ergraut. Das Traurige ist nicht der Job, den er macht. Das Traurige ist, wie er ihn macht. Das Traurige ist, dass er sich in den Schmarrn, den er verzapft, offenbar so hineingesteigert hat, dass er ihn glaubt. Nachdem er beim FC Bayern München jahrelang außen vor war, weil er via BLÖD auftragsgemäß auch immer wieder gegen diesen stänkerte, ist er heute so etwas wie der in Gnaden wieder aufgenommene verlorene Sohn, dem seine Sünden der Vergangenheit unendlich leid tun. Breitner hat nicht nur Kreide gefressen, er scheint regelrecht traumatisiert davon, dass ihn »seine« Bayern einst verstoßen hatten – und so bemüht er sich eilfertig, heute bloß keinen Zweifel an seiner Loyalität aufkommen zu lassen.

Breitner könnte es bei den oben genannten unbestreitbaren Fakten belassen. Er könnte den FC Bayern München loben dafür, dass er sich frühzeitig vermarktet hat, dass er sich vor allen anderen Vereinen in Medien, Politik und Wirtschaft hinein vernetzt hat. Doch Breitner tut mehr. Er betreibt Greenwashing. Dabei stammt doch beispielsweise die Behauptung, der FC Bayern München habe durch den Bau des Olympiastadions einen Wettbewerbsvorteil erhalten, nicht von irgendwem sondern von Sepp Maier – nachzulesen im kicker-Sonderheft »40 Jahre Bundesliga«.

Im Rausch der Rede stellt Breitner Behauptungen auf, die schlicht unhaltbar sind. So soll Berlin, die jahrzehntelang geteilte, die eingemauerte Stadt, laut Breitner die gleichen Voraussetzungen gehabt haben wie München. Das ist einfach lächerlich. Und natürlich kauft der FC Bayern München Spieler, um die Konkurrenz zu schwächen, natürlich! Das haben die Vereinsoberen ja in einem Anfall von Ehrlichkeit schon einmal zugegeben.

Spieler wie Jan Schlaudraff, Tim Borowski, Lukas Podolski oder zuletzt Jan Kirchhof waren Spekulationsobjekte. Sie wurden auf Verdacht verpflichtet. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich beim FC Bayern München würden durchsetzen können, war gering, aber sie zu verpflichten war aus Münchener Sicht immer noch besser, als sie zur Konkurrenz gehen zu lassen.

Kein konstruierter Zusammenhang scheint Breitner zu blöd, wenn es darum geht, die Vereinspolitik des FC Bayern schönzufärben. So behauptete er im Aktuellen Sportstudio des ZDF, Mario Götze sei auch deshalb nach München gewechselt, weil seine Familie ursprünglich aus dem Allgäu stamme. Der deutsche Rekordmeister als heimeliger Hort der Glückseligkeit. Das ist das Bild, das Breitner verkaufen will.

Breitners Masche ist dabei denkbar simpel: Möglichst einfach viel reden und die anderen nicht zu Wort kommen lassen. Zur Not tut es da auch eine Scheindebatte über die Semantik des Begriffs »taktisches Foul«. Irgendwo in dieser verbalen Gletschermoräne rollen Breitners PR-Botschaften mit – kaum ausgesprochen, sind sie auch schon wieder weg. Man kann nicht einhaken, man kann nicht nachfragen, aber das Statement ist gesetzt und wirkt.

Wenn man es schafft, Breitner trotzdem aufmerksam zuzuhören, offenbart sich allerdings seine von jeglicher Fußballromantik befreite Sicht der Dinge. In jenem Sport1 Doppelpass, in dem Breitner zuletzt die Bundesligakonkurrenz als »unfähig« bezeichnete, sprach er von Bayern München als einem (wie bei allen Bundesligisten steuersparend unter dem Dach eines Vereins organisierten) mittelständischen Unternehmen, das seinen Aktionären verpflichtet sei. Ja, die Fans hat er eiligst auch noch in die Aufzählung mit eingewoben. Und doch war dieser Beinahe-Fauxpas vielleicht versehentlich Breitners ehrlichste Aussage.

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